Galerie artelier 21 / Galerie artelier 21
 
Reinhard Ader
Marie-Hélène H-Desrue: "Morceaux choisis"
Malerei
11.09.11 bis 22.10.11

Vernissage am 11.09.11 um 11.00
Einführung: Thomas Angelou, Kunsthistoriker
Musik: Ute Walther, Harfe


Einführung von Thomas Angelou

Als ich die letzten Tage hier in der Galerie vorbeikam, um mit der Künstlerin bezüglich ihrer Arbeiten ein kleines Gespräch zu führen, erlebte ich eine Stimmung, wie ich sie von Marie-Hélène eigentlich anders nicht kannte. Die heute hier gezeigte Ausstellung noch im "Rohzustand", eine Künstlerin auf der Leiter mit Nägeln im Mund, einem Handwerker gleich, balancierend und eine Galeristin, welche in einem geordneten Chaos versuchte den Überblick über das notwendige handwerkliche Equipment zu bewahren.
Und da war es wieder das so typisch sympathische Lachen, wie ich es von Marie-Hélène Desrue von all unseren Begegnungen her kannte. Leicht, locker, beschwingt und schwerelos könnte man nicht nur dieses, sondern auch die heute hier gezeigten Arbeiten der Künstlerin nennen. Morceaux Choisis - ausgewählte Stücke - so der Titel der sehenswerten Ausstellung.

Es begegnen uns heute hier Kunstwerke, welche regelrecht zu schweben scheinen und ganz besonders überraschend ein Format, nämlich der Kreis, das bei Kunstwerken doch relativ selten zu finden ist.
60 Werke mal rund, aber auch mal eckig gilt es heute hier zu entdecken. Wie riesige Farbräder, wie der Blick durch ein Kaleidoskop, das bei einem das Verlangen weckt daran zu drehen und wäre dies gar möglich, dann scheint die Farbe in diesen Kunstwerken immer noch im Fluss zu sein. Oder sind es gar Wolkenbewegungen, der Mond in farbiges Licht gehüllt, Wasserspiegelungen oder einfach nur Farbverläufe. Doch alle denkbaren Assoziationen haben eines gemeinsam, nämlich das Moment des Augenblicks. Es scheint sich in den Arbeiten von Marie-Hélène H-Desrue um Momente zu handeln, die nicht festgehalten werden können bzw. nicht festgehalten werden sollen. Es sind die Themen Bewegung, Zeit und Raum, welche die Künstlerin seit vielen Jahren in ihren Arbeiten thematisiert und wie sie sagt: .....oder wenn die Zeit den Raum bestimmt.

Die in Guérigny in Frankreich geborenen Künstlerin, hat im Laufe der Jahre ihre ganz eigene Technik, einen für sie ganz charakteristischen Stil entwickelt. Es ist die unbehandelte Leinwand, welche den Reiz ihrer Gemälde ausmacht. Hinzukommt, um überhaut einen derartigen Effekt zu erreichen, der individuelle Arbeitsstil welchen Marie-Hélène H-Desrue hierfür anwendet. Die in Mischtechnik mit Tusche und Acryl gestalteten Arbeiten, mit Kohle vor- oder nachgezeichneten linearen Strukturen bringen zum Teil fragmentarische Aktfiguren hervor. Es sind zum Teil undefinierbare Räume, in denen sich diese zu bewegen scheinen, ähnlich einem Raum, in dem die Erdanziehungskraft, sowie Ort und Zeit keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Wie mir die Künstlerin erzählte, war es anfangs gar nicht so einfach, runde Leinwände für sich zu bekommen und dennoch hat sie an dem für sie mittlerweile so charakteristischen Format festgehalten. Es sind die weich ineinanderfließenden Farbformen, welche das Moment des Augenblicks zu definieren scheinen.

Schon in den Bildtiteln wie Rhythmus, Transparent, Phaeton, Fallen oder kleine grüne Spiegelung greift Marie-Hélène H-Desrue den Inhalt ihrer Arbeiten auf. Flüssige Farben, welche ineinander laufen und eine Künstlerin, die in rhythmischen Bewegungen auf dem Boden liegende Bildträger zum Leben erweckt. Schaut man ganz genau hin, kann man hier und da an einzelnen Stellen noch Freiflächen entdecken, wo die pure Leinwand sichtbar ist. Sie mag das Offene nicht ganz und gar mit Farbe bedeckte. Die durch den Malprozess gewonnene Leichtigkeit der einzelnen Werke fasziniert immer wieder aufs Neue. Wie große Luft- oder Seifenblasen schweben die Werke an den Betrachtern vorüber. Die uns in den Arbeiten begegnenden Figuren bleiben jedoch uns gegenüber anonym. Beinahe wie Chiffren erfüllen sie den sie umgebenden Raum. M-H. H-Desrue ist neben ihrem künstlerischen Schaffen auch handwerklich interessiert. Die aufgespannte Leinwand ist in diesem Fall nicht nur Bildträger, sondern ein Teil des gesamten Kunstwerks.

