Zum Jahresausklang präsentiert die Galerie in der TU Kaiserslautern in ihrer nunmehr 70. Ausstellung bildnerische Werke von Elke Heydecke. Die in Nieder-Olm lebende Künstlerin sieht ihre Arbeit als Ergebnis der geistigen Auseinandersetzung mit der Philosophie, der Literatur und vor allem den Naturwissenschaften, wobei ihre Vorliebe für den spielerischen Umgang mit mathematischen Formeln deutlich wird. Auf sehr reduzierten, oft tief schwarzen Bildgründen, sind markante und spontane Zeichnungen angelegt, wobei ihre Bildwelten vorrangig durch Collagen mit Papier, Leinwand, Sand, Gips u.a. dargestellt werden.
Heydeckes Oeuvre lebt von dem sinnlichen Reiz der unterschiedlichen Materialien sowie dem starken Kontrast zwischen grafischen und malerischen Elementen. Der sparsame Einsatz von Farbe und die Verdichtung ihrer Zeichnung zu einfachen Symbolen erzeugen etwas Stilles und Meditatives. Insgesamt lassen die detailliert ausgearbeiteten Werke viel Raum für die Fantasie des Betrachters.
Einführung von Dr. Claudia Gross
Hans Sedlmayr schrieb: "Kunst ist eine Sprache und eine Sprache ist dazu da, um verstanden zu werden." Von klein auf werden wir immer wieder aufgefordert, Gegenstände zuerkennen und zu benennen. Mit dieser Tradition müssen wir als Betrachter stark abstrahierter und ungegenständlicher Kunst brechen. Wir müssen eine neue Betrachtung der Werke erlernen.
Als Gegenüber eines gegenständlichen Gemäldes werden wir eine Bestandsaufnahme des Inhaltes vornehmen: bei einem Stilleben werden wir Blumen, einen Krug und Teller oder ein umgestoßenes Glas registrieren. Auch bei ungegenständlicher Kunst kann man eine solche Bestandsaufnahme vornehmen: man wird sich das Material und seine Verwendung betrachten. Das Material dient nicht mehr, es wird selbst zum Bildinhalt. Eine Farbe kann beispielsweise pastos oder dünnflüssig aufgetragen sein. Sie kann als Farbklecks, Schliere, Pinselstrich oder Spritzer das Bild beleben. Oftmals wird an den Farbspuren das Ausholen der Hand und der Schwung des Armes ablesbar sein. Das fertige Kunstwerk hält wie eine Reportage den Schaffensprozess genau fest.
An dem hochrechteckigen weißen Bild "Am Meer" fallen als Erstes die ellipsenförmigen, tief in die Farbschicht gegrabenen Linien auf. Die Form der größeren Ellipse ist mehrfach wiederholt, während die kleine links darüber nur einen Kringel aufweist. Das große Oval wird von einer fast senkrecht verlaufenden, gestrichelten Linie durchgekreuzt, die sich am oberen Ende aufspaltet. Links, unterhalb des kleinen Ovals, befinden sich drei Linien, die sich überschneiden. Eine davon ragt in die große Eiform verliert aber im Inneren ihre Durchgängigkeit. Auch oberhalb des kleinen Ovals kann man mehrere Linien erkennen, die allerdings anders als jene unten fast im rechten Winkel aufeinandertreffen. Am oberen Bildrand setzt sich der großen, weißen Fläche ein Farbendreiklang entgegen. Einige mit einem breiten Pinsel aufgetragene, braune Striche überlagern eine blaue Farbfläche. Die Transparenz der beiden Farben aber auch Tropfen und Spritzer lassen auf eine dünnflüssige Konsistenz beim Farbauftrag schließen. Ein deckend schwarzer Balken nimmt fast die gesamte Breite des oberen Bildabschlusses ein. Nur an einigen Stellen ist das Schwarz durch Linien weggekratzt und macht das darunter liegende Weiß wieder sichtbar. In dem kleinen dunkelbraunen Rechteck links oben befinden sich zwei kurze rote Striche.
Zwar verneinen die Bilder in der Ausstellung "Auf dem Weg" jeden Illusionismus, aber sie liebäugeln auch weiterhin mit wenigen, verbleibenden figürlichen Elementen. Die Künstlerin Elke Heydecke zieht sich nicht vollständig in die Ungegenständlichkeit zurück, sondern hinterlässt bewusst Spuren für ihren Betrachter, sie schickt ihn bewusst auf den Weg. Und so wäre für sie auch folgende Lesart des Bildes vollkommen zulässig: Der Betrachter könnte sich z.B. von den dargestellten schwungvollen oder geraden, langen oder kurzen bzw. gestrichelten Linien zu einer spontan assoziierten Geschichte verführen lassen. Das Weiß könnte einen Sandstrand darstellen und die verschiedenen Linien könnte ein Mensch in den Sand gezeichnet haben. Die braun-blau-schwarzen Farbflächen könnte er als Wasser lesen und würde sich fragen, ob die von Menschenhand hinterlassenen Zeichen nun bald überspült und damit ausgelöscht werden, oder ob sich das Wasser gerade zurückzieht, und der nächste Strandbesucher an dem Sandbild weiterzeichnen wird.
