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Pino Rando: "Frammenti"
Fragmente - Skulpturen aus Ton und Glas
26.06.07 bis 20.07.07
Pino Rando
Pino Rando

Die Reihe der Kunstausstellungen in der Galerie in der TU Kaiserslautern wird mit Exponaten des renommierten italienischen Künstlers Pino Rando fortgeführt. Der in Genua lebende 65-jährige Künstler kann nach verschiedenen Ausbildungen (Keramik, Grafik, korsische Malerei) auf zahlreiche Ausstellungen in Deutschland, Frankreich, Österreich und Italien zurückblicken. Zudem war er lange Zeit in verschiedenen Bereichen als Restaurator tätig.

Die Skulpturen Pino Randos bestehen aus Bruchstücken, werden von Rissen, Schnitten und Rillen durchzogen, die - technisch gesehen - Teil eines Verfahrens sind, bei dem voneinander getrennte Teile wieder zusammengeklammert werden, indem geschmolzenes Blei in Einschnitte und Rillen fließt. Durch die in den Ton geritzten Furchen und Linien, die sich mit fortschreitender Bearbeitung der Oberflächen auflösen und fast wie von selbst Gleichgewicht und innere Logik finden, plant Rando den späteren Verlauf des verflüssigten Bleis. Die Energie des geschmolzenen Metalls ist es, die den Skulpturen jenes Element von Stärke verleiht, Gestalt annimmt, und aus Zeichen Sprache macht. Damit soll eine durch archäölogische Funde belegte Technik nachvollzogen werden, die um das 1. Jahrhundert v. Chr. von kampanischen Töpfern zur "Restaurierung" von Dolien (große Keramikgefäße) angewandt wurde.
Pino Randos künstlerische "Frammenti" des 21. Jahrhunderts gehen einen Schritt weiter und verwandeln "Gefäße" in sehenswerte und meisterhaft gearbeitete Skuplturen.

Einführung von Dr. Claudia Gross-Roath

"Frammenti", also Fragmente lautet der Titel der Ausstellung, die in Kaiserslautern die Werke des Norditalienischen Künstlers Pino Rando zum ersten Mal zugänglich macht. Die Karte, mit der zur Eröffnung eingeladen wurde, zeigt einen flachen Quader mit abgerundeten Ecken und Kanten, aufrecht und blau. In der Mitte verläuft ein ganz gerader Schnitt, durch den in das Dahinter hindurchgeblickt werden kann, aber auch in das massive Innere des Objektes. Quer über diesen Schnitt verlaufen auf Vorder- und Rückseite fünf Metallstücke wie fünf Einstichmale an einer Narbe. Der Keramikkörper, den sie nur scheinbar zusammenhalten, ist mit Schrunden und Einkerbungen bedeckt. Der ungleichmäßige Glasurauftrag, dessen Blau von einem hellen Ton bis in ein Ultramarin dunkel changiert, trägt sein Übriges dazu bei, dass man den Eindruck eines Objektes mit Geschichte vor sich hat.

Der ausgebildete Keramiker Pino Rando, 1942 in Savona, Ligurien/Italien, geboren, hat über 20 Jahre als Restaurator und Dozent für Restaurierungs- und Konservierungstechniken gearbeitet. Seine Arbeit und seine Kunst sind miteinander verwandt, bedingen und beeinflussen sich gegenseitig. Die Grundsätze seiner Kunst formuliert der Künstler wie folgt: "Meine Skulpturen bestehen aus Bruchstücken, werden von Rissen, Schnitten und Rillen durchzogen, die technisch gesehen Teil eines Verfahrens sind, bei dem ich voneinander getrennte Teile wieder zusammenklammere, in dem ich geschmolzenes Blei in diese Einschnitte und Rillen fließen lasse."
Diese Vorgehensweise beschreibt eine Technik, die bei archäologischen Ausgrabungen an Gegenständen gefunden wurde. Eine Art altertümliche Restaurierungsmaßnahme mittels welcher zerbrochene Gefäße durch das Ausgießen der Bruchstellen oder Risse mit Blei wieder gedichtet wurden. Die Querstreben, im Fachjargon "Schwalbenschwanzanker" genannt, waren für die Stabilisierung notwendig. An den restaurierungsbedürftigen Objekten sitzen sie jedoch im Inneren.

Bei Ton handelt es sich um einen der ältesten Werkstoffe zu Herstellung von Kunst- und Gebrauchsgegenständen. Er ist in seinem plastischen Zustand leicht formbar. An Pino Randos Skulpturen finden wir Werkzeugspuren, die aus dieser Entstehungsphase herrühren. Auch die Kerben für das Blei entstehen vor dem ersten Brennen, dem sogenannten Schrühbrand. Wie lange der Trocknungsprozess dauert, hängt davon ab, ob es sich um ein massives oder ein hohles Objekt handelt. Nach dem Brennen wird die Glasur - mal matt, mal glänzend - aufgetragen und erst nach dem Glasurbrand wird das Blei gegossen. Wie der Meister dabei die Schwierigkeit überwindet, dass die erkaltete Keramik nicht wegen der plötzlichen und stellenweisen Erhitzung durch das Metall zerspringt, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht sind aber auch etwaige entstehende Risse mit einkalkuliert, denn auch sie können ja durch das Blei wiedergeschlossen werden.

