Technische Universität Kaiserslautern / Array
Angelica Steinmacher
Papierarbeiten
28.10.08 bis 25.11.08
Angelica Steinmacher
Angelica Steinmacher

Einführung von Dr. Claudia Gross

Wenn wir in dieser Jahreszeit durch Wälder oder Parks spazieren gehen, bietet uns die Natur im Blattwerk der Bäume jede Farbnuance von kräftigem Gelb über schillerndes Orange zu kräftigem, dunklen Rot. Wir freuen uns über den farbenfrohen Anblick, Empfindungen, die sicherlich auch dadurch hervorgerufen werden, dass es sich bei der Verfärbung der Blätter ausnehmend um warme Farben handelt. John Gage, eine Autorität auf dem Gebiet der Farbe, stellt in seiner Kulturgeschichte derselben die Theorie auf, dass "gerade der nahtlose Übergang zwischen der Art und Weise, wie Farbe einerseits in der Natur und andererseits in der Kunst erlebt wird, die Farbe für uns alle so wichtig macht, und zwar nicht nur für diejenigen, die sich mit Malerei beschäftigen."

Wenn wir uns in der neuen Ausstellung in der Galerie der TU umsehen, dann könnte der Titel anstatt Papierarbeiten auch Geschichten über Farben heißen, erzählt z.B. in den kleinen Büchern hier rechts. Auch auf den drei großformatigen Werken werden wenige Farben miteinander in Beziehung gesetzt, dabei nimmt die Wahl des Materiales insofern Einfluss auf die Farbzusammensetzung der einzelnen Arbeiten, als dass die Farbtöne von den Papierherstellern vorgegeben sind. Treten wir einen Schritt näher an die Werke heran, erkennen wir das dünne, etwas glänzende Material. Es erinnert an Transparentpapier, das wir alle seit unseren Kindertagen kennen. Angelica Steinmacher verwendet für ihre Arbeiten das qualitätsvollere Pergamin, das sogenannte Drachenpapier, aber auch Seidenpapier. Sie legt die farbigen Papiere übereinander, verbindet sie mit Leim und behandelt sie mit Wärme durch Bügeln. Das Drachen- und Seidenpapier, das im Ursprungszustand fast durchsichtig ist und leicht reißt, wird durch den Prozess der Schichtungen zu einer festen Substanz, ähnlich einer Haut. Die Oberfläche indes erinnert an die von Keramik, einem Gebiet innerhalb der Kunst, in dem die Künstlerin, wie wir wissen, lange Zuhause war.

Die Verwendung von Papier ist heute nicht mehr, wie während ihres Studiums, aus Zeitnot geboren, sondern die Möglichkeiten des Materials haben Angelica Steinmachers Experimentierfreudigkeit geweckt. Mit bewundernswert langem Atmen wiederholt die Künstlerin die Prozesse so oft, bis es sich für sie "richtig anfühlt". Dabei akzeptiert sie, dass ihre Ausbeute relativ klein bleibt, weil viele Werke bei den Versuchen kaputt gehen. Es ist fast wie eine natürliche Auslese, nur was überleben kann, besteht auch. Mit wohlwollendem Erstaunen registriert der Beobachter, Angelica Steinmachers ruhige, fast lässige Art ihre Kunst "zu lassen", sich entwickeln zu lassen, aber auch zerbrechen zu lassen. Sie wird selbst beinahe zum gespannten Zuschauer, während sie die Entwicklung, die ihre Kunstwerke nehmen, betrachtet. Möglicherweise hat sie sich diese Einstellung während ihrer Beschäftigung mit der keramischen Raku-Brenntechnik angeeignet, bei der sowohl viele Versuche beim Brennen als auch eine spannende Mischung aus Können und Schicksalsergebenheit notwendig sind, um zum Erfolg zu führen.