Wie sie mir bei unserem Gespräch weiter erzählte, hat sie neben ihrem Germanistikstudium in Tours und Strasbourg das Studium der Malerei und der Visuellen Kommunikation an der Hochschule der Künste in Berlin absolviert. In ihrer dort verfassten Diplomarbeit befasste sie sich mit einem Accessoire, das doch für Frankreich so typisch und doch auch so klischeehaft verstanden wird, nämlich die Baskenmütze. Eine Abrechnung mit einem Vorurteil erfolgte, und die Anfänge mit Gedanken zu spielen ihre Kunstwerke auf runden Bildträgern entstehen zu lassen war geboren.
Marie-Hélènes Arbeiten entstehen, wie schon erwähnt immer nur auf dem Boden liegend. Somit erfordert der Malprozess nicht nur die gekonnte Führung des Pinsels, sondern voller Körpereinsatz ist gefragt.

Ihre in schwerelosen Räumen zu schweben scheinenden Figuren begegnen uns dennoch im Hier und Jetzt, im Moment des Augenblicks. Es sind die kurzen Eindrücke, welche die Künstlerin faszinieren, Eindrücke derer man sich nach einem kurzen Moment schon nicht mehr zu erinnern scheint. Bewusstseinsmomente, deren Inhaltlichkeit oftmals in einem Bruchteil von Sekunden schon wieder in Vergessenheit geraten sind. Kurz, knapp und prägnant, so könnte man den Entscheidungsmoment bezeichnen, in dem Marie-Hélène H-Desrue spontan dazu übergeht ihr Werk zum Leben zu erwecken. Die in sich fließenden Farben erlauben kein langes Überlegen. So spontan wie das erlebte Moment, so spontan muss sie auch während des Malprozesses handeln. Wirft man nochmals einen Blick auf die diversen Bildtitel, so entdeckt man Werke mit dem Titel Fallen. Diese Titel versteht die Künstlerin im doppelten Sinne. So kann es sich um Fallen handeln, die ganz plötzlich und unerwartet zuschnappen können. Das Fallen im Sinne von stürzen bzw. sich fallen lassen in der Bedeutung man lässt sich gehen und befreit sich von dem einem umgebenden Ballast.

Doch auch das Kunstwerk kann eine Falle sein, eine Falle für das Auge. Es irritiert, es illussioniert, es nimmt seinen Betrachtern den Boden unter den Füßen weg, wo Zeit und Raum, Realität und Fiktion verschmelzen. Bei unserem Wahrnehmungsprozess befinden wir uns in der Gegenwart, doch je länger wir gerade die runden Arbeiten von Marie-Hélène H-Desrue auf uns wirken lassen, um so mehr verschmelzen unsere wahrnehmbaren Realitätsebenen und wir werden aufgefordert, das Kunstwerk in seiner ganzen Tiefe zu ergründen.

Als eine total sinnliche Zeit sieht die Künstlerin das Zeitalter des Barock. Denkt man an die Putti, welche überall von Balustraden und gemalten Decken zu fallen, ja zu schweben scheinen. Das Auge zu täuschen war gerade eine ausgeklügelte Spezialität dieser Epoche. Ein Trompe-l'œil (frz. "täusche das Auge", von tromper "täuschen" und l'œil "das Auge") ist ein illusionistisches Gemälde, das mittels geschickter perspektivischer Darstellung eine nicht vorhandene Räumlichkeit vortäuscht. So werden insbesondere auch Wand- und Deckenmalereien, die mit perspektivischen Mitteln eine scheinbare Vergrößerung der jeweiligen Architektur und einen Ausblick auf Phantasielandschaften erzeugen, Trompe-l'œils genannt. Die ältesten erhaltenen Beispiele kennt man aus Pompeji; in der Renaissance lebte die Technik mit der Wiederentdeckung der Perspektive auf.

