Technische Universität Kaiserslautern / Array
Martin Schöneich: "Linie - Fläche - Raum"
Plastik, Grafik
07.02.06 bis 07.03.06
Martin Schöneich
Martin Schöneich

Einführungrede von Dr. Claudia Gross-Roath

Eine Laudatio soll einstimmen auf das Werk des Künstlers, möglichst neue Sichtweisen eröffnen und Verständnis für die künstlerische Ausdrucksform wecken. Meine Aufgabe ist es demnach, sie als Betrachter einzuladen, einen ganz genauen Blick auf die hier ausgestellten Skulpturen und Grafiken zu werfen. Ich möchte daher mit zwei Beschreibungen beginnen:

Zwei Ebenen durchdringen sich. Sie sind geformt aus Metall, man kann die Kompaktheit und Kühle der Materie visuell erfassen, man weiß um die Schwere. Die erste Stahlebene hat mittig eine Vertiefung, jedes der beiden Teile endet in einem Viertelkreissegment. Die sie durchdringende Ebene verjüngt sich ebenso abrupt, wie sie sich wieder ausbreitet. Genau an der Stelle, an der sich die Metallteile treffen müssten, sitzt ein quadratischer Sandsteinblock. Dadurch hat man den Eindruck als lehnten die beiden Metallplatten gegeneinander und hielten sich gerade so im Gleichgewicht.

Im zweiten Falle durchdringt eine für die Größe der Skulptur dicke Stahlplatte einen zierlichen Sandsteinwürfel, schneidet ihn für das Auge in zwei Teile. Der Würfel liegt auf einer zweiten Metallplatte auf. Es scheint als seien die beiden Metallteile zusammengesteckt. Beide Platten balancieren auf einer Kante. Dadurch hat der Betrachter einerseits den Eindruck, dass die Schwere des Materials aufgehoben ist, andererseits fürchtet er für einen kurzen Moment das scheinbar instabile Gleichgewicht könne ins Wanken kommen.

Die Beschreibungen schildern uns ein- und dasselbe Kunstwerk, nur der Betrachterstandpunkt liegt drei Schritte auseinander. Es gehört in die Decon-Reihe und geht zurück auf die Betrachtung von Architektur. Während architektonische Räume einem Nutzen zugeführt werden sollen, z.B. dem des Wohnens oder Arbeitens, kann die Bildhauerei sich mit dem Raum an sich beschäftigen.

Skulptur definiert den Raum, in dem sie sich in ihm entfaltet oder ihn umschließt. Für sie muss der Raum nicht nutzbar sein. Es werden weder Zimmerdecke noch Fußboden benötigt. Es ist also egal, wie die Ebenen verlaufen und so kann Martin Schöneich seine Skulpturen auf die Ecken oder Kanten stellen. Auf jede der Ecken oder Kanten, sodass man die Skulptur, um ihr gerecht zu werden, nicht nur im Umschreiten betrachten muss, sondern eigentlich auch von oben und unten.

"Kunst ist keine Beschäftigung, Kunst beschäftigt immerwährend den Künstler." Damit meint Willi Baumeister, dass sie kein Zeitvertreib ist, sondern ein Sujet hartes Arbeiten und viele Lösungen erfordern kann. Martin Schöneich beginnt seine Annäherung an ein Thema mit Skizzen, in die er bereits Licht- und Schattenpartien durch Schraffur oder Lavierung miteinbezieht. In einem nächsten Schritt erstellt er in seinem Computer eine farbige 3D-Skizze der entstehenden Skulptur.

Wenn die Idee seiner Prüfung von allen Seiten standhalten kann, wird das Werk in Holz umgesetzt. Vollendet ist es, wenn der Künstler es rot lackiert hat. Er verwendet die Farbe matt, glänzend oder schmirgelt sie nach dem Auftrag wieder ab, damit der Untergrund durchschimmern kann. Rot, so findet der Künstler, hebt die Formen der Holzskulpturen am besten hervor.

Für ihn ist es eine Rückkehr zum Werkstoff Holz, begann er doch 1970 eine Lehre als Modellschreiner. Erst acht Jahre danach entschließt sich der aus einem musischen Haushalt stammende Martin Schöneich zu einem Bildhauerstudium an der Akademie der Bildenden Künste in München. Er wird Meisterschüler bei Erich Koch und schließt 1984 mit dem Diplom ab. Bereits im darauffolgenden Jahr wird er freischaffender Künstler.

Seine Kunst-am-Bau-Projekte sind über ganz Rheinland-Pfalz verteilt zu sehen: im heimatlichen Grünstadt, in Landau, Jockrim, Annweiler und Krickenbach, in Winningen, Carlsberg und Niederwörresbach bei Idar-Oberstein, sowie in Trier und Hassloch. Alleine in Kaiserslautern befinden sich vier Werke: Die Jungfrau vor der Landeszentralbank, eine Skulptur im Pausenhof des Rittersberggymnasiums, eine vor dem Obdachlosenheim und schließlich ein Kopf vor dem Neubau der Firma Keiper.

