Isabelle Girard de Soucanton: "Wasserfarben"
Fotografie
14.12.10 bis 25.01.11
Isabelle Girard de Soucanton
Einführung von Martina Treiber
Der Titel der Ausstellung lautet "Wasserfarben". Diesem Wort "Wasserfarben" kann man sich auf verschiedene Weise nähern:
Vielleicht denkt man an den Wasserfarbenkasten aus der Schulzeit. Die Arbeit mit dieser Art Wasserfarbe ist gekennzeichnet durch die Transparenz der Farben. Der Papiergrund scheint durch, Licht kann durch die Farbe dringen und bringt sie zum Leuchten. Das Besondere an solchen Aquarellen ist, dass nicht nur die Oberfläche, die Malschicht, sondern auch die Ebene darunter, das Papier, sichtbar ist.
Man kann auch sagen: "Wasserfarben" - die Farben des Wassers. Welche Farbe hat Wasser? Die spontane Antwort wäre hier wohl: Blau. Wir haben nun den Vorteil, dass wir uns umschauen können somit auch sagen könnten: Wasser ist grün. Oder Gelb. Oder Rot. Wasser hat viele Farben.
Man kann das Wort "Wasserfarben" auch in seine Bestandteile zerlegen und bekommt dann "Wasser" und "Farben". Wasser, das flüssige Element, der Ursprung des Lebens. Und Farbe, Material der Maler.
Das Tolle ist, dass man auf die Arbeit von Isabelle Girard de Soucanton all das Genannte anwenden kann. Es sind verschiedene Aspekte, die alle in die Werke hineinspielen:
Das Thema Wasser beschäftigt Isabelle Girard seit nunmehr 30 Jahren. 1981 machte sie eine Reise nach Malta. Eines Morgens sah sie auf das Meer und das Paradoxe war auf einmal so deutlich: Das von unendlichem Wasser umgebene Malta ist das süßwasserärmste Land der Welt. Wasser als Mangelware auf einer Insel. Dieser Moment war der Auslöser, sich mit dem Thema zu beschäftigen und es ließ Isabelle Girard seit dem auch nicht mehr los. Und diesen Moment hielt sie im Bild fest: Die Fotografie mit dem Boot war die Initialzündung, praktisch der Wegweiser. Mit ihren Fotografien weist sie immer wieder auf das Wasser hin. Sie gibt damit auch dem Betrachter, uns, die Möglichkeit, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Auch mit Süßwasserknappheit und der Frage, wer auf der Welt hat Wasser, wer braucht es, wer nimmt es sich. Ein deutscher Erwachsener verbraucht im Durchschnitt 130 Liter Wasser am Tag. In anderen Ländern verdursten die Menschen. Isabelle Girard stellt sich aber nun nicht mit erhobenem Zeigefinger vor uns. Sie deutet die Problematik hier in dieser Ausstellung leise an, sie gibt uns einen Anstoß darüber nachzudenken. Sie zwingt uns aber nicht. Denn für sie ist Wasser so viel mehr als nur ein weltweites Problem.
Wasser ist Unendlichkeit, räumlich, aber auch zeitlich. Die Fotografien fixieren das Wasser in einem kurzen Moment, es werden nur Sekundenbruchteile festgehalten. Es verändert sich sofort wieder, es ist immer im Fluss. In der Serie von drei Bildern, hier links an der Wand, zeigt Isabelle Girard, wie sich die Farbe des Wassers ändert und die Struktur. Hier wurde dreimal der gleiche Ausschnitt kurz hintereinander fotografiert und doch sehen alle Bilder unterschiedlich aus. Die Bewegung des Wassers gestaltet das Bild, aber auch die Umgebung. Himmelsspiegelungen oder vegetabile Farbspiegelungen. Die Farbe der Fotografien wurde nicht verändert, die Aufnahmen sind unbearbeitet. Isabelle Girard reagiert bei ihrer Arbeit auf den Moment, auf das, was ist, nicht auf das, was sie später am Computer daraus machen könnte. Hierzu muss die Kamera extrem ruhig gehalten werden und die Bewegung des Wassers, aber auch der Umgebung muss genau beobachtet werden. Kommt zum Beispiel eine Ente vorbei? Wie wirbelt sie das Wasser auf? Oder aber, welche Dinge spiegeln sich wie im Wasser? Welche Farben werden dadurch erzeugt?
