Vernissage am 20.11.12 um 19.00 Uhr Einführung: Dr. Claudia Gross, Kunsthistorikerin (Kaiserslautern)
Präsentation konstruktiver Kunst aus verschiedenen Werkphasen.
Einführung von Dr. Claudia Gross
Wenn Sie sich in der Welt umsehen, werden Sie feststellen, dass es keine Linien gibt, außer denen, die von Menschenhand auf ein Papier gezeichnet werden. Wir haben nur gelernt, die Grenze zwischen zwei Flächen als Linie wahrzunehmen, tatsächlich aber ist es das Aneinanderstoßen zweier Konturen. In der Kunst hingegen gehört die Linie zu den bildnerischen Mitteln und wurde daher von Menschen eingesetzt, seit es Kunst gibt. Sie diente z.B. dazu, mit Umrissen und Binnenlinien ein Mammut an eine Höhlenwand zu bannen oder in der Renaissance die perfekte Perspektive zu konstruieren. Erst im 20. Jahrhundert, als die Kunst sich nach und nach jede Freiheit erobert, ändert sich auch das Einsetzen der Linie. Sie emanzipiert sich und wird Bildthema.
Bei der ersten Betrachtung der Strukturzeichnungen von Manfred Graf erleben wir eine Überforderung, wir können uns nur mit Mühe auf den Linienverlauf konzentrieren. Wenn wir mit Wölfflin gesprochen "die Ausbildung der Linie als Blickbahn und Führerin des Auges" annehmen, stellen wir fest, dass es sich bei "Struktur Nr. 64 G" zum Beispiel um sechs Linienbündel handelt, die ineinander verschränkt werden. Sichtbar wird das Gitter in der Überschneidung von Quadrat und Rechteck. Die schrägen Schraffuren fluchten in je zwei Punkte an den kurzen Seiten des Rechtecks. Durch das Ausfächern der Linienbündel entstehen Musterungen in dem gezeichneten Netz. Als sich Manfred Graf von der Tuschezeichnung der Tuschemalerei zuwendet, verändert sich auch das Liniensystem, es wird einfacher und die dadurch entstehenden Linienzwischenräume größer. In einem späteren Schritt färbt er manche der durch die Linienverschiebung entstandenen Rauten ein, andere bleiben weiß. Dadurch entsteht eine Art Schachbrettmuster. Überraschend sind für den Betrachter die Kurven, die das vermeintlich regelmäßige Schachbrettmuster plötzlich verzieht, wodurch sich ein visuelles Raumerleben einstellt.
Die als "Struktur" bezeichneten Liniengerüste mit und ohne flächige Ausmalung entstanden in den Jahren 1968 bis 1972. Erst in den letzten Jahren ist Manfred Graf zu zeichnerischen Elementen zurückgekehrt: In der Collage "Poliakoffprinzip 2" verwendet er neben einem mit Tempera- und Kaseinfarbe eingefärbten Papierquadrat und -winkel auch mit Farbstift angelegte Streifen und Winkel. Die Streifen setzen sich aus einer Vielzahl von Linien zusammen. Es sind nicht akkurat gezogene Liniennetze wie im Falle der Strukturzeichnungen, sondern eher Linienhaufen, die je nach Dichtigkeit eine andere Intensität erreichen. Damit führt er in die universale Sprache des Konstruktivismus das Individuelle wieder ein.
Unter den Streifen befinden sich auch solche, die durch Farbverläufe gekennzeichnet sind. So grenzt das gelbe Quadrat oben an einen Farbverlauf von einem bräunlich Braun zu einem rötlichen und dann einem orangefarbenen Braunton, der in ein Weiß-Orange übergeht. Für die Entscheidung, welches Element, an welche Stelle einer Collage platziert wird, lässt sich Manfred Graf viel Zeit. Es gehört zu seiner Arbeitsweise jede Phase der Collage mit einem Foto zu dokumentieren, um die beste Zusammenstellung der Farbfelder und Streifen zu finden. Wenngleich natürlich Künstler aller Stile und Epochen sich intensiv mit Farbe auseinandergesetzt haben, so ist es der Verdienst der Kunst im 20. Jahrhundert, dass die Farbe von ihrem Gegenstandsbezug gelöst wird.
