Technische Universität Kaiserslautern / Array
Paul Bright und Leigh Ann Hallberg: "Strukturen und Konstruktion"
Collagen, Zeichnungen
08.07.08 bis 05.08.08
Paul Bright
Paul Bright: "50% Gray", 2006, Collage

Zum Ende des Sommersemesters werden die Besucher der Galerie in der TU mit Werken der amerikanischen Künstler Paul Bright und Leigh Ann Hallberg konfrontiert. Unter dem Titel "Strukturen und Konstruktion" werden die Collagen und Zeichnungen zum ersten Mal in Kaiserslautern präsentiert.

Leigh Ann Hallberg zeigt mit ihren an wissenschaftliche Illustrationen erinnernden, hyperrealistischen Graphitzeichnungen scheinbar einen Blick in die Innenwelten des Körpers, den Zellen. So wie sich jedoch alles im Rückblick verändert, so entziehen und entfalten sich diese biologischen Erinnerungen durch die sie definierenden Strukturen und Musterungen zu eigenständigen Bilderfindungen.

Auch Paul Bright befasst sich in seinen konkreten, sehr präzisen Collagen mit Erinnerungsstücken. Oftmals wählt er als Kompositionsmittelpunkt das Etikett einer Weinflasche aus Frankreich, einen Packzettel aus Italien, oder eine Fahrkarte aus der Schweiz - Fundstücke, die er von seinen Reisen mitbringt. Sie werden mit anderen geschnitten oder gerissenen Papierstücken zu Teilen eines mehrdeutig zu verstehenden Bildraumes. Formal und inhaltlich konstruiert er so ein Zusammentreffen der Gegensätze. Seine Collagen waren bereits. in den USA, Kanada, England, Italien, Deutschland und in der Schweiz zu sehen.


Einführung von Dr. Claudia Gross


Ich möchte meine Ausführungen damit beginnen, Ihre Aufmerksamkeit auf das kleinste der ausgestellten Werke zu richten; "Square, adjusted" von Paul Bright: Ein Quadrat von 5,9 x 5,9 cm, angefüllt mit unglaublich vielen visuellen Informationen. Wir sehen Farbflächen und Farbwerte, Papiere sowie Stoffe und ihre Strukturen, gelbe, rote und schwarze Buchstaben verschiedener Größe. Genauer betrachtet, fällt z.B. eine rostorange Farbfläche, die am rechten Bildrand von unten nach oben sich ausweitend wahrgenommen wird, in den Blick. In direkter Nachbarschaft ein scheinbar vergilbtes Blatt, einige Farbnuancen heller, das links mit einem ins Bläuliche spielende Grau kontrastiert wird. Darunter ein blauer Aufdruck, und dann die linke untere Bildecke gefüllt mit einer dreieckigen, blauen Farbfläche, in der ein gelbes "a" prangt. Rechts daneben folgt eine braune, sich zu einem Dreieck ausbreitende Fläche: ist sie tatsächlich rötlich oder ist das eine optische Täuschung? Und wie steht es mit dem blaugrauen Stoff, der das kleine geneigte Quadrat rechts unten im Bild ergänzt? Wie hoch ist sein Blauanteil tatsächlich? Und handelt es sich wirklich um ein Quadrat? In der Bildmitte befindet sich ein weiß-grauer Stadtplan, auf dem wir in Rot geschrieben die Worte "Museo Teatrale alla Scala" lesen können. Er ist eingebettet in die verschiedenen, farbkompositorisch abgestimmten Papiere.

Die Konsequenz aus Paul Brights intensiver Beschäftigung mit der Farbe ist, dass er sie immer in Verbindung mit ihrer Farbzusammensetzung sieht. Farbe ist bei ihm somit nicht etwas, dass nur Raum im Bild einnimmt, ihn lediglich koloriert. Deshalb platziert er in diesem Fall neben eine blaue Fläche eine neutrale, also graue Farbe, die die Kühle des Blaues annimmt, und kontrastiert die beiden mit einem warmen braun-orange Ton, der Komplementärfarbe. Als komplementär bezeichnet man Farben, die sich im Farbkreis direkt gegenüber liegen. Ein solches komplementäres Paar bilden immer eine warme und eine kalte Farbe.

