Annette Marx: "Vielleicht blutrot?"
Sichtbares und Unsichtbares (Malerei)
08.12.09 bis 20.01.10
Annette Marx
Einführung von Dr. Annelie Scherschel-Freudenberger
"Rotwerden vor Scham. Rotsehen vor Wut. Das Rot der Ampel. Das rote Herz. Die dialektische Farbe unter den Farben, die in sich diese Ambivalenz trägt, sie verbietet und lädt ein. Wie das rote Licht an den Bordellen in Paris, das eine Warnung und eine Einladung zugleich ist… Rot die Farbe des Schrecks. Rot, das als sinnlicher Reiz Achtsamkeit, Vorsicht evoziert. Signalkellen. Halteschilder. Keine Farbe sticht so ins Auge. Darum findet sich Rot an den Feuerwehren, den Rettungsringen. Der Rotstift, der kürzt und streicht, das Bremslicht, und wohl das Wichtigste: das Rote Telefon, das helfen soll, den atomaren Weltuntergang zu verhindern. Rot als Abstrafung. Die Scharfrichter, die Herren über Tod und Leben, trugen Rot und waren im Mittelalter als Unberührbare hervorgehoben wie die Herrscher. Der Kaiser trug Purpur, ebenso die Kardinäle. Das Rot der Macht, der Korrektur, der Abschreckung, aber auch der Verheißung, Farbe der Pfingstflamme. … Rot ist die erste Farbe, die wir als Neugeborene erkennen können, und die letzte, die wir sterbend sehen. Schönes Rot."
Soweit Uwe Timm in seinem Roman "Rot" über diese Farbe. . Was ist das für eine Farbe, die sie, die auch uns, so in den Bann zieht? Wir haben eben die Gedanken von Uwe Timm zu dieser Farbe gehört. Ambivalent ist sie, wie keine andere. Übrigens, was bei Uwe Timm nicht erwähnt wird: bei der Wahrnehmung der Farbe Rot erhöht sich der menschliche Stoffwechsel um fast 14%. Rot ist die emotionalste Farbe, für Annette Marx ist sie die wichtigste.
"Vielleicht blutrot? Sichtbares und Unsichtbares" so der Titel der neuen Ausstellung.
Seit sechs Jahren begleite ich nun schon die "Roten" von Annette Marx, sehe ich nun das Rot in den Bildern von Annette Marx und beobachte, wie sie die Farbe und ihre Themen kontinuierlich weiterentwickelt. Rot ist der sprichwörtliche rote Faden, der sich durch ihre Arbeiten zieht. Vielschichtig sind sie, in die Tiefe gehen sie, ihre neuen Bilder, die wir hier sehen können, lassen uns unter dem Sichtbaren Unsichtbares ahnen. Rot mit all seinen Nuancen ist weiter die beherrschende Farbe. Mal blutrot, schmerzend, mal leuchtend und warm oder auch kühl im Zusammenhang mit dem blauen Grund.
War die Binnenzeichnung mit schwarzer Kohle oder weißer Kreide in frühren Bildern noch behutsam auf dem reich strukturierten roten Bildgrund ausgearbeitet, schoben sich hie und da andersfarbig gestaltete Flächen motivisch in den Vordergrund, so waren diese Bilder, trotz der vielfältigen Arbeitsprozesse und der Verwendung von Fremdmaterialien noch relativ ruhig und im Vergleich zu den heutigen "unaufgeregt", wenn ich das mal so salopp sagen darf.
