Landkreis S├╝dliche Weinstra├če / Kreisverwaltung S├╝dliche Weinstra├če
 
Victor Sanovec: "Ausschnitt"
Bilder, Grafik, Entw├╝rfe
03.10.07 bis 02.11.07

"Das Kunstwerk ist das allergrößte Rätsel, aber der Mensch ist die Lösung." (Joseph Beuys, 1985)

Einführung von Susanne Kujer
Referentin für Bildende Kunst, Kulturamt Frankfurt am Main

"Wenn ich bewußt mit den Mitteln arbeite, die ich habe, dann kann ich auch mit jedem Raum arbeiten, der mir zur Verfügung steht".

Der letzte Raum, den Victor Sanovec bespielte, war ein öffentlicher Raum in Huerta bei Salamanca in Spanien. Dort wurde im vergangenen Jahr seine Plastik "Tierraguaire", die die spanischen Worte für die Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft, die an dieser Stelle zu einem Kunstwort zusammengesetzt thematisiert, an einem Verkehrskreisel eingeweiht. Dieser Ort wurde somit zum "Aushängeschild" der Gemeinde und erfährt eine Ausstrahlung weit über die Grenzen des Stadtteils hinaus.

Seine Ausbildung erhielt der 1943 in Olmütz in Tschechien geborene Victor Sanovec 1969-1974 an der Hochschule für Bildende Künste - Städelschule in Frankfurt am Main. Als Bildender Künstler machte er sich sehr schnell einen Namen.

Sanovec malte zuerst expressiv. Um 1973 entstand eine Reihe von Bildern im gleichen Format in Kadmium-Gelb. Das war für ihn die Farbe par excellence. Darüber malte er weiß, so dass lediglich die Kanten gelb blieben. Später schuf er Bilder, die variabel waren, um zu zeigen, dass die Ganzheit aus zwei Teilen besteht, die zueinander gehören, auch wenn sie vollkommen anders aussehen.

"Mich interessiert die Beziehung zwischen der Ganzheit und den Teilen. Nicht die Komposition. Mehr als das Formale fesselt mich zum Beispiel so etwas wie Gerechtigkeit. Es interessiert mich nicht, wie etwas aussieht, sondern wie es ist."

Das Prinzip der Arbeiten Sanovecs hängt seit jeher nicht nur mit der farbigen Oberfläche zusammen, sondern auch mit ihrem Kombinieren, Falten, Reißen, mit ihren Schrammen und Durchsichten, die die innere Struktur enthüllen. Es ist nicht die Farbe allein, die ihn interessiert, vielmehr geht es um Farbbeziehungen und Farbpaare.

Vorder- und Rückseiten sind für ihn Licht- und Schattenseiten - Tag und Nacht. Seine Bilder eröffnen dem Betrachter so viel Raum, dass er seine eigenen Fantasien einbringen und Neues entdecken kann.

In seiner Malerei sieht er sich in der Tradition von Chardin, Grünewald und Tizian, den Impressionisten Monet und Matisse genauso verpflichtet wie Newman, Rothko, Graubner oder Nay. Den Bildhauern Rückriem, Serra oder Long steht er näher wie den Malern. Die Affinität liegt darin, dass diese mit gefundenem Material eine Struktur bilden. Ähnlich wie Sanovec, der seine Strukturen durch das Auftragen unterschiedlicher Farbschichten findet.

"Die Formen, von denen ich ausgehe, sind alltäglich, die Ergebnisse sind es aber nicht."

Kunst ist etwas Subjektives, keiner kann sagen, dass ein anderer etwas anderes oder das Gleiche wie der Künstler selbst sieht. Vom Betrachter verlangt Sanovec die aktive Teilnahme am Geschehen. Er möchte, dass sich die Arbeiten so verhalten, dass ein aufmerksamer Beobachter bei der Betrachtung des Objektes weiß, warum es ist wie es ist. Es soll für ihn lesbar sein.

Seine Inspiration erhält Sanovec durch innere und äußere Einflüsse. Menschen, Umkreise, Erfahrungen. Dabei haben Bilder schon immer sein Leben geprägt. Seinen Beruf als Bildender Künstler sieht Sanovec als Berufung. Dass dabei auch das Scheitern gestattet ist, sieht er als ein wichtiges Regulativ seiner Visionen an.

"Die Visionen auf ihre Gültigkeit und vor allem Lebensfähigkeit zu überprüfen und dann auch zu revidieren ist die schöpferischste Aufgabe überhaupt - viel wichtiger vielleicht noch als ihre Schaffung."

Mit dem Wechsel des Wohnortes von Frankfurt an den Rhein 1992 wandelteten sich Sanovecs Ansprüche an die künstlerische Arbeit. Die Natur und der Umgang mit ihr nahmen an Bedeutung zu und ergänzten sein bisheriges Schaffen.

Gemeinsam mit seiner Frau Barbara Fuchs entstand ein eigenes Natur-Kunst-Projekt am Rhein, das sich 1996-2001 zum Projekt "Rheingarten" entwickelte. Die Vision bestand darin, verlassene, brachliegende Weinberge zu einem System von Gärten auszubauen und diese Gärten beidseits des Flusses mit Blickachsen zu verbinden. Das europaweit beachtete Pilotprojekt fand in späteren Jahren viele Nachahmer.

Mit dieser Arbeit schloss sich in Sanovecs Biografie der Kreis seines sozialen Engagements. Seit jeher ging es ihm darum, Menschen für seine Projekte zu gewinnen, sie zu beteiligen, zu diskutieren und Meinungen auszutauschen.