Kehren wir nun zurück zu dem Kompositionsmittelpunkt, also hier dem Stadtplan, in anderen Fällen einem Etikett oder Billett. Die Fläche, die dieses Fundstück als Ganzes eingenommen hätte, wird an manchen Stellen durch Pappe- und Papierstücke ergänzt. Es handelt sich also nicht um eine schlichte Überlagerung der Papiere, sondern sie überlagern sich so, dass sie immer die von Etikett oder Billett vorgegebene Fläche vervollständigen. Folgt man nun den Kanten und Umrissen, so wird das Auge in die Bildtiefe geleitet. Die überlappenden Flächen sind tatsächlich Ebenen, die in verschiedener Bildtiefe platziert sind und sich deshalb für den Betrachter überschneiden. Jede dieser Überlagerungen der Ebenen hat der Künstler für uns mit einem andersartigen, z.B. glatten, geriffelten oder strukturierten Papier markiert. Der bereits erwähnte Kalt-Warm-Kontrast gibt dabei den Ebenen im Bild eine spezielle Note: Für uns drängen kalte Farben in den Bildhintergrund und warme in den Vordergrund. Wenn nun zum Beispiel ein blaugrünes Papier über ein rostrotes geklebt ist, kann es deshalb sein, dass wir es so wahrnehmen, als ob die blaugrüne Farbebene in der Bildtiefe hinter die rostrote zurückspringt.
Die Ebenen ziehen in jedem Falle unseren Blick in die Tiefe, dennoch kehrt unser Auge stets zurück an die Bildoberfläche - werden wir doch von den Buchstaben immer wieder angezogen. In seiner Betitelung greift Paul Bright oftmals auf die Wortfetzen zurück, die nach dem Beschneiden der Fundstücke zurückbleiben. Dabei spielen sicherlich auch die Erinnerungen an seine zahlreichen Reisen und Europaaufenthalte eine Rolle. In den letzten Jahren jedoch ist ihm offenbar die Bedeutung, die durch seine geschnitten und geklebte Intervention entsteht, immer wichtiger geworden. Zu der formalen Mehrdeutigkeit seiner Collagen kommt nun auch eine inhaltliche Zweideutigkeit, die bei möglichen Interpretationsansätzen berücksichtigt werden sollte. Kann man z.B. das seit 2001 vermehrte Auftauchen arabischer Schriftzeichen in den Werken des US-Amerikaners Paul Bright einfach außer Acht lassen?

In allen Fällen aber geht es in den auch aus Prinzip kleinformatigen Werken um die Wahrnehmung unserer Welt, Umwelt und unserem Umgang mit der Überinformation und der Geschwindigkeit, in der unser tägliches Leben abläuft. Während Paul Bright sich mit dem Erfassen unserer Außenwelt beschäftigt, lenkt Leigh Ann Hallberg ihren Blick nicht nur auf eine Innenwelt, sondern gar auf das Innere unseres Körpers. Ausgehend von der Bebilderung wissenschaftlicher Literatur entwickeln ihre Zeichnungen jedoch eine unübersehbare Eigenständigkeit, denn nur scheinbar handelt es sich in jedem Falle um extreme Vergrößerungen von menschlichen Gewebestrukturen.

Auch wenn wir bei "Cellular Drama VIII" allein wegen des Titels vermuten, dass es sich um eine wie durch ein Mikroskop beobachtete und festgehaltene Darstellung von Zellen handelt, so ist es für die Nicht-Biologen unter uns erst mal ein quadratischer Ausschnitt mit einer mehrfach wiederkehrenden, in Diagonalen angeordneten Form. Aus einer dunkel angelegten Fläche wölben sich in regelmäßigen Abständen runde Öffnungen hervor, aus welchen sich eine leicht übergebeugte Form hervorstülpt. Da sich nicht jede gleich weit neigt, wird die von den Abständen vorgegebene Regelmäßigkeit durch Licht und Schatten also einen Hell-Dunkel-Rhythmus untermalt. Darüber hinaus hat es den Anschein, als wären die Formen in Bewegung, als wäre dies nur eine Momentaufnahme, die sie für den Bruchteil einer Sekunde so zeigen, bevor sie sich wie Wasserpflanzen durch die Strömung weiter hin und her wiegen. Das im Titel angekündigte Drama wird einerseits durch die Betonung der Diagonale im Bildaufbau und andererseits durch die dramatische Beleuchtung der Szene hervorgerufen.