Und erst die Lösung der Farbe vom Gegenstand ermöglicht neue Formen des Experimentierens: Künstler können sich jetzt auf den Farbklang oder Rhythmus konzentrieren. Das Verhältnis der Farben zueinander, die Beeinflussung der Farbwahrnehmung durch die benachbarte Farbe oder die Frage, ob ein gelbes Quadrat mit denselben Abmessungen wie ein rotes genauso groß wirkt - all das wird zum Bildthema. Über das In-Beziehung-Setzen von Farben hat Manfred Graf sich wie folgt geäußert: "Farbkonstellationen haben Ähnlichkeit mit menschlichen Verhaltensweisen, mit deren Stimmungen: Sie können launig - leichtsinnig, strengkühn, kühl - heiß sein, rau - glatt - plastisch sein."
Darin klingt bereits an, dass Manfred Graf sich über die ästhetischen Fragestellungen hinaus, für das Verhalten verschiedener Malmaterialien zu- und miteinander interessiert. Das Relief "Keil Rein" setzt deshalb nicht nur vier verschiedene Grautöne und Beige in Beziehung zueinander, sondern hat das Gegensatzpaar rau - glatt zum Thema. Für dieses Werk hat Manfred Graf eine Technik mit Schiefer rekonstruiert. Seine Farbe selbst herzustellen ist für ihn zentral in seiner Arbeit. Damit erhält er sich die Unabhängigkeit von einer Farbenindustrie, die, wie er sagt, immer weniger bereitstellt. Das Beimischen des Schiefers führt zu einer rauen Oberfläche und einer melierten Farbfläche. Dagegen ist ein Kreidegrund, wie er ihn für die Leiste am rechten Rand verwendet hat, immer glatt. Bei den einzelnen Elementen des Reliefs handelt es sich um Fundstücke. Die Risse in dem Balken am unteren Rand des Reliefs werden ebenfalls mit Kreidegrund überstrichen und damit verändert. Das Raue und Aggressive der Rissigkeit wird mit einer weichen, abgerundeten Farbhaut überzogen.
Auch bei dem Relief "Gartenstuhl" ist Manfred Graf so vorgegangen. Das zerschundene Holz einer Obstkiste wird im oberen Bereich des Reliefs vor ein Quadrat montiert. Die einzelnen angebrochenen und gespaltenen Latten sind mit Kreidegrund behandelt und erhalten dadurch eine weiche, glatte, fast samtig anmutende Oberfläche. Manfred Graf selber spricht davon das rissige und kantige Holz "mit Farbe geheilt" zu haben und zeigt uns, dass auch Kaputtes schön sein kann.
Der Umgang mit den Materialien, mit Pigment und die Kenntnis der traditionellen Maltechniken ist für den Künstler sehr wichtig. Die Grundlagen für sein Handwerkszeug wurden am Bildungszentrum Bau in München gelegt. Seit 1991 geht er der Frage nach "Wie entsteht Farbe" und hat sein Wissen in den Maltechniken und über Farbe kontinuierlich, auch gerade durch Experimentieren, vertieft. So überarbeitete er Papiere wieder und wieder mit Farblasuren und beobachtet die Veränderung von Lasur zu Lasur. Er schreibt dazu: "Das Licht dringt durch die dünnen, mehrfach übereinander lasierten ... Farbschichten bis zum Grund. Dadurch wird ein spezielles, tiefes Leuchten erzeugt. Der gleiche Farbton, deckend gemalt sieht anders aus. Lasierte Farbflächen sind oft einmalige Farbtöne."
Ich wünsche Ihnen nun bei der Bewunderung akkurat gezogener Linien und lasierend gemalten Farbflächen viel Spaß und danke für Ihre Aufmerksamkeit.