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Fritz Eicher: "Ordnung im Kopf, Chaos unter den Füßen"
Malerei
06.06.06 bis 04.07.06
Fritz Eicher
Fritz Eicher

Einführung von Claudia Luxbacher

Seit den 1980er Jahren beschäftigt sich Eicher kontinuierlich mit Ornamenten und stieß dabei nicht immer nur auf Anerkennung; nein, im Gegenteil: er wurde vielfach schief angesehen und belächelt. "Ornament ist Verbrechen" - dieser Slogan, der sich vom Aufsatz "Ornament und Verbrechen" des Wiener Architekten Adolf Loos ableitet, steckt seit nunmehr fast 100 Jahren - der Aufsatz erschien im Jahr 1908 - in den Köpfen der Kunstkritiker und macht eine unbefangene Beschäftigung mit Ornament scheinbar unmöglich.

Loos richtete seinen Kampf gegen das "ornare", das "Schmücken" - gegen aufgesetzte Schmuckelemente, die keinen inneren Zusammenhang mit dem Gegenstand haben, den sie zieren. Seine Stoßrichtung war gegen den Jugendstil und den auslaufenden Historismus gerichtet. Er schrieb: "Evolution der Kultur ist gleichbedeutend mit dem Entfernen des Ornamentes aus dem Gebrauchsgegenstande." Das Ornament ist "nicht mehr … Ausdruck unserer Kultur. Das Ornament, das heute geschaffen wird, hat keinen Zusammenhang mit uns, hat überhaupt keine menschlichen Zusammenhänge, keinen Zusammenhang mit der Weltordnung."

Das Ornament war disqualifiziert, es stand vor dem Aus. Anstelle des "Ornaments" wurde alsbald nur noch die "Funktion" eines Gegenstandes groß geschrieben. Frei nach dem Ausspruch "form follows function" (Louis Sullivan) hatte sich nun die Form eines Gegenstandes nach dessen Funktion zu richten. Es wurde also nicht von außen etwas an den Gegenstand herangetragen, sondern er, der Gegenstand, sollte von innen her grundlegend neu gedacht werden… und dies war die große Leistung des Bauhauses.

Vor diesem Hintergrund kann eine Beschäftigung mit Ornament eigentlich nur als Anachronismus verstanden werden. Was aber will Eicher mit seinen Werken? Geht es ihm denn wirklich um das "ornare", das "Schmücken"? Auf den ersten Blick sind es eindeutig ornamentale Arbeiten, die wir sehen. Ästhetische Elemente, meist geordnet zu Mustern, prägen seine Werke. Sie erinnern uns an Schmuckformen, beispielsweise an die Kachelung in einer Moschee oder einem arabischen Teehaus (vgl. "Vier Formen der Melancholie", 1994, Digitalprint und Schellack auf Holz, vierteilig, insgesamt 131 x 131 cm). Der Betrachter kann sich zudem in exquisiten Farbvaleurs verlieren. Er steht vor ästhetisch interessanten Arbeiten, die Ordnung und Würde ausstrahlen.

Und was Eicher nun - bei allem optischen Reiz - interessiert, ist gerade diese Ordnung. Es geht ihm darum, Zusammenhänge zu sehen, Verbindungen und Wiederholungen zu erkennen, und letztlich zu einer Grundstruktur vorzustoßen. Es geht ihn nicht um äußeren Schmuck, aufgesetzt auf einen anderen Gegenstand, sondern bei seiner Beschäftigung mit Ornamentik geht es Eicher immer um Grundstrukturen, um Grundphänomene.

Eicher selbst gliedert seine Arbeiten zum Thema Ornament in mehrere Einheiten und zwar in
Untersuchungen zum "kulturbezogenen Ornament", zum "wissenschaftsbezogenen Ornament", das - natürlich hier in der TU Kaiserlautern einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet – und zum "alltagsbezogenen Ornament". Erste Arbeiten entstanden in den 1990er Jahren zum historischen, "kulturbezogenen" Ornament, bei denen Eicher beispielsweise orientalische Gartenanlagen in punktsymmetrisch angeordnete, mehrteilige Bilder übersetzte. Auch die Bilder mit arabischer Kachelornamentik, sind zu dieser Werkgruppe zu rechnen.