Leigh Ann Hallberg gibt nicht eine leise, korrekte und wissenschaftliche Beschreibung der Zellen einer Zunge, sondern lässt die Zeichnung wie einen visuellen Trommelwirbel erklingen. Wer sich jedoch nun in seinem Betrachten ihrer Werke auf die Quellensuche innerhalb der Biologie versteift, wird alsbald in die Irre gehen. Zwar geben ihre Zeichnungen immer noch vor sich an Illustrationen aus Biologiebüchern zu orientieren, aber die Motive entstammen jetzt zum Teil auch gänzlichen anderen Bereichen. Leigh Ann Hallberg hat ähnliche Strukturen gesucht und gefunden. So erinnert "Somatic memories X" in Struktur und Konstruktion an den perlschnurkettenartigen Aufbau, wie ihn z.B. Hefepilze aufweisen. Hell und Dunkel definieren für uns ineinander verflochtene Stränge. Mehr und mehr werden sie miteinander verwoben, durch Querverbindungen mit einander verknüpft. Es entstehen dunkle Aussparungen zwischen den hellen Strängen. Wir verfolgen den Lichteinfall in der Modulation der Helligkeit jedes einzelnen Stranges und gelangen so zu der rechten unteren Bildecke. Hier erstaunt die mehrfach gezackte Abgrenzung der dunklen Fläche. Die eingehendere Betrachtung des links angrenzenden Bereiches enthüllt das Geheimnis dieser Zeichnung. Was wir für einen weiteren Blick durch ein Elektronenmikroskop auf eine Gewebeanalyse gehalten haben, zeigt in Wahrheit handgemachte Spitze aus Cluny, die sich schon seit Generationen im Besitz der Familie der Künstlerin befunden hat. Die Stränge geben sich als geklöppelte Fäden zu erkennen, die ein für Spitze typisches Muster bilden. Die Verwirrung ist gelungen, weil das Muster der Spitze durch das Zusammenraffen, und damit der Konzentration und Entspannung in der Komposition, visuell fast bis zur Unkenntlichkeit verändert worden ist.

Der Titel der Ausstellung "Strukturen und Konstruktion" nennt zwei Bereiche, in denen wir Parallelen in dem Werk der beider Künstler feststellen können. Während Leigh Ann Hallbergs Werk auf dem Darstellen von Strukturen basiert, tragen bei Paul Bright verschieden strukturierte Papiere zum Ausloten der Bildtiefe bei. In der Behandlung der Flächen und Ebenen zeigt sich bei ihm im Bildaufbau die im traditionellen Verständnis gemeinte Konstruktion, die die persönliche Handschrift des Künstlers für eine fast maschinell gefertigte Herstellung aufgibt. In Leigh Ann Hallbergs Zeichnungen verbindet sich der Begriff Konstruktion mit dem der Strukturen. Wir verstehen ihn hier weit weniger als Bezeichnung aus der Kompositionslehre, als vielmehr eine Vokabel aus der Biologie. Bei beiden führt die Verwendung bzw. Darstellung von Struktur und Konstruktion zur Abstraktion, die nur in bestimmten Bildregionen durch die Erinnerung, Wiedererkennen und Wahrnehmung des Betrachters aufgehoben wird.

In der Darlegung über sein Werk fragt Paul Bright: "Wie viel schneller, wie viel flüchtiger, fragmentierter, spezialisierter, vergänglicher oder atomisierter kann unser Leben werden?" In den Collagen begegnet er diesem Übel mit einer Neuinterpretation der Welt durch die Verbindung der Fundstücke und somit Fragmente. Leigh Ann Hallberg hingegen vollzieht den Weg der Spezialisierung und Fragmentierung in ihren Zeichnungen nach. Damit, dass sie die Methode der naturwissenschaftlichen Betrachtung für ein nur vermeintlich biologisches Objekt verwendet, hinterfragt sie indes, ob die Bestimmtheit, mit der wir die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung akzeptieren, immer angebracht ist.

Paul Bright wurde in Cleveland, Ohio, geboren. Er studierte in South Carolina Graphikdesign und bildende Kunst. Seit 2004 lebt und arbeitet er in Winston-Salem, North Carolina. Er ist Stellvertretender Direktor des Museums der Wake Forest University. Seit 1989 hat Paul Bright sein Werk regelmäßig in den USA und Kanada in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt. 1990 waren seine Collagen in der Schweizer Galerie Nikolaus Knöll und damit das erste Mal in Europa zu sehen. Seither hat er außerdem in England, Italien, und Deutschland ausgestellt.

Leigh Ann Hallberg wurde in New Haven, Conneticut, geboren. Sie studierte Malerei am Mount Union College in Alliance, O.H. und an der University of Colorado in Boulder, C.O. Dort schloss sie 1989 ihre Ausbildung mit einem Master of Fine Arts ab. Seit 2006 ist sie Assistant Professor of Art an der Wake Forest University in Winston-Salem. Leigh Ann Hallberg hat ihre Zeichnungen, Malereien und Skulpturen in Colorado und North Carolina seit 1989 regelmäßig ausgestellt. Zeitgleich mit dieser ersten Ausstellung in Deutschland, ist ihr Werk außerdem in Italien zu sehen sein.

"Die Zeit des langsamen Schauens, eines langen Blickes, einer beschaulichen Studie", so schreibt Paul Bright, "scheint fast vorbei zu sein". Ich wünsche ihm und Leigh Ann Hallberg heute, dass Sie, meine Damen und Herren, den hier ausgestellten Werken einen solchen langen Blick schenken. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.




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Paul Bright
Paul Bright: "50% Gray", 2006, Collage
Leigh Ann Hallberg
Leigh Ann Hallberg, Zeichnung