Kunst aus einer anderen Sicht erleben, verursacht durch Drehungen und Spiegelungen. So können wir die heute hier gezeigten Arbeiten in einem ganz neuen Erlebniswert des Sehens erfahren. Somit zeigt die Künstlerin in mehreren Werkgruppen das Thema der Bewegung, welches Marie-Hélène H-Desrue schon seit jeher fasziniert. So skizziert Sie bei Proben im Theater Tänzerinnen und Tänzer und lässt sich von dem Thema Bewegung und Tanz faszinieren. Jede der hier gezeigten Arbeiten setzt sich somit aus einem Teil, welcher nicht vorhersehbar und beeinflussbar ist zusammen. Würde man versuchen die Arbeiten der Künstlerin auf einer Balkenskala zwischen Vergangenheit und Zukunft anzusiedeln, so sagt sie selbst würden sich Ihre Werke zwischendrin befinden. Man ist da, wo man hin möchte zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht angekommen ist. Das Gemälde als Augenfalle, die jeden Moment zuschnappen kann und die hierdurch hervorgerufene Unsicherheit für den Betrachter ist somit bewusst gewollt. Dieser soll sich die Frage stellen, wo er sich den just in diesem Moment überhaupt befindet.
In ihren Arbeiten enthebt sich die Künstlerin jeglicher Form des Statischen und der Eindruck entsteht, als würde sich das soeben noch wahrgenommene Motiv jeden Augenblick verändern und in einer neuen Konstellation formieren.

Das Fließen der Farbe, die Faszination des Körpers, und die Stürzenden und Fallenden in ihren magischen Räumen sind es, welche auf dem unbehandelten Bildträger miteinander eine Symbiose eingehen und sich in einer gemeinsamen, harmonischen Balance als eine funktionierende Einheit wiederfinden. Es ist die Lust am Malen, der Umgang mit der Farbe und den Materialien, die Marie-Hélène Tag für Tag immer wieder dazu antreibt, sich durch ihre Werke künstlerisch auszudrücken.
Steht doch heute vielfach bei Kolleginnen und Kollegen das Bauchgefühl verstärkt im Vordergrund, um sich dann darüber in bzw. durch ihre Kunst zu definieren, so verhält es sich bei Marie-Hélène Desrue anders. Wie sie sagt, sei sie keine Künstlerin die ihre Gefühle, Sehnsüchte oder Ängste durch ihre Arbeiten ausdrücken will. Vielmehr sind es bei ihr die Wahrnehmungsprozesse, welche dann irgendwann einmal vielleicht später wieder in Erinnerung treten und erst dann zu diesem Zeitpunkt bewusst von ihr in einem ihrer Kunstwerke umgesetzt werden.

Es sind Räume die es so wohl nicht gibt und genau das ist es, was die Künstlerin in ihrer Umsetzung reizt. Raumgebilde die nicht fassbar sind, die man aber wahrnimmt. Eine örtliche und zeitliche Bestimmung ist nicht möglich. Wann und wo man sich befindet oder das zu erkennende Geschehen stattfindet ist für uns nicht nachvollziehbar. Also keine echten Räume? Die Künstlerin spielt somit mit verschiedenen Wahrnehmungsebenen. Es ist wie in einem Schwebezustand in welchen sie ihre Betrachter hineinversetzt. Man erinnert sich! Noch nicht am Ziel angekommen, sondern irgendwo dazwischen. Im übertragenen Sinne hat der Mensch in einem solchen Lebensabschnitt noch nicht die notwendige Sicherheit und noch nicht das Vollendete erreicht. Das ist das Leben pur. Die Arbeiten der Künstlerin Marie-Hélène H-Desrue stellen daher keine Vermittler von Botschaften dar, sondern signalisieren ein Zeitfenster innerhalb einer Lebenslinie. Wie sie sagte, gibt es Sachen, die passieren, wo sie reagieren müsse.

