Reto Scheiber: "HOME" (Serie), 2012, Öl auf Leinwand, 180 x 160 cm
Finissage am 18.03.12 um 15.00 Uhr
Reto Scheiber, geboren 1972, arbeitet freischaffender Künstler und Gestalter für Architektur und Raum. Nach seinem Abschluss des Studiums an der Höheren Fachschule für Farbgestaltung in Zürich (HdF) 2003, absolvierte er das Studium Bildende Kunst an der University of the Arts London / Central Saint Martins College of Art and Design, das er 2007 mit einem Master of Fine Arts abschloss. Die letzten acht Jahre realisierte er eine Vielzahl an Gruppen- und Einzelausstellungen in England und der Schweiz. Als bildender Künstler arbeitet er mit den Medien Malerei, Skulptur, Video, Fotografie sowie Rauminstallation. National und international beteiligt er sich an vielen Einzel-und Gruppenausstellungen, z.B. in Basel, Altdorf, Luzern, London und Mulhouse.
Die im Stil minimalistischer Kunst in Acryl auf Leinwände gemalte Bilderserie "Home", die in der Galerie Aspekt ausgestellt wird, kann man zunächst einmal als Kunst um der Kunst selbst willen betrachten. Analog zur Sechseckform der geometrischen Grund-Figuren in Reto Scheibers Bildern beruht deren Farbigkeit auf dem sechsteiligen Farbenkreis aus der Farblehre Johannes Ittens: Dieser besteht aus den Primär- und Sekundärfarben (Gelb, Rot, Blau, Orange, Grün, Violett) sowie deren Komplementärkontraste. Grundlegend sind diese Farben daher, weil sich alle andere Farben aus diesen durch Mischen ergeben (Die Sekundärfarben durch Mischen der Primärfarben). Diese Standard-Farbvarianten könnte Reto Scheiber so in weiteren Bildern durch unendliche Farbkombinationen erweitern. Hier zeigt sich die hintergründig verborgene gedankliche Spielerei hinter der Strenge der Bilderreihe Reto Scheibers: Indem sie farblich mit ins Unendliche variierten Abwandlungen fortgesetzt werden könnte, verweist der Künstler auf die Möglichkeit der jenseits wissenschaftlicher Berechenbarkeit liegenden, aber genauso realen Subjektivität hin. Subjektivität ist wiederum ein Verweis auf ein Subjekt, also eine schöpferische Person: Gott selbst oder - als dessen Ebenbild - der Mensch.
Die vom Künstler eingesetzten Formen und Farben können aber auch konkret kulturgeschichtlich gedeutet werden. Jede Farbe hat ihren Symbolwert, wobei man sich je nachdem weltliche oder spirituelle Deutungen denken könnte: zum Beispiel Blau: kann einfach als Farbe der Weite und romantischen Sehnsucht aufgefasst werden oder aber als Symbol der transzendenten himmlischen Sphäre.
Einführung zur Ausstellung von Johannes Manz
Zwei Bilderserien des Künstlers zeigen wir: Zum einen: Eine klare Anordnung sechs kleiner, quadratischer, in Öl gemalter Bildtafeln von50 x 50cm, die im kleinen Zimmer (Raum 4) zu sehen sind, und eine siebte Tafel hängt separat für sich allein montiert im Treppenaufgang. Auf jedem der Bilder, die nach einer durchdachten Regie nebeneinander angeordnet sind, liegt mittig und symmetrisch dieselbe sechseckige Figur eines isometrisch-perspektivischen Würfels. Die unbehandelt belassene, weiße Grundierung in den breiten Linien der Innenfigur wiederholt sich in jedem Bild. Wenn wir Licht aller Regenbogenfarben mischen würden, würde weißes Licht entstehen, das alles Licht in sich zusammenfasst. Im Gegensatz dazu zeigt die separate graue Tafel im Treppenaufgang die Mischung aller materiellen Farben, die im Grunde Schwarz ergeben würde.