Und tatsächlich verwendet die Künstlerin für dieses Bild ein Gemisch aus Sand und Wandfarbe, das sie auf eine Rigipsplatte aufträgt. Die Verwendung von kunstfremden Materialien sind typisch für die 'Art brut', der Elke Heydecke nahe steht. 'Art brut' bedeutet "rohe Kunst" und bezeichnet eine Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts, innerhalb derer die Künstler den Bildträger mit Materialien wie Gips, Leim, Asphalt und Sand derart bearbeiteten, dass das Resultat eine "plastisch strukturierte, substanzhaltige Oberfläche" (Murken-Altrogge/Murken S.184) ist.
Auch Elke Heydecke schafft solche Gemäldereliefs, z.B. mit den Rillen in der Sandzeichnung. Diese und die Ritzzeichnungen führen zurück zu den künstlerischen Anfängen: Die Künstlerin studierte von 1984 bis 1990 Visuelle Kommunikation an der ehemaligen Werkkunstschule in Münster. Da ihr Schwerpunkt Druckgrafik war, befasste sie sich lange mit Radierung, einer Technik, bei der der druckende Teil in die Oberfläche eingeritzt wird. Den kunstfremden Materialien wie Sand und Asche stellt Elke Heydecke traditionelle Künstlerfarben wie Ölkreide und Acryl gegenüber. Darüber hinausgehend verwendet sie billige Materialien wie Kreppband und Butterbrotpapier zusammen mit hochwertigen Materialien wie Bütten, weil der Widerspruch sie interessiert. Am liebsten arbeitet sie draußen. Ohne sich vorher einen Plan zurecht zu legen, beginnt sie spontan, lässt zu, was passieren will. In dieser Vorgehensweise manifestiert sich der Automatismus, also jenes von den Surrealisten propagierte Anzapfen des Unterbewussten, das Künstlern wie Elke Heydecke den Weg zu einer erfrischenden Archaik eröffnet. Ihre Farbwahl beschränkt sich auf Schwarz, Weiß und verschiedene Brauntöne. Von diesen Farben heben sich die wiederkehrenden, roten Striche deutlich ab. Sie stehen für die Künstlerin als symbolisierte Wegzeichen oder ein roter Faden eben.
Ihr eigener Weg begann in Bergisch-Gladbach, der künstlerischer Weg, wie gesagt, in Münster. Ein Jahr nach ihrem Abschluss als Diplom-Designerin wurde sie Meisterschülerin bei Professor Kürschner an der Hochschule der Künste in Berlin. Sie hat ihr Werk seit 1993 regelmäßig in Galerien und Museen in ganz Deutschland gezeigt. Besonders wichtig ist ihr, eingeladen zu sein, an der gerade eröffneten Wanderausstellung "Kunst trotz(t) Armut" teilzunehmen. Die dort zentralen Themen Obdachlosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung sind der Wahl-Rheinland-Pfälzerin wichtig.
Wenn wir unseren Weg vor die verschiedenen Bilder weitergehen, dann wird bald klar, dass es neben den Spuren, die in den Sand gegraben wurden, eine Vielzahl anderer Zeichen zu entdecken gibt. Schrift z.B. Sie ist eine der wichtigsten Ausdrucks- und Verständigungsformen des Menschen. Aber obgleich wir den Eindruck haben, dass es ganz einfach sein muss, die Schriftzeichen auf "Heimat" zu entziffern, gelingt es uns doch nicht. Die sckipturalen Elemente entziehen sich einer einfachen Entschlüsselung, und erfinden sich stattdessen selbst. Erzählen ebenso eine Geschichte wie das Geschriebene von Kindern, die noch nicht schreiben gelernt haben. Sie sind ebenso offen und ebenso wahr. Im Fall von "Bei der Waldarbeit" lassen sich die Worte zwar entziffern, aber dann taucht links darunter ein mysteriöses Zeichen auf. Es erinnert ein bisschen an ägyptische Hieroglyphen. Von Schriftzeichen in Bilderform zu Piktogrammen ist es nur noch ein kleiner Schritt. "O.T." zeigt ein solches Bildzeichen. Wir erkennen sofort, dass hier ein Mensch dargestellt ist. Die Künstlerin bedient sich in diesem Werk derselben Bildsprache, die wir von Kindern kennen. Die unbewusste Kreativität, die sich in Kinderzeichnungen findet, besticht in ihrer Schlichtheit und Vorurteilslosigkeit. Wenn also die Künstlerin diese Bildsprache als Ausdrucksform wählt, dann weil sie weiß, dass sie so, etwas unbeeinflusst, rein und damit frei darzustellen vermag.
Ob Sie nun den roten Markierungen folgen oder Ihrer ureigenen Intuition - ich wünsche Ihnen auf dem Weg durch die Ausstellung viele interessante Momente mit den Werken und der Künstlerin.