Landkreis Südwestpfalz / Kreisgalerie Dahn
 
Theo Rörig
25.05.08 bis 22.06.08

Transparenzen.
Zu den Werken von Theo Rörig.

Transparenz bedeutet gegensätzliches; Durchscheinen, Durchsichtigkeit einerseits und Klarheit, Deutlichkeit auf der anderen Seite. Das eine, eine Frage der Anschauung, das andere der Erkenntnis. Transparenz beinhaltet Mehrschichtigkeit, Verdichtung, Überlagerung, die transparent keine Eindeutigkeit möglich machen. Verschiedene durchscheinende Bilder übereinander gelegt ergeben ein Kaleidoskop, eine Art Vexirbild, das immer nur dem einzelnen Betrachter und seiner Fähigkeit mit seinen Sinnen zu sehen, eine Deutung geben kann.

Mit der geheimnisvollen Gabe, Gedanken sichtbar zu machen, bringt Theo Rörig den Stein oder das Metall zum Sprechen. Archaisch wirken viele seiner Köpfe - und Köpfe sind das Leitthema des Künstlers. Unnahbar, abstrahiert, abwesend, abweisend - Köpfe wie Visiere und als Helme, nur kleine Öffnungen als Augenpunkte oder als Nasenlöcher verraten das menschliche Wesen hinter der Oberfläche. Der Mensch als handelndes, denkendes, agierendes Wesen steht im Mittelpunkt. Sein Stellenwert als einer unter vielen wird hinterfragt. Der Helm als Schutz, als das wahre Ich verbergende Element, oder als Waffe - hier wie in der Realität ist die Transparenz im Sinne von Deutung. Abweisend stehen die gerosteten Stahlstelen für den Grad des inneren Zustandes, Abwehrhaltung wegen übermäßiger Verletzlichkeit, daraus resultierend, Verschlossenheit, Isolierung. Aber der Künstler Theo Rörig urteilt nicht und kategorisiert nicht. Unter der Oberfläche der ersten Transparenz liegt eine Schicht Hoffnung und Erkenntnis. Es können Augen als Lichtpunkte sein, Symbole und Zeichen - oder die unterschiedliche Behandlung des Materials, das durch seine Erscheinungsform glänzend, matt oder stumpf differenziert. Glänzend poliert oder stumpf zeugen sie von großer innerer Spannung, die der jeweiligen Skulptur immensen Reichtum und Ausdruck bescheren. Auch seine Figuren, obwohl streng komponiert, zeugen durch ihre Haltung von Weichheit und Wärme. Wenn nicht die menschliche Figur Modell für seine Arbeiten steht, bedient sich Theo Rörig geometrischen Formen. Aus Dreieck, Quadrat und Kreis entwickelt er Zeichen mit symbolhaftem Charakter.

Gabriele Kriessler (Galerie Leonardis)

Einführung von Barbara Bechtel

Nur wenige Zentimeter groß sind die Kunstwerke aus Knochen und Elfenbein, die Archäologen in der Vogelherdhöhle am Albtrauf im Schwabenland fanden. Die Tierdarstellungen eines Wisent und eines Urpferdchens, genau wie die eigentümliche Darstellung eines Menschen mit Löwenkopf sind 30.000 bis 40.000 Jahre alt und somit die ältesten Kunstwerke überhaupt. Falls Sie einmal nach Tübingen kommen, können Sie diese Kleinstatuetten im archäologischen Museum in der Burg betrachten. Sie sind prägnant, ausdrucksstark und aussagekräftig und haben sich ihre künstlerische Wirkung bis heute bewahrt. Der gegenständliche stoffliche Charakter dieser Werke der Bildhauerkunst ermöglichen uns Überlegungen zur geistigen Welt dieser frühen Menschen. Wort und Gesang, Musik und Tanz dieser alten Welt sind längst verweht, sie erreichen uns nicht mehr. Um so präsenter sind heute morgen hier in Dahn die Arbeiten von Theo Rörig, der seine Bildhauerwerkstatt in Hettenleidelheim hat, wo er auch wohnt. Gerne läßt er teilhaben an der besonderen Atmosphäre in seinem Atelier, wenn er dort für Künstlerkollegen Ausstellungen organisiert oder zu Jazzkonzerten einlädt.

Theo Rörig wurde ausgebildet von Kurt Schmitt, Otto Rumpf und Professor Helmut Göring. Bekannt ist er weit über unsere Region hinaus durch seine zahlreichen Ausstellungen, oft verbunden mit Auszeichnungen. Seine Arbeiten wurden angekauft, um sie im öffentlichen Raum aufzustellen, nicht nur auf Plätzen oder im Straßenraum, sondern auch in Kirchen und Rathäusern.

Es gehört wenig Kühnheit zu der Behauptung, dass sich viele Künstler in einer Sackgasse befinden. Gebote der Innovation und der Überbietung des bereits Dagewesenen haben manchmal zu Werken geführt, die kaum noch verständlich sind und durch wortreiche Interpretation erst verständlich gemacht werden müssen. Erst der kunsthistorische Kommentar soll dem Gehalt mancher Werke auf die Spur helfen. Andere versuchen, auf dem Weg der Anbiederung an den Publikumsgeschmack, der durch Werbung und Medien an das Schreiende sich Überbietende angepaßt ist, zu resümieren und auf sich aufmerksam zu machen.

