Birgit König - Preisträgerin Marlies-Seeliger-Crumbiegel-Preis 2014: 

Es sind die Fragen der Malerei, die Birgit König seit Jahren beschäftigen und die sie in einem eigenen Weg konsequent verfolgt. Farbe und Unfarbigkeit, Linie und Fläche, Nähe und Tiefe sind die großen Themen ihrer Bilder. Dabei gibt die im barocken Schloss Zweibrüggen anlässlich der Preisverleihung gezeigte Ausstellung erfreuliche wie überraschende Einblicke in den langjährigen Prozess dieser geradlinigen künstlerischen Position. Ein Konvolut von kleinformatigen Arbeiten auf Papier lässt auf der Galerie des Schlosses die Betrachterin, den Betrachter nah herantreten. So können die Grundstrukturen des Königschen Oeuvres ganz aus der Nähe studiert werden. Lineamente liegen hier übereinander, Horizontale und Vertikale dringen ineinander. Schmal und breit, lavierend oder wie herausgewischt erscheinen die Formationen und zeigen eine schier unerschöpfliche Vielfalt dessen, was auch mit dem einfachen Begriff des Gitters umschrieben werden könnte. Doch ist es weit mehr als die Kreuzung zweier gerader Elemente. Das optische Spiel von Dichte und Transparenz wird selbst in diesen sehr kleinen Formaten deutlich. Unabhängig davon, ob Tusche oder weicher Grafitstift – manchmal mit Wasser ausgezogen, was an farblose Aquarellmalerei denken lässt –, bestehen diese Studien aus den klassischen Materialien der Zeichnung und lassen doch ein viel weiteres Feld erahnen.

Dieses Feld öffnet sich weit bei den mittleren und großen Formaten der Malerei. Auch in dieser Disziplin nutzt Birgit König die jahrhundertealte Kenntnis um die Phänomene der Malerei und ihrer Materialien. Nur noch wenige Künstlerinnen und Künstler arbeiten heute mit selbst hergestellten Farben, geschweige denn mit der Technik der Temperamalerei. Im Gegensatz zur Ölmalerei ist hierbei das Trägermaterial nicht Öl, sondern Eitempera, ein Gemisch aus Eigelb, Leinöl und Wasser. Temperamalerei zeichnet sich durch besondere Strahlkraft der Farben aus, was Birgit König in ihren farbigen Bildern trefflich nutzt. Historisch gesehen ist die Temperamalerei eine mittelalterliche Technik, die in großen, oft den Farbklängen Rot, Blau oder Gold folgenden Altarbildern größte Leuchtkraft entwickelte.
Wie intensiv die Farben sein können, zeigt Birgit Königs Arbeit o.T. von 2009: Drei vertikale Hauptstrukturen definieren das Bild. Blaugrau und Weiß begegnen sich und stecken die Hell-Dunkel-Bereiche des Bildes ab. Dazwischen entwickelt sich ein Farbenspiel von größter Intensität. Die Komplementäre Blau und Orange begegnen sich, unterstützt von Grün und Gelb, Rot schimmert durch, färbt sich bis ins Rosafarbige. Zwischen dieser weiten Farbpalette öffnen sich Räume, scheint der Blick bis in große Tiefen des Bildes vordringen zu können, begibt sich auf Entdeckungsreise. Dabei unterbricht ihn immer wieder die unglaubliche Dynamik des Bildes, das ebenfalls Assoziationen von vorbeiziehender, man muss eher sagen vorbeifliegender Landschaft hat. Oder ist es eben doch einfach Farbe, wenn wir unserem Bedürfnis nach figürlichem Sehen nicht weiter nachgeben? Denn die Bilder von Birgit König haben keine Figur. Sie sind im besten Sinne unfigürlich, strukturell, Farbklänge und – wie in diesem Fall – räumliche Farbdynamiken. Solche Bilder entstehen in langen Prozessen, Farbschicht um Farbschicht wird übereinandergelegt. Zeit wird mit eingefangen, und diese benötigen auch die Betrachterinnen und Betrachter, um sich in das Bild hineinzusehen, um seine gesamte Wirkung zu erfassen.