Bereits 1973 hatte Sanovec ein Projekt mit Strafgefangenen realisiert. Mit einer Gruppe junger Künstler ging er in die Strafanstalt und malte mit den Strafgefangenen. Daraus resultierten im weiteren Verlauf Wandmalereien, die auch Jahre später noch unbeschädigt zu sehen waren.

Ein weiteres Projekt widmete sich dem kreativen Arbeiten mit Kindern. Dafür wurde ein zum Abbruch bestimmtes Haus in Frankfurt am Main kurzerhand der Zwischennutzung als Kinderhaus unterzogen. Gemeinsam mit den Kindern wurde gekocht, die Kochrezepte wurden gezeichnet, es wurde gemalt, modelliert und das alte Haus mit den Kindern wieder aufgebaut.

"Ich denke, wenn du wirklich als Künstler arbeitest, dass du alle diese Tätigkeiten als Kunstmedium nutzen kannst, dass du dazu deinen persönlichen Zugang findest und das ist eigentlich die Aufgabe des Künstlers. Nicht dass du etwas besonders perfekt machst, sondern dass du einen kreativen Zugang zur Realität hast."

Mit der Gründung des "Forum für Kunst und Kultur VICTORAT" hat Victor Sanovec 2004 die Schwerpunkte seiner Arbeit "Kunst - Natur - Soziales" authentisch positioniert.

Eine besondere Bedeutung nimmt zudem seine Verbindung zum Judentum und Israel ein. Die Arbeit mit der Kunst hat ihn erfahren lassen, "dass wir alle nur das sehen, was wir wissen."

Durch das Engagement von Barbara Fuchs unter Beteiligung von Victor Sanovec wurde vor einem Jahr - am Internationalen Tag der Jüdischen Kultur - ein Denkmal der Oberweseler Bürger für ihre jüdischen Nachbarn eingeweiht. Dieses Denkmal ist ein wichtiges Zeichen, das auf die Vergangenheit hindeutet. Um die Arbeit für Verständigung zwischen Juden und Christen in der Gegenwart weiter sichtbar zu führen, haben beide den "Rabbi Hillel e.V." in Oberwesel gegründet.

Victor Sanovec ist immer er selbst. Jede seiner Arbeiten enthält ein Stück eigener Lebenswelt und Emotionen. Durch kontinuierliche Veränderungen in den letzten Jahren entstanden Visionen, die diese Abschnitte prägten und prägen.


Besprechung von Gabriele Weingartner, Die Rheinpfalz vom 06.10.07

Landschaften auf dem Papier

"Work in progress", grafisch gefasst und in vielen Variationen, aber auch die Vorstufen größerer plastischer Werke von Victor Sanovec sind derzeit im Foyer der Kreisverwaltung Südliche Weinstraße zu sehen. Der 1943 in Olmütz/Tschechien geborene Künstler beschränkt seine Tätigkeit nicht nur aufs Papier, sondern arbeitet auch skulptural und gestaltet "neue" Landschaften. Das sollte man wissen, wenn man die Ausstellung besucht.

Denn die Siebdruck-Pastell-Serie "Rheingarten" ist ohne das gleichnamige Natur-Kunst-Projekt, das Sanovec mit seiner Frau Barbara Fuchs am Rhein realisiert hat, nicht zu denken. Fünf Jahre lang, von 1996 bis 2001, baute das Paar verlassene, brachliegende Weinberge zu einem System von Gärten aus und und verbanden sie beiderseits des Flusses mit Blickachsen. Das europaweit beachtete Projekt fand viele Nachahmer, die Sanovecs und Fuchs' Vision dreidimensional-realistisch ins Werk setzten. In der Kreisverwaltung ist es dagegen auf Siebdrucken und Aquarellen ins Abstrakte verbannt, als Skizze, als Überblickszeichnung, die freilich auch so eine luzide Poesie verströmen. Ähnlich verhält es sich mit den Grafiken zum Thema "Tierraguaire", dessen skulpturale Entsprechung in Huerta bei Salamanca, mitten auf einer Kreuzung, in einer ökologischen Parklandschaft steht.

Teil der Plastik aus Stahl, Erde und Stein sind die Buchstaben, aus denen das Kunstwort - zusammengesetzt aus den spanischen Wörtern Erde, Wasser, Luft - besteht. Und auch auf den Farb-Siebdrucken sind die Lettern in wechselnden Farben wiederzuerkennen, aus verschiedenen Perspektiven gesehen, tanzend und schwirrend. Die aus hundert Blättern bestehende Edition, von der in Landau leider nur zwei Blätter hängen, ist wichtiger Bestandteil des ganzen Projekts.

Dass Sanovec, der ein Studium an der Städelschule in Frankfurt absolvierte und sich selbst als sozial engagierter Künstler begreift, der immer wieder mit Kindern und Strafgefangenen arbeitet, auch auf seinen Zeichnungen und Grafiken skulptural denkt, ist nicht zu übersehen. Die konstruktiven Formen der Serie "Raum" und "Rot - Grün" - allesamt echte und deftige Steinlithos und nicht etwa Alugrafien - kann man sich in ihren Verschränkungen gedanklich gut ins Plastische "übersetzen". Raumgreifende, farbige, nicht selten gestisch wild schraffierte Flächen, die der Künstler aufs Papier setzte, als wollte er damit eine Landschaft gestalten.


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