Zum anderen präsentieren wir in den großen Räumen eine Serie großer sechseckiger Leinwände (mit den Maßen 160 x 180 cm) vor, in welchen jeweils wieder dieselbe Würfelform mit sechseckiger Außenkontur mittig platziert ist. Je nach Hängung des Bildes ist der Würfel in Untersicht, mal in Aufsicht gezeigt: Der Betrachter sieht ihn entweder herab kommen oder er schaut von oben auf ihn - auch in einem übertragenen Sinne - je nach Betrachter-Standpunkt. Die Innenfigur pendelt dabei je nach Sehweise zwischen flächiger Sternform und perspektivischisometrischer Räumlichkeit eines Würfels hin und her. Unterschiede bestehen in beiden Serien nur in der farbigen Anlage der Bilder, da diese auf den ersten Blick ohne erkennbare individuelle Handschrift oder persönlichen Pinselduktus gemalt sind. Hier bemüht sich der Künstler in der Tradition der Minimal Art auf den ersten Blick um größtmögliche Anonymisierung, was diese Werkreihe fast an Firmenlogos erinnern lässt.
Die Konturen der Formen und Flächen sind scharfkantig, wie mit dem Lineal gezogen. Auch hierin zeigt sich eine zunächst industriell anmutende Standardisierung. Die strenge mathematischgeometrische Formensprache vermittelt uns vordergründig die scheinbar unantastbare Stabilität der naturwissenschaftlichen Grundlagen unseres Weltbildes. Das perspektivische Vexierspiel zwischen flächiger Form und räumlichem Körper hält den Gedanken bereit, dass jede Vorstellung Gottes in einseitigen, logisch folgernden Kausalzusammenhängen nicht zulässig ist, sondern einzig in der Form einer lebendigen, menschlichen Gemeinschaft ihre legitime "Sprache" findet.
Auf den zweiten Blick sind die mit dem Pinsel gemalten Bild-Oberflächen aber doch noch mit minimalen Merkmalen individueller Herstellung versehen, welche eine malerische Wirkung eben noch zulassen. Damit laufen diese Bilder eben doch bewusst einer völlig naturwissenschaftlichtechnoiden Auffassung von Malerei zuwider, welche sich auch nicht der höchst individuellen Vielfalt der Natur, der Schöpfung Gottes, vereinbaren ließe.
Analog zur Sechseckform der geometrischen Grund-Figuren in Reto Scheibers Bildern beruht deren Farbigkeit auf dem sechsteiligen Farbenkreis aus der Farblehre von Johannes Itten: Dieser besteht aus den sechs Primär- und Sekundärfarben (Gelb, Rot, Blau, Orange, Grün, Violett) sowie deren Komplementärkontrasten. Grundlegend sind diese Farben des Farbkreises daher, weil sich alle andere Farben aus diesen durch Mischen ergeben (Die Sekundärfarben sind bereits Mischungen aus den Primärfarben). Die hier gezeigten Standard-Farbvarianten könnte Reto Scheiber in weiteren Bildern durch unendliche Farbkombinationen erweitern und auf die Unendlichkeit anspielen.
Hierin zeigt sich bei dieser Bilderreihe die hintergründig verborgene gedankliche Spielerei hinter der vorgeführten Strenge: Indem er sie farblich mit ins Unendliche variierten Abwandlungen fortsetzen könnte, verweist der Künstler bewusst auf die Möglichkeit der ebenfalls realen, jenseits wissenschaftlicher Berechenbarkeit liegenden, Subjektivität hin. Subjektivität ist wiederum ein Verweis auf ein Subjekt, also eine schöpferische Person: Gott selbst oder - als dessen Ebenbild – der Mensch. Im Rahmen der festgelegten Form würde so jedes weitere Bild mit einem überraschenden Farbereignis versehen sein.
