Technische Universität Kaiserslautern / Array
Sabine Steimer: "Zeitzeichen"
Malerei, Grafik
30.01.07 bis 27.02.07
Sabine Steimer
Sabine Steimer

Einführung von Angelika Wende

Hier in den Räumen der Zentralbibliothek der Technischen Universität, in diesem mit Büchern gefüllten Raum, gehen Sabine Steimers von der Zeit gezeichnete Buchportraits eine bizarre Allianz ein mit der Gegenwart all dieser Bücher, die viele Jahre später durch das Vergehen der Zeit diesen malerischen Portraits gleichen werden. Auch sie werden Spuren der Vergänglichkeit auf den Einbänden zeigen, ihre Buchrücken werden Narben auf der Haut tragen, sie werden zu Zeitzeichen.

"Alles hat seine Zeit", heißt es im Prediger Salomo. Chronos, die vergehende und immer zu einem Ende hin eilende Zeit, kennt keine Ewigkeit. Das Wesen der Zeit ist unerbittlich, sie kennt nur den unermüdlich voraneilenden Zeiger der Uhr, der den Sinn der Sekunde darin bestehen lässt, von der ihr folgenden Sekunde abgelöst zu werden. Synchron zur Vorwärtsbewegung dieses Zeigers, schließt sich das Fenster dessen was war - und das Noch - Nicht sein ist bloße Illusion. Wir erkennen, dass alles was gegenwärtig ins Licht tritt, schon in diesem Augenblick wieder zu Gehendem wird.

"Diese alten Bücher haben mich fasziniert, sagt Sabine Steimer, diese verschrabbelten Buchrücken. Für mich sind sie wie menschliche Gesichter. Sie haben ihre eigene Mimik, ihre Falten, ein eingeprägtes Leben." Mit ihren Buchportraits richtet sie den Focus auf das Vergangene, das Gegenwärtige und das Vergehende. Der Betrachter erfährt das Dasein der Bücher als geschichtlich. Sensibel legt Sabine Steimer deren Historie frei und zeigt uns ihre morbide Schönheit. Der Blick auf die Vergänglichkeit, der alles was existiert anheim fällt, lebt sich beim Betrachten ein und verliert sich für den Augenblick. In der Wahrnehmung des Augenblicks liegt aber auch die Erfahrung des Gelingens, die Augenblicksgewissheit von Vollendung. In diesem Moment scheint diese durch, wird das Vollendete uns in seiner Erhabenheit bewusst. Es ist ein Moment in der Zeit, den Sabine Steimer auf der Leinwand festhält. Und für diesen Moment gelingt es ihr mit den Mitteln der Bildenden Künstlerin ein Zeichen zu setzen, es gelingt ihr, das vom menschlichen Bewusstsein abhängende Fließen der Zeit, anzuhalten.

Sabine Steimers Malerei versucht sich nicht in der lebenstreuen Nachbildung. In der Darstellung kühler profan überspitzter Wirklichkeit stellt sie die Frage nach dem Wesen der Dinge in einen existentialistischen Kontext. Ihr Ideal ist die hyperrealistische Übersteigerung von Realität. Sie zeigt dem Betrachter zart, leise und unaufdringlich seine dingliche Welt, ausgewählt nach ästhetischen Gesichtspunkten. Durch die akribische malerische Umsetzung würdigt sie deren Existenz und Einzigartigkeit. Mehr noch, durch die Augen und die Hände der Künstlerin verwandeln sich die Dinge. Sie faszinieren uns ob ihrer puren Schönheit. Details kommen ans Licht, die in der Betrachtung mit dem bloßen Auge übersehen werden. Nie arbeitet Steimer nach fotografischen Vorlagen, es ist immer das Objekt das sie beobachtet, um es in einem langwierigen Prozess mit Pinsel und Farbe auf die Leinwand zu übersetzen. Was hierbei entsteht ist keine bloße Kopistenvirtuosität, kein Wirklichkeitsabklatsch, sondern vielmehr eine rätselhaft leere Lebendatmosphäre, die, obgleich bisweilen in die totale Reduktion getrieben, poetisch anmutet.

Diese junge Künstlerin sucht die Wahrheit in der Materie. Jene Wahrheit, die wie die Definition von Zeit und Raum, Hauptgegenstand des philosophischen Denkens aller Zeiten war und ist. "Das Wesen höherer Ordnung, die denkenden Menschen sind notwendig Materialisten. Sie suchen die Wahrheit in der Materie, denn anderswo können sie sie nicht suchen, da sie einzig und allein die Materie sehen, hören und fühlen. Sie können die Wahrheit nur dort suchen... außerhalb der Materie gibt es keine Erfahrung, kein Wissen und folglich auch keine Wahrheit, " schrieb Anton Tschechow 1889.

Welche Wahrheit liegt im Arrangement der Biedermeierstühle auf dunkelrotem Grund verborgen? Sind sie ein Bild für Nähe und Vertrautheit, oder für Beziehungslosigkeit innerhalb eines Familiensystems? Im Dialog mit dem Familienportrait findet der Betrachter die Antwort, die ihn mit seiner individuellen Erfahrung und seiner ureigensten Wahrheit konfrontiert. In kleinen Aquarellstudien begegnen uns Pinsel, das Handwerkszeug der Künstlerin, oder Essstäbchen. Es sind Dinge, die uns täglich umgeben: ein Besteck, das wir in die Hände nehmen, es benutzen, achtlos zur Seite legen, es in die Spülmaschine räumen, um es wieder in die Schublade zu legen. Ohne ihnen Achtsamkeit zu schenken, ohne ihnen Wert beizumessen. Es sind die scheinbar banalen Alltagsgegenstände, die Sabine Steimer in den Blick rückt, um so ihre Bedeutung zu hinterfragen. Das Dingliche, die Materie erhält eine andere Schärfe und damit eine andere Realität, als die, die wir ihr beizumessen gewohnt sind.

Alles ist, wie es ist - und ist doch neu und anders, als es erscheint. Der Gott der kleinen Dinge lebt in Sabine Steimers Atelier und sucht sich Ausdruck, um uns durch ihre Malerei daran zu erinnern, dass alles was uns an Materie, alles, was uns in Zeit und Raum entgegentritt, ein Bild von Welt ist, das in unserer persönlichen Realität entsteht.



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