Auch die Farbenwahl unterliegt in der Kombination der Experimentierfreude der Künstlerin. Das hochrechteckige, rotorange Werk an der Wand links von mir, besteht aus zwei etwa gleichgroßen Hälften, die mittig von oben nach unten mehrere Nähte aufweisen. Die geraden und Zickzacknähte sind mit Draht und der Maschine genäht und verstärken die Mittellinie. Diese gab es bereits bei Angelica Steinmachers Keramik, ähnlich einem Rückgrat oder aber eines Verbindungsgrates, der ein Ineinandergreifen des Umraums an dieser Stelle ermöglicht. In Falle dieses Kunstwerkes werden zwei Bahnen aneinandergefügt. Jede der beiden ist in mehrere viereckige Bereiche unterteilt, da die rote Grundfläche von oben nach unten mit mehreren, zum Teil überlappenden, orangefarbenen Papierbögen überklebt ist. Im unteren Randbereich wird der rotorange Untergrund durch eine Lage zitronengelbes Papier ergänzt. Obgleich Quantität und Position der orangefarbenen und des gelben Bereiches sich auf der linken und der rechten Seite unterscheiden, wird durch die rhythmische Gliederung in Farbfelder eine Symmetrie hergestellt. Bei der Verbindung der Papiere entstehen daneben Farbästchen und -äderungen. Durch den Prozess des Leimens und Bügelns nämlich wird das Trägerpapier wellig und die Farbe des hinzugefügten Papiers sammelt sich in den Vertiefungen. Das sieht für uns Betrachter wie die Äderung an Laub aus. Auch wird an vielen Stellen das überlagernde Papier fast durchscheinend und der darunter liegende Farbton setzt sich durch.

Wenngleich, dass Drachen- und Seidenpapier durch den kreativen Prozess die Charaktereigenschaft verliert, dünn und leicht zu sein, so verliert es seine Eigenschaft der Lichtdurchlässigkeit nicht oder nur minimal. Innerhalb dieser feinen Spanne bewegt sich die Künstlerin. Sie schafft ihre Werke als Durchscheinbilder. So, wie das gelbgrünblaue Werk dort vorne links, sollen ihre Farbfeldbilder von hinten durchstrahlt werden. Und da erkennt man erstaunt, eingebettet in dunkle Bereiche, ein klar schimmerndes Blau, das in fast ebensoviel Leuchtkraft wie die gelben Farbflecken erstrahlt, die es umgeben. Das Farberleben hier ähnelt jenem, das man in Kirchen mit bunten Glasfenstern und ohne die Einwirkung elektrischen Lichtes erfahren kann. Das Lichtklima eines Raumes wird z.B. durch Helligkeit und Streuvermögen der Lichtquelle bestimmt. Die Raumstimmung kann jedoch auch durch buntes Licht beeinflusst werden, so wird man einem vorwiegend blau-getönten Raum als kühler empfinden, als einen gelb- oder rötlich getönten.

Neben Farbphysiologischen Betrachtungen darf in der Galerie einer naturwissenschaftlich-technischen Universität selbstverständlich der Hinweis darauf, dass das Erscheinen von Farbe damit zusammenhängt, welcher Teil des weißen Lichtes absorbiert und welcher reflektiert wird, nicht fehlen. D.h. beispielsweise, dass, wenn wir den Teil des elektromagnetischen Spektrums wahrnehmen, der eine Wellenlänge von etwa 0,0007 Millimetern hat, erkennen Verstand und Sprache darin die Farbe "Rot".

Vielleicht geht Angelica Steinmachers Faszination für reine, auffallende Farben darauf zurück, dass sie, bis sie zehn Jahre alt war, in Brasilien aufwuchs. Danach kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Angelica Steinmacher studierte nach dem Schulabschluss erst Kunstgeschichte und dann Kunst in Dijon. Von 1978 bis 1981 war sie an der Ecole Nationale des Beaux Arts in Bourges bei Jacqueline Lerat und Yves Mohy. Mit dem Diplom in der Tasche kehrte sie zurück nach Deutschland und entschloss sich dann, sich die Jahre der freien Kunst als Kunstpädagogik anerkennen zu lassen. Es folgten Lehraufträge an der Meisterschule und an der Technischen Universität in Kaiserslautern sowie
die Lehrtätigkeit an einem Gymnasium. Daneben war sie an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland beteiligt. Die Kaiserslauterer konnten ihre Werkentwicklung immer wieder bei den Symposien der Künstlerwerkgemeinschaft, zuletzt in den beiden vergangenen Wochen, miterleben. Ich wünsche Ihnen nun viel Vergnügen bei dem Eintauchen in die Farbwelten von Angelica Steinmacher und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.



[zurück]
Angelica Steinmacher
Angelica Steinmacher