Die hier eingesetzten Formen und Farben können aber auch konkret kulturgeschichtlich gedeutet werden. Jede Farbe hat z. B. ihren Symbolwert, wobei man sich je nachdem weltliche oder spirituelle Deutungen denken könnte: nehmen wir Blau: es kann einfach als Farbe der Weite und romantischen Sehnsucht aufgefasst werden oder aber als Symbol der transzendenten himmlischen Sphäre.
In einem engeren Sinne befasst sich die Bilderserie "HOME" mit dem Thema "Heimat" in seiner ganzen Dimension. Hier kann erst einmal jeder für sich assoziieren, was er mit Heimat verbindet. Darüber hinaus, auf einer theologischen Deutungsebene, will der Künstler auf einen Ort, welcher über dem Sichtbare hinaus im Unsichtbaren zu finden ist, verweisen: Nämlich unsere transzendente Heimat, die durch Christus in Gott gefunden werden kann. Reto Scheiber sagt selbst dazu: "In der Hoffnung auf das ewige Leben glaube ich an eine himmlische Heimat, in der alle Menschen ihren Platz finden dürfen. Menschen die sterben, werden wir in dieser ewigen Heimat wieder sehen."
Zudem will der Künstler mit dieser Werkserie ganz dezidiert, aber auch abstrakt, an die vom "Himmel" auf die Erde sich senkende, verheißene "Neue Stadt", hinweisen: das neue Jerusalem. In der Offenbarung des Johannes 21: 9-27 wird es beschrieben als gläserner Kubus, der vom Himmel auf die Erde kommen wird und uns eine ewige Heimat bereit hält. ("Im Haus des Vaters sind viele Wohnungen"). So erzählt zum Beispiel das Weiß der Tafeln nicht nur von physikalischen Mischungen, sondern auch von der Realität Gottes und seinem unfassbaren Licht: Das ungetrübte Weiß, die Vergegenwärtigung des alles ins Leben rufenden Schöpfers, hält in der Durchdringung von Fläche und Zeichnung alle Bildteile zusammen.
Im Flur und im großen Raum sehen wir auch noch viele weitere, kleine abstrakte Malereien und ein großes sechseckiges Werk mit fünf schwebenden Kreisen, die uns einfach die Lust des Künstlers am schöpferischen Handeln zeigen möchten: Kunst um ihrer selbst willen. Zwei der kleinen Bilder, die im größten Raum hängen, nehmen noch einmal spielerisch das Thema des perspektivischen Würfels auf, die anderen zeigen einfach fröhliche Formen und Farbenspiele - freilich in die Formensprache eines minimalistischen Künstlers.
"Der Himmel singt mehrstimmig" - Zu Reto Scheibers Himmelsfahnen im Wintergarten:
Die "Himmelsfahnen" sind Ergebnis eines gewollt pseudo-wissenschaftlichen Experimentes, nämlich den Himmel mit seinen wechselnden Farben in Probeauszügen fest zu halten, hier sichtbar als unifarben eingefärbte Stoffbahnen: Auf jeder Stoffbahn wurde, möglichst ohne Spuren individuell-interpretierender Verarbeitung, die jeweilige Himmelsfarbe in der momentanen Beleuchtung an einem ganz bestimmten Tag möglichst präzise festgehalten. Reto Scheiber stellte diesem Prinzip folgend zunächst eine erste Serie mit Acryl bemalten Leinwänden her, die bereits komplett verkauft ist. Er mischte dabei mit Farbe und Pinsel seine Farbwahrnehmung eines kleinen Himmelspunktes nach. Er extrahierte so jeweils einen winzigen Aspekt des Himmels, um dem gigantischen Gebilde auf die Spur zu kommen. Damit präsentiert er uns damit einen Ausschnitt der unendlichen Farbenvielfalt des Himmels, dessen Farbauszüge nebeneinander im Wintergarten gestaffelt in himmlischer Leichtigkeit "schweben".