Sein jüngstes Projekt, das man im Husterhöhensportpark in Pirmasens bewundern kann, ist von enormen Ausmaßen. An einen Winkel von 6 m Höhe und einer 8 m langen Auskragung ist oben ein 14 m langer Schweif angebracht, der am Boden in einer Kugel von 2,2 m Durchmesser endet.

Skulptur für den öffentlichen Raum fordert den Betrachter auf eine besondere Weise. Oftmals ist allein wegen der Größe eine Auseinandersetzung unumgänglich. Auch ist es ein natürliches Einbeziehen der Betrachterstandpunkte: Die Bewohner der Stadt werden nicht immer denselben Weg über den Platz nehmen und werden deshalb das Kunstwerk von verschiedenen Seiten erfahren. Der Betrachter muss nicht kunstinteressiert sein, er begegnet dem Kunstwerk nicht unbedingt auf eigenen Wunsch, aber er begegnet ihm. An Bildhauer-Symposien schätzt Martin Schöneich deshalb besonders das Gespräch mit den Menschen, die interessiert stehen bleiben und Fragen stellen.

Gedacht ist die Kugel der Skulptur auf der Husterhöhe als Ball, der Schweif als Flugbahn und der Winkel als Tor. Viele Betrachter erkannten in dem Sandsteinball jedoch die Weltkugel. Diese Lesart der Skulptur wurde für den Künstler zum Auslöser für seine Beschäftigung mit dem Thema Gravitation, in dem die Kugel für ihn das erste Mal in seiner Kunst eine zentrale Rolle spielt. Die Auseinandersetzung mit dieser 2. Themenreihe ist hier in der Galerie der Technischen Universität Kaiserslautern durch neun Werke dokumentiert.

Bei all seinen bildhauerischen Arbeiten interessiert Martin Schöneich die Umsetzung des Themas Leichtigkeit. In der Decon-Reihe erreicht er dies, dadurch dass die Materialien trotz tatsächlicher Schwere zu schweben scheinen. In der Reihe, die sich mit Gravitation auseinandersetzt, versucht er die Schwerkraft durch das Andeuten von der Bewegung einer Kugel darzustellen. Die rasante Fortbewegung der Kugel wird durch die Farbe rot unterstrichen, die wir als "schnell" empfinden.

In seinem graphischen Werk finden sich große Formen, die bildfüllend den Raum greifen. Ihre Gestalt ist wie die Decon-Werke aus komplexen geometrischen Formen gebildet. So endet das breite Kreissegment auf jeder Seite in einem Rechteck und schiebt sich mit dem größeren davon vor ein weiteres wuchtiges Kreissegment. In der Mitte zwischen den beiden ragt eine dünne Linie hervor, die aus einem weiteren Viereck hervorlugt. Dieses gibt den Anschein, obwohl schwarz auch durchsichtig zu sein, denn durch eine feine Linie wird, die Kante des dahinterliegenden Rechteckes sichtbar. Durch die dünnen, weißen Linien wird Raum definiert, sie bestimmen welche Form wir im Bildvordergrund sehen und welche dahinter.

Die Formen selbst aber bleiben flach, sodass trotz Räumlichkeit keine große Bildtiefe entsteht. Die Arbeiten haben nicht nur inhaltlich viel mit dem dreidimensionalen Werk zu tun. Denn auch die Vorgehensweise in der graphischen Technik des Linolschnittes, der tatsächliche Akt des Wegschneidens oder -schnitzens der Linolplatte, hat etwas mit bildhauerischeren Prozessen gemein. Da die Blätter alle von Hand gedruckt sind, entstehen sie in kleinen Auflagen von bis zu 50 Stück.

Eine der neuesten Entwicklungen sind die vierfarbigen Holzdrucke, die hinsichtlich der Kugel aber auch der Farbigkeit mit den rot-lackierten Holzskulpturen korrespondieren. Obgleich auch sie geometrische Formen zeigen, unterscheiden sie sich von den Linolschnitten nicht zuletzt wegen der weniger scharfkantigen Umrisslinien.

Martin Schöneich hat seine Arbeiten seit 1984 in zahlreichen Kunstvereinen u.a. in Aachen, Augsburg, St.Wendel und Germersheim gezeigt. Seine Skulpturen waren in der Villa Streccius in Landau und im Kahnweilerhaus in Rockenhausen zu sehen. Ein Arbeitsstipendium führte ihn 1986 nach Lincoln in England, wo sich dem Aufenthalt eine Ausstellung anschloss. Zehn Jahre danach führte ihn ein Reisestipendium nach Spanien. Dort besuchte er das Atelier Chilidas. Die Auseinandersetzung mit dessen Werk führte weg von figurativen Arbeiten hin zu abstrakten Skulpturen, die wie in den hier ausgestellten Arbeiten abstrakte Begriffe wie Dekonstruktion bzw. Stabilität und Instabilität oder Gravitation thematisieren.

Habe ich mit der Beschreibung eines Kunstwerkes begonnen, so möchte ich mit einer Wegbeschreibung enden: Wenn sonst vor den verschlungenen Pfaden gewarnt wird, so sind sie hier als Rundwege um die außergewöhnlichen Kunstwerke angebracht!

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Schöneich Martin (Rubrik KÜNSTLER)



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