Die Bearbeitung des Bildgrundes wird vielschichtiger. Farbauftrag über Farbauftrag schafft sie so auch größere räumliche Tiefe. Fremde Materialien, wie Sand und Pappe arbeitet sie nun in fast jedem Bild als Strukturen ein. Sie setzt Farbflächen nebeneinander - intuitiv. Ihr eben angesprochenes Liniengerüst, die Binnenzeichnung, legt sie zwischen und über die Farbschichten. Es soll die Farbe umklammern und isolieren oder sie aber auch in einen Dialog zu einander setzten. Die noch früher zaghafte Linienführung des Kohlenstiftes, wird ungestüm und sie ersetzt den Kohlenstift teilweise durch Messer und ritzt, schneidet in die Farbschichten der Leinwand ein. Ihr Bildaufbau bleibt weiterhin unbegrenzt, er wirkt über die Leinwandgrenze hinaus. Sie schafft so lediglich Ausschnitte, Fragmente aus einem großen Thema. Aus diesem Grund wählt sie, so oft es möglicht ist, das Quadrat als Bildfläche. Das Quadrat ist für sie die vollkommenste Form, um einen Ausschnitt des Ganzen zu zeigen. Die Bilder scheinen sich so über den Bildrand hinaus auszudehnen.
Lediglich bei dem Bild "Amsterdam" habe ich eine Konzentration auf die Bildmitte festgestellt, die unzähligen roten Farbnuancen scheinen den Betrachter in die Mitte ziehen zu wollen. Mir fiel spontan Jacques Brels Amsterdam dazu ein. Diese Drehen, das immer schneller wird, das immer kräftiger wird, die zerstörerischen Kratzer im Bild, immer und immer wieder an den gleichen Stellen. Doch meinte sie wirklich dieses ungestüme, brodelnde Amsterdam Jacques Brels mit ihrem Bild? Sie spielt mit Wirklichkeiten und Wahrheiten, lässt uns damit freien Raum für eigene Assoziationen. Spielt mit Sichtbarem und Unsichtbarem: die Flächen, die sich vordergründig als einfach rot, weiß und orange geben, entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als vielschichtige Angelegenheiten mit mannigfaltigen Farbaufträgen. Lasierend aufgetragene Farbspuren von Rot über Orange, Blau locker übereinander aufgetragen, blitzen unter dem ebenfalls mit leichtem Pinselauftrag gestalteten letzten Farbauftrag hervor. Es entsteht ein Nebel, ein Wolkengebilde aus dem heraus sich Formen entwickeln.
Der Umgang mit der Farbe wird gegenüber früheren Bildern leichter, vielleicht auch noch spontaner, dem Zufall wird Raum eingeräumt, indem Farbe dünnflüssig aufgetragen wird, so dass sie herabfließenden ihre Spuren hinterlässt. Das Liniennetz in Schwarz steht im Gegensatz steht zur Farbe mit ihren feinen Farbnuancen. Es zieht seine Bahnen, verzweigt sich, hat die Kraft über den Bildrand hinaus zu gehen. Es ist der bewegliche Teil des Bildes. Mit ihm spielt Annette Marx. Und es beschränkt sich im Gegensatz zu den früheren Bildern nicht auf eine Linienführung. Die Linie ist nicht mehr nur umschreibend, sie wird narrativ.
Und diese Linie wird in der neusten Werkgruppe so stark, dass sie die Bildebene in zwei Farbebenen trennt. Haben die früheren Arbeiten mit weißen und roten Flächen noch einen spielerischen, durchlässigen Übergang zwischen den beiden Farben gezeigt; war die Binnenzeichnung zwischen den Farben zart und sich fast verlierend in den Farbwolken, so will sie jetzt eine klare Trennung zwischen den Ebenen. Die rote Fläche wird von der weißen Fläche durch eine Konturlinie abgegrenzt. Und diese Konturlinie wird sogar zur Horizontlinie in dem Bild "Tate" - übrigens benannt nach einem Turner-Bild, dass in der Tate Britain zu finden ist. Auch hier: das Unsichtbare im Sichtbaren.
Ich wünsche Ihnen nun viel Vergnügen Schritt für Schritt das Unsichtbare unter dem sichtbaren Rot in all seinen Spielarten in den Werken von Annette Marx zu entdecken, denn "die Kunst ist ein Schritt vom sichtbaren Bekannten zum verborgenen Unbekannten". (Khalil Gibran)