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Annerose Nickel
Ausstellung anlässlich 25 Jahre Galerie in der TU Kaiserslautern
16.01.13 bis 02.02.13
Galerie in der TU
Annerose Nickel: "o. T. (Wk.-Nr. 1115)", 2011, Acryl auf Holz, 50 x 50 cm

Vernissage am 16.01.13 um 19.00 Uhr
Begrüßung: Prof. Dr.-Ing. Lothar Litz, Vizepräsident der TU Kaiserslautern
Einführung: Dr. Heinz Höfchen, Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern


Einführung von Dr. Heinz Höfchen


Eine Farbüberlegung steht meist am Beginn, dann geht es spontan weiter und sie ist gespannt, wo sie das Bild hinführt: Annerose Nickel folgt beim Malen ihrer Eingebung und lässt kompositorische Überlegungen beiseite. Die Künstlerin lebt ihre Malerei aktiv und körperbetont, sie erspürt den Rhythmus des Werkes und verlässt sich ganz auf ihr Gefühl. Malerische und zeichnerische Komponenten überlagern sich, verbinden sich und steigern ihre Kraft durch Zusammenführung und gegenseitige Durchdringung. Kennzeichnend für ihr Schaffen ist eine überaus dichte Komplexität der künstlerischen Mittel.

Die heiligen Dinge informeller Malerei: Augenblicksentwurf, schnelle Gestik, große Emphase - sie spielen damit auch im Werk der Kaiserslauterer Malerin Annerose Nickel eine grundlegende Rolle. Daneben werden ihre Werke wesentlich bestimmt von der malerischen Handschrift, dem individuellen Duktus. Ihre Schöpfungen sind spannende ästhetische Gebilde von großem visuellem Reiz und eindringlicher Rhythmisierung.

Kennzeichnend für ihr Schaffen ist eine überaus dichte Komplexität der künstlerischen Mittel. Malerische und zeichnerische Komponenten überlagern sich, verbinden sich und steigern ihre Kraft durch Zusammenführung und gegenseitige Durchdringung. Annerose Nickel zeigt besonders im Zeichnerischen einen feinnervig-diskreten Ansatz, der sich bis zu gestischen linearen Setzungen steigern kann. Für ihre gezeichneten Linien gilt kongruent, was Cy Twombly so treffend über dieses Gestaltungsmittel schrieb: "Jede Linie ist die tatsächliche Erfahrung mit der ihr angeborenen Geschichte. Sie illustriert nicht, sie ist die Empfindung ihrer eigenen Verwirklichung." Zeichnung gibt bei Nickel Halt im Urgrund ihrer Bildgründe, auf denen lasierend bis pastos in gestischer informeller Handschrift der Raum strukturiert wird. Die Künstlerin spielt mit dem Bildraum, sie erschließt und ordnet Raum, die graphischen Strukturen ihrer Bilder rhythmisieren ihre Arbeiten. Die Raumtiefe kontert Nickel mit Übermalungen, deren Prozesshaftigkeit wichtig für die Bildgenese ist.

Nickels Stilfindung zeigt darüber hinaus, dass die malerischen Errungenschaften des Informel auch heute virulent und aktuell sind. Informel meint "anti-formalistisch" oder "offen in der Form". Es ist der zunächst radikale Verzicht auf Form- und Kompositionsregeln, es ist der Versuch, durch "psychische Improvisation" (nach dem Wort Paul Klees) in Rhythmus und Struktur der künstlerischen Arbeiten Geistiges unmittelbar auszudrücken. Der französische Maler und Philosoph Jean-Michel Atlan hat davon eine gültige Vorstellung formuliert: "Ein Bild kann nicht das Ergebnis einer vorgefassten Idee sein. Die Rolle des Zufalls ist zu wichtig, und in der Tat ist es dieses Moment des Zufalls, das letztendlich im Schaffen entscheidet. Am Beginn steht ein Rhythmus, der sich entfalten will: Die Auffassung dieses Rhythmus' ist das Grundlegende, und in seiner Entfaltung zeigt sich die Lebenskraft des Werkes." Dabei fußt das Informel auf den automatischen Techniken der Surrealisten, insbesondere auf der von André Masson bereits 1924 entwickelten écriture automatique.

