Ausstellung in der Rudolf-Scharpf-Galerie Ludwigshafen vom 24.09.04 bis 14.11.04

Yvonne Lee Schultz: "liquid"
Die Fotografin und Malerin Yvonne Lee Schultz (geb. 1966 in Berkeley, Ca./USA, lebt in Berlin und München) und die Malerin Claudia Desgranges (geb. 1953 in Frankfurt a.M., lebt in Köln) verbindet mehr als nur das Format ihrer Arbeiten: beide bevorzugen stark horizontale Bildträger, die den Eindruck von Panoramen erwecken. Hinzu kommt, dass beide in ihrem jeweiligen Medium, in der Fotografie und in der Malerei, ganz ähnliche Ansätze verfolgen. Die schlierenartigen Licht- und Farbspuren in ihren Arbeiten erinnern auch an die Wahrnehmung der Landschaft aus einem fahrenden Zug.
Yvonne Lee Schultz beschäftigt sich in ihren Fotoleuchtkästen mit dem Ablauf von Zeit und Bewegung. Für die Arbeit aus der Serie "Dreh-Arbeit/Schwindel" hat sich die Künstlerin einmal um 180 Grad in einem Supermarkt gedreht und die Drehung als fotografische Spur auf der Bildoberfläche hinterlassen. Durch die Bewegung verschwinden die festen Konturen der Dinge, die bunten Etiketten der einzelnen Dosen oder der rosigen Fleischwaren lösen sich auf und werden zu horizontalen Farbbahnen, sie wirken wir gestische Pinselschwünge.

Yvonne Lee Schultz: "ferrarosso per"
In der Arbeit "Supermarkt" ist nun wirklich nichts mehr aus der Realität identifizierbar. Es sind zahlreiche Lichtspuren, die streifenartig, ja, kometenhaft am Betrachter vorbeihuschen. Es sind Spuren von Licht und Farbe, die den Betrachter in einen Geschwindigkeitsrausch bringen. Keine kontemplative Wahrnehmung, sondern die Hektik als ganz normaler Wahnsinn.
Die feinen Linien auf den Bildern ("strips") sind bedingt durch die digitale Fototechnik. Sie sind bewusst stehen gelassen (und nicht durch Bildbearbeitung im Computer beseitigt worden), um - fast wie ein digitaler Duktus - auf ihren Ursprung zu verweisen. Die Aneinanderreihung der einzelnen Aufnahmen verweist auf den Charakter des Panoramabildes (um eine möglichst große Übersicht zu bekommen) und den fast filmischen Moment der Zeit. Das Panoramaformat lädt dazu ein, am Werk entlang zu gehen und diese vermeintliche Bewegung nachzuvollziehen.
Claudia Desgranges widmet sich in ihren ebenfalls stark querformatig ausgelegten Arbeiten, den sogenannten "Zeitstreifen" mit der autonomen Wirkung von Farbe und deren Wechselspiel mit dem von ihr bevorzugten Bildträger Aluminium. Da die Farbe hier nicht wie bei Leinwand einsickert, ergeben sich je nach Dicke des Farbauftrags interessante Spiegelungen und Strukturen. Die Farben verlaufen und fließen ineinander über, oft ergeben sich so horizontale Streifen, was - wie auch bei den Fotografien von Yvonne Lee Schultz - den Eindruck von Bewegung erweckt. Der Pinselduktus bleibt sichtbar und die Zeitabläufe der Entstehung des Werkes nachvollziehbar, d.h. auch rein technisch ist der Zeitaspekt thematisiert.

Claudia Desgranges
Die Künstlerin hat die Farben ohne vorherige Bestimmung aufgetragen, ein Vorgang, der sie ans Schreiben erinnert hat. Sie malt vertikale Bahnen auf den Bildträger, die sie anschließend mit einem trockenen Pinsel horizontal verwischt und ineinander zieht. Dadurch werden vielfältige Überlagerungen und Verbindungen zwischen den Farbflächen erzielt, die ein Auflösen der Farbgrenzen und auch Farbbestimmungen bewirken. Keine zuvor aufgesetzte Farbe bleibt wie sie war, sie wird eingestimmt in den Akkord, ja, in das Gesamtkonzept der Farben im Bildgefüge.
Die ausgeprägte horizontale Form des Bildes und der spezielle Farbauftrag, der Claudia Desgranges Handschrift zeigt, tragen zur poetischen Wirkung des Bildes bei. Es ist eine sinnliche, eine visuelle Poesie, die im Abschreiten des Bildes erzählt wie ein Reiseroman, er lässt das Fortschreiten, das Fortbewegen erleben und er erzählt von den einzelnen erlebten und gesehenen Szenen in einem unbekannten Land, die sich in der Erinnerung miteinander verweben, überlagern und verschleiern, jene farbigen Schleier verbinden sich, greifen zurück und nach vorn, verbinden Vergangenheit und Zukunft im Hier und Jetzt.

Claudia Desgranges
Desgranges Arbeit könnte auch mit einem Filmstreifen verglichen werden oder eben mit einem Panoramabild. Auch ihr kleines horizontales Band im oberen Stockwerk erscheint wie ein Augenblick unserer Wahrnehmung vom Zug aus: Ein schnelles Vorbeihuschen, ein flüchtiges Voranschreiten der Realität, ein "Geschwindigkeitsstreifen", ein Rundumblick, der Schwindel verursachen kann. Die Konzentration auf Farbe, Licht, Bewegung und die korrespondierenden Panorama-Formate lassen die stark rhythmisierten Arbeiten beider Künstlerinnen in einen sinnlichen Dialog treten.
Rudolf-Scharpf-Galerie
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