Die Skulptur "Schwarzes Oval" scheint diesen Vorgang zu illustrieren. Tatsächlich ist es aber so, dass die beiden Materialien Ton und Blei sich unter den Händen des Künstlers verschieden entwickeln: Mal überbrücken die Streben einen klaffenden Spalt, der das Objekt teilt, dann wieder haben die Bleianker die beiden Teile fest miteinander verbunden, sodass nur noch der Riss an den Bruch erinnert. Schließlich verkümmert der Riss zu einem wenige Millimeter tiefen Einschnitt wie bei "Kugel" (Nr.29). Die Bleianker, denen der Betrachter zu Beginn fälschlicherweise eine stabilisierende Funktion zudachte, sind schließlich bei "Kreisel" nur noch grafische Elemente, bis sie bei "Kugel" (Nr.32) gar durch Tonstreifen ersetzt werden. Diese werden durch Schlicker - das ist sehr verwässerter Ton - mit der Kugel verklebt. Wie aber hält das Blei in den Kerben? Und wie werden die Streben an Objekten wie "Linse" an sich geformt? Ist das Metall vielleicht zu dem Zeitpunkt, zu dem es angebracht wird, bereits erkaltet? Wird das relativ weiche Blei mit der Hand geformt und dann in die Aussparung eingefügt? Ein Rätsel, das von römischen Tagen bis in die Jetztzeit reicht.

Nach der Ausbildung zum Keramiker in den 1960er Jahren erlernte Pino Rando an der Accademia Ligustica in Genua und später an der Lunnevards Folkhoskola in Schweden Malerei und Radierung. Seine erste Ausstellung fand 1969 in der Genueser Galeria San Matteo statt. In den achtziger und neunziger Jahren war er als Restaurator bei der ligurischen Soprintendenza Archeologica, einer Art archäologischem Institut, tätig. Während dieser Zeit begann man mit der Bergung von Fundstücken aus einem vor Diano Marina gesunkenen, römischen Schiff. Die Beschäftigung mit den großen, antiken Amphoren aus Terrakotta, im Fachjargon Dolien, und der antiken Restaurierungstechnik mit Blei gibt seinem hier gezeigten Werk den entscheidenden Anstoß.

Altertümliche Gebrauchsgegenstände wie Becher, Schalen und Vasen sind in ihrer Form einfach und schlicht, ihr Glanz geht von der z.T. detailfreudigen Bemalung mit mythologischen Geschichten aus. Auch Pino Randos Formenwahl bleibt einfach: Kugel, Quader, Linse oder Teller, deren Größe einen halben Meter nicht überschreitet. Über das ästhetische Interesse an der Ton-Blei-Verknüpfung hinaus nehmen seine Werke in Form und Titel immer wieder Bezug auf die Antike. Das blaue Objekt der Einladungskarte heißt "Blauer Chitinpanzer" und weckt Assoziationen an einen ägyptischen Skarabäus. Und auch ein Torso ist ausgestellt. Rodin war der Erste, der bewusst unvollständige Statuen bildhauerte. Er bezog sich damit auf damals wie heute bekannte antike Skulpturen, deren individuelles Schicksal sie kopf-, arm oder beinlos in die Kunstgeschichte eingehen ließ. Seit Rodin gehört der Torso zum Repertoire des modernen Bildhauers.

Obgleich die Werke z.T. mit sehr figurativen Titeln versehen werden, ist ihr eigentlicher Inhalt ein anderer: In dem leicht formbaren Werkstoff Ton bleiben die Spuren der Werkzeuge, seltener ein Fingerabdruck, erhalten. Sie geben die Geschichte der Bearbeitung wieder. Wie die Vasenbilder aus der Mythologie, so erzählen Pino Randos abstrakte Skulpturen von den antiken Restaurierungsmethoden. An den Keramiken selbst folgt dem Akt der Zerstörung der des Zusammenfügens, also die Heilung: nur beide Akte zusammen machen das Kunstwerk aus. Die Narben erinnern daran, wie aus Fragmenten wieder ganze Skulpturen wurden. Der spielerische Umgang mit den Elementen der Restaurierung kulminiert in dem Dekor der Teller: So nehmen auf einem Teller die "T"-Formen die Schwalbenschwanzanker wieder auf, und auf einem anderen werden ganz deutlich in den weißen Vierecken die Aussparungen zwischen Ton- und Metallteilen zitiert. Die poetische Emanzipation von den antiken Ursprüngen ist ein weiteres Mal vollzogen.



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