Vor diesem Hintergrund ist Theo Rörig ein eher stiller, besonnener und nachdenklicher Künstler, der sich nicht scheut in jedem seiner Objekte die Arbeit seiner Hände ablesbar zu machen. So verleiht er seinem Material, sei es Stein oder Bronze, Papier oder Eisen die fast eigentümliche Dichte und Präsenz. Wenn er seine Projekte zunächst in Form von Zeichnungen hinschreibt, zum Teil in delikaten farbigen Mischtechniken hat er bereits den Abeitsprozess mitgedacht, wenn sich etwa bei der Zeichnung Nr. 16 aus einem Zylinder ein zweiter herausschält als Oberkörper, der sich wiederum öffnet für einen Hals, der eine Kopfform trägt, aus dem sich eine kappenartige Kopfbedeckung herauswölbt. Als fertige umgesetzte bildhauerische Arbeit findet sich dann die endgültige Form in einem reduzierten Kopf aus Bronze.

Theo Rörig beschreibt die zweite Phase seines Arbeitsprozesses als Zwiesprache mit seinem Material, wenn er aus Wachs oder Ton seine Plastiken aufbaut, die als Form für den Bronzeguß dienen, oder wenn er dem Stein eine Form abgewinnt, die in dem amorphen Brocken schon angelegt war. Durch Wegschlagen, Abschleifen, Glätten und Polieren legt er frei, was ihn oft selbst Überrascht. Nie zwingt er seinem Material artifizielle Formgebungen auf, die dem Material nicht gerecht werden. Gerne verwendet Theo Rörig neben dem Marmor, ein Gestein des Diabas, das ähnlich wie der Basalt aus den feurigen Tiefen der Erde kommt, das Zeugnis ablegt über die glühende Masse im innern der Erde aber auch über die Erdgeschichte.

Feinfühlig spürt er die Kraft des Steines auf und mit dem ihm eigenen handwerklichen Geschick lässt er im Arbeitsprozess die Form sich entwickeln, die vor seinem geistigen Auge schon vorhanden war. Die ursprüngliche Gestalt des Gesteinsbrockens wird zu einer rationalen Ordnung gebracht. Die Zeit als Dimension im Arbeitsprozess bleibt sichtbar.

Diese zeitliche Dimension wird auch deutlich wenn das Ergebnis Objekte sind, die uns an archaische Helden erinnern, reduziert auf helmbewehrte Köpfe mit heruntergeklapptem Visier. Strahlen diese Objekte männliche Entschlusskraft aus, vielleicht sogar Kampfeslust? Sind sie Ausdruck der Anonymität und der Abschirmung von der Außenwelt? Schutz und Gefährdung liegen nahe beieinander. Was Möglichkeit sein kann, der Konzentration und Besinnung könnte auch Furcht vor der Gefahr bedeuten. Die Gegensätze sind hier spannungsreich ausgelotet. Oberflächen mit Schrunden und rauhen Bearbeitungsspuren kontrastieren mit glatt geschliffenen äußerst delikaten Flächen über die messerscharfe Grate gezogen sind.

Die formale Spannung lässt sich auch als inhaltliche Fragestellung denken. Lassen sich das glatt Gefällige und das abweisend Schrundige als spannungsreiche Gegenpole zusammenführen? Wie sehr Theo Rörig das Material als autonome Realität begreift, kann man an einer anderen Werkgruppe ablesen.

Immer schon waren es die Menschen, die im Mittelpunkt seiner künstlerischen Überlegungen standen. Zu den Charakteristika der figuralen Werke gehören auffallend schlanke Proportionen des menschlichen Körpers. Das führt zu einer Fragilität, die darauf abzielt, den Blick vom körperlichen Äußeren auf das geistig Innere zu lenken. Alleine durch die Reduzierung bis hin zur Erscheinungsform als Stele scheint es möglich zu sein, auf die Isolierung des modernen Menschen hinzuweisen, auf seine häufig vergeblichen Versuche mit dem Mitmenschen in Kontakt zu treten. Zu geschlossen ist die Erscheinungsform. Masse und Proportion, die klassischen Kategorien der Bildhauerkunst, scheinen aufgegeben zu sein zugunsten einer Formulierung, die sich nur noch auf das Wesentliche besinnt. Theo Rörig umkreist das Thema Mensch bis er schließlich fast zu einer Entmaterialisierung des Körpers kommt. Nur durch wenige Hinweise ist er als solcher noch erkennbar. Füße gehen organisch in den Sockel über, verankern die Figur im Untergrund. Vielleicht noch wichtiger ist das Auge, das zwischen dem Innen und dem Außen noch zu vermitteln vermag.

Die ganze Gedankenwelt von Theo Rörig wird bestimmt durch seine Einfühlsamkeit in die Ethnologie, die Philosophie und die Anthropologie. Sie bestimmt das Leben und das Schaffen, das ganz in der Tradition der uralten Vorgänger zu finden ist. Diese Vorgänger, die das Wesentliche erfaßten und durch Reduzierung sichtbar machten.

Ich wünsche dieses Gefühl und den Blick für das Wesentliche. Als Hilfe steht Ihnen Herr Rörig sicher gerne zur Verfügung.





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