Als wissenschaftlich-objektives Experiment hat Reto Scheiber also bewusst sein Scheitern in seiner Methode einprogrammiert, was den Künstler nun definitiv von einem Wissenschaftler unterscheidet. Eine subjektive Interpretation des Himmels soll zwar möglichst ausgeschaltet sein. Aber: auch ein noch so grosses Foto wäre bezüglich Ausschnitt, Wahl der Lichtstimmung, Farbqualität, etc. zwangsläufig subjektiv vom Künstler gestaltet. Somit arbeitet Scheiber mit wissenschaftlich nutzlosen "Präparaten" und erhält dadurch die Freiheit zu einem höchst unwissenschaftlichen, hintergründigen Spiel. Wie ein zweiter Wettermacher komponiert er wunderbare kleine abstrakte Himmelsportraits aus seinen Farbpräparaten. Was er uns dadurch zu zeigen vermag, ist die Tatsache, dass es eben keinen objektiven Himmel gibt - auch wenn er aus noch so konkreten Einzelteilen zusammengebaut wäre. Die Farben des Himmels bestehen aus transparentem Licht, erzeugt durch sehr wechselhafte Lichtverhältnisse. Durch materielle Farben lassen sich diese Lichtfarben daher nie wirklich einfangen. Denn im Himmel erscheinen die Farben nie isoliert, sondern die benachbarten Farben beeinflussen sich permanent. Wir können sie also am Himmel nie in so reiner Form wahrnehmen, wie das Scheibers Himmelsfahnen suggerieren.
Reto Scheiber wollte die Dimensionen des Himmels intensiver erlebbar machen als das in einem begrenzten Galerieraum möglich ist. Daher hat er diese Fahnen-Installation ursprünglich für eine konkrete Gasse, die Schützengasse in Altdorf in der Schweiz hergestellt, wo sie auch schon "ihren Dienst taten": Der Wind, Sonne und Regen spielten bereits mit den textilen Stoffbahnen. So traf sich also unsere irdische Welt buchstäblich "in de Gass'" mit der des Himmels. Zusammen mit dem Ausstellungsort, dem Himmel im Fenster des Wintergartens, erzeugen die Himmelsfahnen sich ständig verändernde Lichtspiele und Farbakkorde, welche die unendlichen Varianten des Himmels erlebbar machen.
Reto Scheiber hätte auch wie die Maler früherer Epochen illusionistische Bilder des Himmels malen können. Für ihn ist der lapidare Impuls des Minimal Art-Künstlers Donald Judd erklärtermaßen wichtig: "Tatsächlicher Raum ist viel kraftvoller und spezifischer als Farbe auf einer ebenen Oberfläche.": Entsprechend benutzt Scheiber das Kraftpotential des realen Raumes.
Die hier zu sehenden Stoffbahnen, die wie echte Fahnen in Reihen über der Gasse hingen, sind eigentlich Nullfahnen, die bedeuten offensichtlich nichts. Sie tragen keine Zeichen und inhaltlichen Symbole, wie das bei Fahnen zu erwarten wäre. Auch veredelt sie kein Ornament, welches ihnen den Status eines Schmuckes verleihen würde. Aber gerade weil sie auf nichts verweisen, vermögen sie unseren Blick in die Höhe zu lenken und für die Farbenvielfalt des Himmels zu öffnen. Ihre Fast-Leere sucht diesen spezifischen Hintergrund als Dialogpartner. Scheiber hier will explizit auf den Himmel verweisen. Er hätte – wie in dem kleinen Bild im Treppenaufgang - auch alle Farben übereinander mischen können, was die Farbe Schwarz ergibt. Damit hätte er nur auf das scheinbar alles auflösende Nichts verwiesen: Ähnlich wie bei Malevics berühmtem schwarzen Quadrat – dem Scheiber einen guten Teil seiner minimalistischen Bildsprache verdankt. Hiermit kehrt sich der Künstler ganz klar von Malevics radikalen Nihilismus ab und verweist vielmehr auf eine transzendente Symbolik des Lichtes und der Farben - ähnlich wie in seinen hier ausgestellten Gemälden.