Auch wenn während der Arbeit in ihrem Atelier in Karlsruhe- Durlach sich bei ihren Arbeiten eine gewisse Spontaneität in deren Umsetzung einstellt, lässt sie sich jedoch nichts vom Zufall vormachen. Gefällt ein Kunstwerk nicht wird es überarbeitet oder sogar vernichtet. Auch im Barock herrschte eine Lebensphilosophie, nämlich nichts dem Zufall überlassen. Alles war durchdacht und geplant. Wer jedoch jetzt glaubt, die Künstlerin habe zu Beginn ihres Arbeitens schon ein fertiges Bild von dem Kunstwerk im Kopf der irrt. Auch die Titel zu ihren Arbeiten entstehen meist während des Arbeitens. Nur ein ganz einfaches Gedankengerüst existiert zu Beginn in der Vorstellung der Künstlerin. Was danach dann alles passiert, davon lässt sich Marie-Hélène Desrue dann selbst überraschen. Es gibt also kein Rezept, sondern auch sie geht wie ihre Betrachter auf eine spannende Entdeckungsreise und lässt das Unvorhersehbare auf sich zukommen.

Neben dem Malen ist das Skizzieren eine ihrer großen Leidenschaften. Wirft man einen Blick in den kleinen, doch so liebevoll gestalteten und gleichzeitig unterhaltenden Skizzenkatalog der Künstlerin, so kann man sofort erkennen mit wie viel Liebe zum Detail und Freude die Künstlerin bei der Sache ist. Kleine Skizzen und Studien die zum Schmunzeln einladen und es sind auch die Momente, welche vielleicht auch später dann wieder irgendwann einmal in der Erinnerung auftauchen und dann in Linien, Strukturen, fließenden Farben und Formen als Gemälde sich wiederfinden.

Wie schreibt sie doch: "Mein Skizzenbuch, mein Reiseaquarellkasten sowie ein Bleistift Stärke 6B sind fester Bestandteil meines alltäglichen Rüstzeugs, und dies keineswegs in geringerem Maße als all die "weiblichen" Utensilien, wie etwa Schminktäschchen, Adressbuch, etc., die stets meine Handtasche füllen." Auch sollte aus ihrer Sicht eine Skizze nicht abgeschlossen sein, sieht die Künstlerin darin doch den Vorteil der Frische und der Subjektivität. Wie sie sagt ist für sie Subjektivität nicht gleich weniger Realität. Doch das was sie wahrnimmt, ist für sie die Realität, und eine Realität, die für alle gleich ist, ist eine Lüge. Skizzieren ist deshalb ein "Denken mit der Hand". Wer hiervon selbst erfahren möchte, hat die Möglichkeit an einem der von der Künstlerin angebotenen diversen Kurse oder an einer ihrer Malreisen teilzunehmen.

Der Akt des Malens bedeutet für Marie-Hélène auch ein Akt des Suchens, um etwas zu finden was sie selbst noch nicht kennt, sie jedoch erahnt, dass es mit ihr etwas zu tun hat. Farben fließen ineinander, tropfen dann durch die Leinwand hindurch, werden schließlich miteinander vermengt, bewegt, gerührt bis sie dann letztendlich erstarren. Wie lautet doch der Satz ihres Lehrers an der Hochschule der Künste in Berlin: "Na dann, mach mal......". Somit erkennen wir, dass die Künstlerin ihre Erwartungen und ihre Arbeitsergebnisse, den Zwängen und Verkettungen des Handelns unterwirft. Auslöser gibt es für ihre Arbeiten wie sie sagt viele, und hat auch zu diesem Zeitpunkt schon eine Entscheidung stattgefunden, soll die Bildidee noch vage und offen bleiben. Und wie wir wissen darf auch der Zufall bei Marie-Hélène Desrue nur unter Aufsicht mitspielen. Sie ist als Malerin vergleichbar mit einer Forscherin. Immer in der Erwartung dessen, was sie wohl beim Malen finden und entdecken wird.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, tauchen sie heute gemeinsam mit der Künstlerin Marie-Hélène H-Desrue ein in deren fantastische Bildräume, wo die Inhalte von außen her gewonnen werden, die Formen aber, in denen diese Erfahrungen ins Bewusstsein dringen, aus dem Sinnesarchiv stammen und Objekte uns begegnen, die den Raum zu durchbrechen scheinen. Wie beschrieb die Künstlerin 2009 in dem kleinen Folder "...oder wenn die Zeit den Raum bestimmt" ihre Arbeiten: Schweben - fallen - stürzen - fliegen.

Apotheose und Engelssturz

Den Schwindel festhalten
Die Unsicherheit verherrlichen
Der Augenblick, der ewig wirkt

Unendlichkeit des Kreises
Schwerelosigkeit
Kein Oben, kein Unten


Und wenn Sie jetzt noch der Meinung, das ganze sei ja eigentlich eine richtig runde Sache, dann kann ich Ihnen hierbei nur kopfnickend zustimmen.





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