Zur Beschäftigung mit wissenschaftsbezogener Ornamentik, die das Gros der ausgestellten Bilder prägt, gelangte Eicher in den letzten Jahren durch den Gedankenaustausch mit einem chinesischen Mathematiker, Dr. Chee Chin Liew (sprich Liu). Jener forscht an Mustern, die Phänomene aus der Nanophysik anschaulich machen können. Eicher musste feststellen, dass unsere gängige Vorstellung von Symmetrie nicht mehr haltbar ist. Mit quasikristallinen Strukturen lässt sich hingegen das molekulare Baumuster verschiedener Materialien abbilden. Und, was noch verblüffender ist, mit diesen Strukturen lassen sich auch neue Materialien bilden.

Das Denkmodell zu dieser – ja man muss sagen neuen Weltsicht - wurde vom Engländer Roger Penrose bereits in den 1970er Jahren entwickelt. Er beschäftigte sich damals mit kompliziert fassbaren Flächenfüllungen, der später sog. Penrose-Parkettierung. Die Arbeiten "Penrose-Doppel-Moppel, 2005, Acryl und Reineisenpigment auf Leinwand, zweiteilig, gesamt 122 x 60 cm", sowie "einerseits, 2005, Acryl und Wachs auf Leinwand, 80 x 80 cm", "andererseits, 2005, Acryl und Wachs auf Leinwand, 80 x 80 cm" und "Parkett 1, 2005, Acryl und Wachs auf Leinwand, 125 x 175 cm" und "Parkett 2, 2005, Acryl und Wachs auf Leinwand, 125 x 175 cm" beziehen sich direkt auf die Forschungsergebnisse von Penrose. Trotz ihrer scheinbar überschaubaren, ordentlichen, ornamental wirkenden Struktur ist eine hohe Kompliziertheit, eine Komplexität ausgedrückt, wie sie den mathematischen Formeln entspricht.

Diese Erkenntnis: hohe Komplexität bei einfachem Aussehen, führte Eicher bei seinen jüngsten Arbeiten zur Untersuchung von Alltagsgegenständen. Er beschäftigt sich also wie Adolf Loos mit Ornament in Bezug zu Gebrauchsgüter; und hier kann die abweichende Begrifflichkeit von Eicher nochmals besonders deutlich werden: Eicher spürt auch hier den Grundstrukturen nach und hinterfragt somit die Dinge auf einen höheren Gehalt hin. Gemälde, die die Struktur von Makramée-Arbeiten oder von Stuhlbespannungen zeigen sind Beispiele dieser neuen Werkgruppe, auf die ich Sie heute nur neugierig machen kann und die vielleicht Thema einer nächsten Ausstellung hier in der Galerie der TU sein könnten.

Lassen Sie mich an den Schluss meiner Ausführungen ein weiteres Zitat stellen: "Es ist das Gesetz aller organischen und anorganischen, aller physischen und metaphysischen, aller menschlichen und übermenschlichen Dinge, … dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist, dass die Form immer der Funktion folgt".

In diesen Kontext eingebettet lässt sich das Original-Zitat von Louis Sullivan "form follows function" auch in einer anderen Richtung lesen: Jedes "Ding" hat eine Grundordnung, ein inneres "Funktionieren", dass das "Ding" nach außen hin bestimmt.

Das Ornament ist nicht aufgesetzter Schmuck - im Sinne von Adolf Loos -, sondern es hilft unsere komplexe Weltordnung zu beschreiben. Es ist Ausdruck unserer Kultur, diese Komplexität zunächst durchdacht, durchschaut und dann anschaulich darstellbar gemacht zu haben.

In diesem Sinne wünsche ich Fritz Eicher und auch uns weiterhin einen geschärften Blick und viel Begeisterung bei der Beschäftigung mit Ornamentik. Ich wünsche uns - frei nach dem Ausstellungstitel - "Ordnung im Kopf", auch wenn unsere Umwelt scheinbar sehr chaotisch wirkt.



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