Damit war die berühmte Forderung André Bretons nach der Entstehung des Kunstwerks unter dem Diktat des Unbewussten künstlerisch umgesetzt. Der Begriff Art informel geht übrigens auf eine Wortprägung des französischen Kritikers Michel Tapié zurück, der 1951 mit diesem Stilbegriff allgemein die Hinwendung zum spontanen, gestischen Malakt charakterisiert hat. Für die Entwicklung des Informel bahnbrechend waren sicherlich die Schöpfungen von Wols der über seine Werke sagte: "Difficile de lire mes dessins? Les sentir…Pas d'analyse ni d'explications s.v.p." Also: "Schwierig, meine Zeichnungen zu deuten? Sie fühlen…Bitte keine Analyse und keine Erklärungen." Und genau das ist es: Dem Gefühl, den inneren Stimmungen, dem Atmosphärischen wird in der informellen Kunst der Rang des sonst Objektiv-Verstandesmäßigen, der normalerweise kühlen, klaren Überlegung eingeräumt. Das ist das eigentlich Wesentliche.

Annerose Nickels Arbeit zeigt, dass mittlerweile weitere stilgeschichtliche Einsichten mit informellem Gedankengut gekoppelt werden. Wichtig erscheint die Erfahrung der Prozesshaftigkeit des künstlerischen Tuns, der auf dynamischer Malgestik beruhende Handlungsablauf, ein charakteristisches Kennzeichen des Action-Painting. Prozessuales Vorgehen meint natürlich auch das Räsonieren über den spontanen Malakt, eine gewisse Bändigung der Inspiration, eine vom Willen geprägte Begrenzung chaotischer Systeme.
Nickel betrachtet ihre Leinwand ganz nach dem berühmten Wort Jackson Pollocks als Arena, in der eine Aktion stattfindet. Sie legt den Farbträger auf den Boden, um von allen Seiten her in direktem Zugriff arbeiten zu können.

Die fließenden Bewegungen in der Motorik ihrer aktionistischen Malerei sind Annerose Nickel wichtig, die Künstlerin lebt im künstlerischen Tun ihre aktive Seite aus, sie will im Malakt spüren, "wo der Körper hin will", wie sie im Gespräch betont. Entwickelt wird ihre Malerei in mehreren Malschichten übereinander, stetig sich ergänzend und verdichtend, dabei aber leicht und bewegt wirkend: nicht umsonst sind ihre jüngsten Arbeiten sehr lyrisch als Farbfluss betitelt.

"Im Bilde sein" hat Hans-Werner Ginkel doppeldeutig zu Annerose Nickels Malerei angemerkt, und damit direkt die subtile Konfrontation von Malerin und Bild über den Prozess des Malens beschrieben. Ginkel schrieb weiter: "Das Bild ist nicht vermittelnder Träger von malerischer Information, sondern zeigt eine körperlich-seelische Befindlichkeit als malerisch aktive Bewegung." Und genau darum geht es: um die Darstellung der inneren Seelenbewegung, um die

Sichtbarmachung der rhythmischen Bedingungen der Existenz. Denn alles, was sie malt, ist die direkte, unverstellte Aussage ihrer selbst, ist Ausdruck ihrer innersten Gefühle und tiefsten Absichten.

Natürlich interessiert auch das Biografische: Annerose Nickel ist in Kaiserslautern geboren und ihrer Stadt immer verbunden geblieben. Sie stellt seit 1988 aus, unterhält seit 1990 ein eigenes Atelier, hat seit 1993 einen Lehrauftrag für Malerei an der TU. Sie ist Mitglied der apk (der Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler) und der Künstlerwerkgemeinschaft Kaiserslautern und damit sehr gut in der Pfälzer Kunstszene vernetzt. Und natürlich ist sie die treibende Kraft hinter der Galerie in der TU: Kontinuität kann auch sein, wenn sich ein Kreis schließt. In diesem Fall sind es 25 Jahre Ausstellungstätigkeit und Arbeit mit Künstlern, um ihnen die Präsentation ihrer Werke zu ermöglichen.

Und das ist nicht hoch genug zu schätzen. Denn die Ausstellung ist es, die für Künstler den Kontakt zum Publikum herstellt, die ihre Werke in den Diskurs stellt und die ästhetische Auseinandersetzung erst möglich macht.


Öffnungszeiten:
Mo. bis Fr. von 8.00 bis 23.00 Uhr
Sa. von 9.00 bis 23.00 Uhr
So. und Feiertage geschlossen


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Nickel Annerose (Rubrik KÜNSTLER)



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Annerose Nickel: "o. T. (Wk.-Nr. 1115)", 2011, Acryl auf Holz, 50 x 50 cm