Landkreis S├╝dliche Weinstra├če / Kreisverwaltung S├╝dliche Weinstra├če
 
"MusikKunstLiteratur"
Ausstellungskonzert und Projekt zu Robert Schumanns Kreisleriana
29.10.06 bis 27.11.06

Mit Hildegard Clara Enders, Piano; Charlotte Freund-Leonhardt, Rezitation und Carmen Stahlschmidt, Zeichnungen, Plastik

Die Idee des Projekts MusikKunstLiteratur entwickelte sich aus der Verflechtung von Literatur und Musik im Schumannschen Werk. Dabei ist E.T.A. Hoffmanns Erzählung natürlich nicht das Programm für Schumanns Komposition, sondern Anregung für dessen musikalisches
Schaffen. In diesem freien Sinn möchten wir auch die Bilder und ausgewählten Textstellen verstanden wissen. Die Entdeckungsreise führt in die Welt der literarischen Vergangenheit und in die Kunst der Gegenwart, ausgelöst durch Schumanns Musik.

Hildegard Clara Enders, geboren in Fulda, studierte Schul- und Privatmusik (Klavierdiplom 1984) sowie Altphilologie an der Universität Mainz. Sie machte ihr zweites Staatsexamen 1985, anschließend war sie als Klavierpädagogin in Mainz, Bonn, Rostock, Güstrow und zur Zeit an der Kreismusikschule Nordvorpommern tätig. Daneben betreibt Enders künstlerische Studien bei der Luxemburger Konzertpianistin Viviane Goergen, gibt seit 1986 Solokonzerte sowie im Ensemble, u.a. im Kammertrio Eulenspiegel mit einem Programm von Beethoven bis Brubeck. Von 1996 bis 2001 war sie Leiterin der Kreismusikschule Nordvorpommern in Ribnitz-Damgarten. Enders lebt in Rostock.

Carmen Stahlschmidt, geboren in Trier, studierte Kunsterziehung an der Universität Mainz (Prof. von Saalfeld), seit 1985 ist sie freiberuflich tätig, 1986 erhielt sie den Eisenturmpreis der Stadt Mainz. Es folgen Aufenthalte in Frankreich, Radierungen und Zeichnungen bei M. Chot-Plassot und Zusammenarbeit mit französischen Künstlern im Atelier Elag, Arbeitsstipendium in St. Mathieu (Montpellier). Seit 2002 nimmt sie Bildhauerkurse bei Martine Andernach und Peter Rübsam, zahlreiche Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen u.a. in Paris, Salzburg, Grenoble, Mainz, Fulda, folgten. Einige ihrer Arbeiten sind in öffentlichem Besitz. Stahlschmmidt lebt in Oppenheim.

Charlotte Freund-Leonhardt, geboren in Nordrhein-Westfalen, lebt seit 1991 in Mecklenburg-Vorpommern. Nach dem Abschluss des Ballettunterrichts mit der Tänzereignungsprüfung 1975, folgten Klavier- und Gesangsunterricht am Siegburger Konservatorium. Als Gründungsmitglied des Troisdorfer Madrigalquartett 1980 trat sie u.a. in der Alten Oper in Frankfurt/Main auf. Ab 1982 macht sie Sologesang und Sprechrollen im Jugendchor Lohmar, ist Sängerin in der Showband "Aristocats" und bei der Musik-Comedy-Show "BossaNovaBombers" mit Engagements im gesamten Bundesgebiet. Seit 2006 ist Freund-Leonhardt festes Mitglied der Singakademie am Rostocker Volkstheater.


Programm

Kreisleriana opus - 16 Robert Schumann
Lebensansichten des Katers Murr - E.T.A. Hoffmann

Bild 1:
Vorwort des Herausgebers (äußerst bewegt)

Bild 2:
Kreislers Ankunft im Park (sehr innig und nicht zu rasch), Intermezzo I (sehr lebhaft), Intermezzo II (etwas bewegter)

Bild 3:
Meister Abraham bei Kreisler (sehr aufgeregt)

Bild 4:
Der Geist der Tonkunst (sehr langsam)

Bild 5:
Kater Murr auf dem Dach (sehr lebhaft)

Bild 6:
Kreisler am See (sehr langsam)

Bild 7:
Kater Murrs Abenteuer (sehr rasch)

Bild 8:
Meister Abraham (schnell und spielend)


Einführung von Matthias Brück

War es eben noch die Verflechtung von Musik und Literatur, von Konzertantem und Rezitation, von Robert Schumanns "Kreisleriana" und E.T.A. Hoffmanns "Lebensansichten des Katers Murr", so umgreift jetzt Carmen Stahlschmidt mit ihren Zeichnungen und Plastiken zwar auch Aspekte des Vorgetragenen, aber die Interpretationen gehen weit über das Erwartete hinaus.