Häufiger kommen in Birgit Königs Oeuvre Farbklänge vor. So ist es über die Jahre immer wieder die Farbe Rot, die in ihren diversen Nuancen eine zentrale Rolle spielt. Mal mehr die Vertikale, mal mehr die Horizontale betonend, begegnet das Rot optisch den unbunten Farben Schwarz und Weiß (wobei das Schwarz häufig gar kein Schwarz ist, sich aber dem Auge so mitteilt). Die Lineamente zeigen deutlich Pinselspuren und verweisen so auf den Pinselduktus, eins der Urelemente der Malerei. Opak oder transparent können sich die Schichten und Farbklänge dabei begegnen, verdichtet oder wie ein Hauch stehen die Farben zueinander. Die große Leuchtkraft hinterlässt Erstaunen.

Doch gibt es ebenso gedeckte Farbklänge wie bei o.T. 2011. Ein tiefes Violettbraun drängt an die Oberfläche. Weiß, Gelb und ein fast grelles Orange strahlen scheinbar aus dem Hintergrund bis nach vorne. Das Liniennetz wird feinmaschiger, das „erkundende Sehen“, das diese Bilder benötigen, kann hier die diversesten Räume und Schichten entdecken und sich ganz in einem entschleunigten Zeitrahmen in die Malerei vertiefen.

Während die bisher besprochenen Bilder ein starkes Eigenleben beanspruchen und ihre Existenz deutlich behaupten, malt Birgit König ebenso zurückhaltende Arbeiten, die sich in ihre Umgebung einfügen. Ein besonders schönes Beispiel wird für die Zeit der Übach-Palenberger Ausstellung im Barocksaal des Schlosses den Platz des Kaminspiegels einnehmen. Wie für den Platz oberhalb des marmornen Sockels und innerhalb des stuckierten Aufbaus gemacht, wirken die Farben hier pastellen und mild. Lichte sowie tiefe Gelbtöne und edles Violett lassen barocken Reichtum assoziieren, auch die oft in ihrer Dichte zu einer Art Abstraktion verschmelzenden malerischen Ergebnisse des 17. und 18. Jahrhunderts.
Und dann gibt es im Barocksaal noch echte Neuentdeckungen zu machen: Erstmals zeigt Birgit König hier Arbeiten auf Papier aus dem Jahr 2001. Dass es zu ihren Grundprinzipien gehört, Papier oder Leinwand immer wieder aufs Neue mit ein und derselben strukturellen Fragestellung zu untersuchen, haben unter anderem ihre schwarzweißen Zeichnungen gezeigt. Was das aber genau heißen kann, verdeutlichen wohl noch viel stärker diese Farbarbeiten. Wie mit einem Mikroskop aus den bisher besprochenen Strukturen herausgezoomt erscheinen die Farbklänge. Assoziationen von Mikro- und Makroanordnungen werden wach. Dabei sind die Farbbegegnungen sowohl im komplementären (Rot und Grün) als auch im monochromen Bereich (Rot und Rot) vorhanden. Schicht für Schicht aufgebaut, sind es die beiden abschließenden Pinselstriche, die das Bild im Letzten definieren. Neben dem Schichtenaufbau zeigen diese Fingerübungen die Relevanz des Pinselstrichs, des Duktus für die Malerei von Birgit König. Jedes einzelne Haar ihres Werkzeugs scheint sichtbar zu werden. Die auslaufenden Pinselstriche betonen diese feine Struktur. Diese wunderbaren Farbklänge bilden die Klammer zu den strukturellen Zeichnungen.
So schafft es die Ausstellung, Facetten wie Grundlagen des Oeuvres von Birgit König pointiert herauszuarbeiten und dem interessierten Publikum vorzustellen. Der Marlies-Seeliger-Crumbiegel-Preis 2014 wird ihr wegen dieser herausragenden künstlerischen Position verliehen.

Dr. Christine Vogt
Direktorin Ludwiggalerie Schloss Oberhausen