F├Ârdergemeinschaft Herrenhof Mu├čbach / Herrenhof Mu├čbach
 
Heinz Brzoska: "Retrospektive zum 65. Geburtstag"
Malerei, Grafik
07.01.07 bis 28.01.07

Besprechung von Gabriele Weingartner, Die Rheinpfalz vom 05.01.07

Die Hand am Puls der Zeit

Lässt sich eine Retrospektive eine Retrospektive nennen, wenn der Betrachter feststellen kann, dass sich ein Künstler treu geblieben ist? Die aktuelle Ausstellung im Herrenhof Mußbach - sie zeigt Malerei und Grafik von Heinz Brzoska zu dessen 65. Geburtstag - stellt diese Frage buchstäblich in den Raum.

Und viele mögen sich berufen sehen, sie zu beantworten, denn der 1942 im oberschlesischen Kattowitz geborene Künstler, der 1958 in die Bundesrepublik kam und an den Kölner Werkschulen studierte, ist bekannt und beliebt, seit ihn Wilhelm Steigelmann in Rhodt, wo Brzoska seit vielen Jahren wohnt, und Arno Zipp in Haßloch pfalzweit unter ihre mäzenatischen Fittiche nahmen. Freischaffend aber ist er seit dem Abschluss seines Studiums immer geblieben, und zwar in einem höchst existenziell gemeinten Sinn: Ein Maler ohne Lehrverpflichtung an Gymnasien, aber mit gelegentlichen Schülern, ohne arbeitende Ehefrau im Hintergrund, angewiesen nur auf den eigenen Genius und die immer wieder aufzubringende Disziplin.

Wie in früheren Zeiten, nicht anders als die Niederländer im 16. Jahrhundert oder die französischen Impressionisten, die ihn beide beeinflussten, hat er auf unzähligen Porträts Pfälzer Honoratioren und Pfälzer Familien in der ihm ureigenen Art verewigt. Die pfälzische Landschaft eher ein bisschen seltener. In allen Sparten aber - sei es Malerei oder Grafik - konnte Brzoska auf sein stupend solides handwerkliches Können zurückgreifen und auf seinen unglaublich wachen Geist, der ihm unaufhörlich seine inneren Bilder beschert. "Ich kann nichts für meine Unruhe", sagt Brzoska beim Gang durch die Ausstellung, "ich bin einfach so". Und: "Ach, sehen Sie, dieses Mädchen-Porträt. In diese Kommilitonin war ich einmal schrecklich verliebt."

Auch Brzoska hat einen Entwicklungsprozess durchgemacht. Das sieht man an seinen frühen Bildern, die die von Gerhard Fiedler sensibel kuratierte Schau nicht etwa "verschweigt". Selbst abstrakt oder informell hat er gearbeitet, weil ihn eben - neben den alten Meistern - auch Jackson Pollock oder Picasso faszinierten. Letztlich aber wollte der Künstler immer Geschichten erzählen, den Menschen zeigen in seinen biografischen Verästelungen und Gebrochenheiten und nicht etwa den zufällig rechts oder links drehenden Drall der Farben. Und so hat er dazu eine Methode entwickelt, die wohl einzigartig ist: Vielleicht könnte man sie realistischer Kubismus nennen oder auch, umgekehrt, kubistischer Realismus.

Sicher ist, dass Brozska nach wie vor - das heißt auch 2006, viele Bilder dieser Ausstellung sind im vergangenen Jahr entstanden - in der Lage ist, in seinen Bildkompositionen ein psychoanalytisch gefärbtes Prinzip der Tiefenbohrung anzuwenden, das ihm erlaubt, den Dingen und Individuen auf vielfältige und logistisch ausgeklügelte Weise auf den Grund zu gehen. Nicht selten kann man geradezu "Klimazonen" erkennen, die sich über seine Bilder ziehen, wenn sie - zum Beispiel - rechts mit einem satten Sonnengelb beginnen und links mit einem klirrend kalten Blaugrau enden. Immer aber stehen dem gnadenlos durchgezogenen künstlerischen Kalkül Melancholie und Trauer gegenüber. Die träumenden Gesichter mit ihren gesenkten Augenlidern, die Köpfe, aus denen ganze Bilderserien entweichen, diese blicklosen Blicke in eine sich fort und fort verzweigende Unendlichkeit. Die schutzlosen Frauenakte! Ihnen kann man kaum entgehen. Selten hat man bei Brzoska einen lebendigen Männerakt erlebt, Männer sind bei ihm immer nur Statuen. Und als ganz besonders sprechend erweisen sich die von ihm regelrecht choreografierten Hände.

Der in der Masse manchmal doch etwas bleiern wirkenden "Methode Brzoska" kann der Betrachter übrigens am besten entkommen, wenn er sich in die Zeichnungen und Aquarelle vertieft, die in großer Zahl in der Schau zu finden sind. Nervöse Strichgewitter, zartestes Farbengewölk, real gewordene Träume und Alpträume begegnen uns da, locker, aber altmeisterlich gefasst. Brzoska ist eben auch ein brillanter Zeichner. Und als solcher hat er seine Hand am Puls der Zeit.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.



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Heinz Brzoska
Plakat zur Ausstellung