Denn ihre Zeichnungen lassen sich zwar von Robert Schumann und E.T.A. Hoffmann inspirieren, ja regelrecht infizieren, aber sie werden deshalb nicht zu Illustrationen oder grafischen Nacherzählungen! So wird beispielsweise aus dem Kapitel "Kater Murr auf dem Dach" kein elegant-schleichender, möglicherweise liebestoller Nachtschwärmer, sondern eine Komposition, in der sich Ahnungen, Bedrohungen und teilabstrahierten Pointierungen bündeln. Kleine Hilfestellung: Der gute Murr wurde von unten her - wie durch ein Glasdach - portraitiert.

Und dieses Katzentier - Katzen überhaupt - sind schließlich mehrdimensionale Charaktere. Um das nun zu erhellen spielt nun diese Künstlerin ihr enormes grafisches Potential faszinierend aus. Mit Bleistift, Buntstift und nur wenigen aquarellenen Einschüben gestaltet sie Geheimnisvolles und Bewegtes. Sie schafft elementare, schwarze Strichverdichtungen, auf die sich der Blick der Betrachter unwillkürlich konzentriert. Und trotz engmaschiger Schraffur bleibt jeder Strich erkennbar. Doch endet das nicht in einer langweiligen Starre, sondern schwingt zwischen Intensiät und Auflösung: eine brillante Technik, der sich auch Helmut Kohl und Kurt Beck im ersten Stock nicht entziehen können.

Vielleicht ist ja "Schwerelosigkeit" eine zentrale Komponente im Werk von Carmen Stahlschmidt. Denn immer wieder drehen sich die Inhalte um Momente des Fliegens, des Schwebens. Da erscheint häufig die Grille - doch sie schweigt - ganz im Sinne von Jean de la Fontaine, dessen Ameise ihr erbarmungslos den Hungertod im Winter vorausgesagt hat. Aber da sind ja noch die andern Insektenflügel, Schmetterlingsflügel, die mit gelb-orangenem Vibrieren und unbekümmerten Flirren jenes Stück heitere Unbeschwertheit signalisieren, das den Charme vieler Bilder ausmachen dürfte.

Und warum sollte man den "Engel" in seiner federhaften, schwingenden Auflösung nicht als Metapher für das Aufgehen in eine transzendente, geistige Harmonie begreifen? Das umgesetzte Fantasiepotential dieser Künstlerin lässt stets mannigfaltige Interpretationsmöglichkeiten zu.

Vielfach steigern sich die mit einer Farbe kombinierten Schwarz-Weiß-Kontraste zu formalen wie inhaltlichen Verschränkungen von Mensch und Tier. Sie wirken bisweilen wie in der Metamorphose angehalten, scheinen im Status des Verschmelzens begriffen und offenbaren oft darüber hinaus noch menschliche Attribute wie Liebe, Angst, Sehnsucht oder Triebhaftigkeit. Und vielfach könnte es offen bleiben, ob nicht das jeweilige Tier als der bessere Mensch angesehen werden muß. Evolution beiseite! Oder vielleicht doch nicht ganz?

Schließlich präsentiert diese Künstlerin eine Vielzahl von Bronzen und Keramiken, die auf eigene Weise schon einen evolutionär künstlerischen Prozess durchlaufen haben. Nicht gerade grazil, aber desto unbeschwerter und fröhlicher posieren sie mit menschlichen Körpern in luftiger Höhe, erscheinen als "Huhn", "Gockel" oder verwandlungsbereiter "Froschkönig". Es sind Mischwesen der besonderen Art, Gestalt gewordene Fantasien, die beispielsweise sogar noch den Elwedritschen-Kult sinnvoll ergänzen. Warum braucht dieses Fabelwesen gelbe Füße? Ganz klar, damit man sie nachts besser sieht.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Carmen Stahlschmidt versteht es, vielfältig, ironische Apercues, ungeahnte Vorstellungen und überraschende Interpretationen in ihrem Werk zu vereinen. Doch vergessen Sie nicht: Dahinter steht direkt-indirekt zumeist auch eine Weise der Daseins-Analyse, ein Erhellen menschlicher Lebensformen, die ihre Spannung aus vielen unlösbaren Gegensätzen beziehen.




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Carmen Stahlschmidt
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