Denn Farbe ist ein weiteres Thema der Fotografien - Farbe und Farberinnerungen. Farben lösen beim Betrachter Gefühle und Assoziationen aus. Diese Wirkungen entstehen aus Erfahrungen. Erfahrungen, die nicht unbedingt persönlicher Art sein müssen, sondern die auch aufgrund jahrhundertealter Überlieferungen innerhalb eines Kulturkreises lebendig sind. Ingrid Crüger vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Publikations- und Informationssysteme in Darmstadt, hat Assoziationen zu den einzelnen Farben zusammengestellt, die in der Literatur ziemlich übereinstimmend für die einzelnen Farben genannt werden. Sie können ja ihre Gedanken zu den einzelnen Farben vergleichen, ich nenne hier vier Farben:
Rot ist die Farbe des Feuers. Sie erregt Aufmerksamkeit, steht für Vitalität und Energie, Liebe und Leidenschaft. Sie kann jedoch auch aggressiv und aufwühlend wirken, da sie auch Wut, Zorn und Brutalität verkörpert.
Grün ist die Farbe der Wiesen und Wälder. Sie ist eine beruhigende Farbe. Sie steht für Großzügigkeit, Sicherheit, Harmonie, Hoffnung, Erneuerung des Lebens. Sie kann aber auch Gefühle wie Neid oder Gleichgültigkeit vermitteln.
Cyan, in der Umgangssprache auch Türkis genannt, ist eine frische Farbe. Es ist die Farbe des Meers an einem sonnigen Tag. Sie vermittelt Wachheit, Bewusstheit, Klarheit, geistige Offenheit und Freiheit. Cyan kann aber auch kühl und distanziert wirken und ein Gefühl von Leere vermitteln.
Blau ist eine kühle Farbe. Sie ist die Farbe des Himmels. Sie steht für Ruhe, Vertrauen, Pflichttreue, Schönheit, Sehnsucht. Sie kann aber auch Traumtänzerei, Nachlässigkeit oder Melancholie vermitteln. In unserem Vorgespräch zu dieser Ausstellung sagte Frau Girard, Blau stehe für sie für Weite und Unendlichkeit. Durch ihre persönliche Erfahrung empfindet sie das Blau in dem Malta-Auslöserbild aber immer als begrenzt und eingeengt. So wird hier jeder aufgefordert, seine Erfahrungen in die Betrachtung der Fotografien mit einzubringen
In diesem Gespräch ist auch das Wort "Volumenfarbe" gefallen. Und hier zeigt sich gleich, dass auch der Wasserfarbkasten aus der Schulzeit hier nicht zu verkehrt ist. Ich sagte anfangs, dass die Arbeit mit Wasserfarbe dadurch gekennzeichnet ist, dass nicht nur die Oberfläche, sondern auch der Untergrund sichtbar ist. Die Fotografien von Isabelle Girard zeigen zwar die Wasseroberfläche, aber auch die sprichwörtliche Tiefe des Motivs. Die Farbe geht von oben bis ganz nach unten durch oder vom Grund nach oben. Wie sehen Himmelsspiegelungen, aber auch Dinge unter der Wasseroberfläche. Die Fotografien dringen in die Wassertiefen, erzeugen Dreidimensionalität.
Nun kann ich Ihnen nur empfehlen: Dringen auch Sie in die Wassertiefen. Tauchen Sie in die Werke ein und lassen Sie sie auf sich wirken. Verlieren Sie sich vielleicht sogar darin, aber kommen Sie wieder wohlbehalten an die Oberfläche.