Susanna Storch: "Afghanistan I", 2008, Acryl auf Leinwand, 100 x 100 cm (nach einem Motiv von U. Meissner, Fotojournalistin)
Die Galerie in der TU Kaiserslautern, eine Kooperation des Studium Integrale Zentrums und der Universitätsbibliothek, präsentiert in ihrer 80. Ausstellung malerische Werke der renommierten Mainzer Künstlerin Susanna Storch. Die freischaffende Malerin war mit zahlreichen Ausstellungen in Deutschland und Ungarn präsent, zudem war sie auf einschlägigen Kunstmessen in Köln, Frankfurt und Karlsruhe vertreten.
Bei Ihren meist großformatigen figurativen Arbeiten und Portraits legt sie die Priorität auf die Darstellung von Emotion und Ausdruck. Die Suche nach expressiven Charakteren, nach metaphorischen Bildern, bildet dabei die Grundlage Ihrer Arbeit. Das Antlitz, das im besonderen Maße das Individuum kennzeichnet, wird in diesen Momentaufnahmen zum Spiegelbild psychischer Befindlichkeit.
Kriegsbilder gegen den Krieg - Susanna Storch zeigt in jetzigen Ausstellung in der TU schwerpunktmäßig großformatige, meist schwarz-weiß gehaltene Werke zum Thema Krieg und Verfolgung. Die Intention der Künstlerin ist es, gegen die Flüchtigkeit der Bilder, die den Informationsmedien eigen ist, "anzumalen": Dabei stört sie Gewohnheiten, die zu beiläufigem Betrachten erschütternder Aufnahmen ohne echte Wahrnehmung führen. Der Schrecken des Krieges soll in dem Erschrecken, das die abgebildeten Menschen zeigen, eindringlich festgehalten werden und quälend präsent bleiben. Insgesamt eine in allen Belangen außergewöhnliche, sehenswerte und nachdenkliche Ausstellung.
Wenn man eine Einführungsrede in einer Galerie angetragen bekommt, stellt man sich die Frage, um was es dem Künstler/in geht, wie man selbst das sieht und wie man das vermitteln kann. Nachdem ich vom Künstlergespräch mit Susanna Storch zurückgekehrt war, hat sich mir u.a. die Frage gestellt, wie viele bewaffnete Konflikte und Kriege es allein in meiner Lebenszeit gegeben hat. Und da gab es: den Sechstagekrieg, Krieg in Rhodesien, Prager Frühling, Bürgerkrieg in Oman und Südjemen, Fußballkrieg, Chinesisch-Sowjetische Grenzkämpfe, Krieg zwischen El Salvador und Honduras, Bangladeschkrieg, Bürgerkrieg in Kambodscha, Yom-Kippur-Krieg, Zypernkonflikt, Grenzkrieg zwischen Mali und Obervolta, Bürgerkrieg in Angola, Südafrika, Kuba, im Libanon und Syrien, Ogadenkrieg, Somalisch-Äthiopischer Krieg, Krieg zwischen Uganda und Tansania, Afghanischer Bürgerkrieg, Chinesisch-Vietnamesischer Krieg, Erster Golfkrieg, Falklandkrieg, Libanonkrieg, Somalischer Bürgerkrieg, Zweiter Golfkrieg, Jugoslawienkriege, Kroatienkrieg, Erster Tschetschenienkrieg, Bürgerkrieg in Sri Lanka, Kosovo-Krieg, Zweiter Tschetschenienkrieg, Krieg in Afghanistan, Irakkrieg, Kaukasus-Konflikt. Und ob Sie es glauben oder nicht, ich habe tatsächlich einige ausgelassen.
Seit Ende der 60er Jahre bis heute hat sich die Kriegsberichterstattung natürlich vollkommen gewandelt. Über die Jahre ist die Kamera immer näher ans Kriegsgeschehen gerückt, immer ausführlicher kann man über die einzelnen Konflikte lesen, immer häufiger Reportagen über Entstehung und Fortgang einzelner Kriege sehen, bei denen die Kamera uns jedes grausige Detail ins Wohnzimmer überträgt. Um informiert zu sein und zu bleiben, sind die Nachrichten täglich Pflicht. Und eigentlich braucht man noch nicht einmal 24 Stunden am Tag CNN zu verfolgen, um gleichgültig zu werden. Wie viele Bilder von eingestürzten Gebäuden und darunter verschütteten Leichen müssen wir von Haiti sehen, bis wir uns eingestehen müssen, das uns nun jedes Foto - und sei es auch aus Chile - wie das vorherige vorkommt und das man sie alle vermeint schon einmal gesehen zu haben. Zwar informieren uns die Medien, aber gleichzeitig schütten sie uns mit einer Schwemme von Bildern zu.
Für ihre Gemälde der "Human Disaster Series" durchforstet Susanna Storch eben diese Flut von Fotos in der Presse und dem Internet und selektiert für den Betrachter solche Bilder, die sie besonders betroffen gemacht haben. Sie sagt dazu selbst: "Wenn ich ein Kriegsbild male, versuche ich diese Flüchtigkeit anzuhalten, die den Informationsmedien eigen ist, Gewohnheiten zu zerstören, die zu beiläufigen Betrachtungen der Schreckensbilder ohne echte Wahrnehmung führen."
Die ausgewählten Bilder werden Vorlagen für ihre großformatigen und monochromen Acrylgemälde. Dabei übernimmt sie nicht das ganze Foto, sondern fokussiert auf eine oder wenige Personen und blendet den Rest aus. Auf dem zweiten Bild der ersten Wand stellt die Künstlerin so eindrucksvoll die leidvolle Erfahrung eines Kindes in den Mittelpunkt. Die gesamte Umgebung tritt zurück, wird ausgeblendet und durch eine Bearbeitung mit dem Spachtel ersetzt. Nur die Überschneidung an der rechten Seite der dunkel gekleideten, schlanken Figur, lässt uns an einen Mauervorsprung denken. Eng presst sich das Kind in die Ecke, mit beiden Händen hält es sich die Ohren zu und schreit und schreit seine Hoffnungslosigkeit hinaus. Uns, hier in Europa, erinnert das im Aufschrei verzogene Gesicht und die verkrümmte Haltung an den "Schrei" von Munch. Dort wie hier äußert sich die Verzweifelung in einem weit aufgerissenen Mund und fest geschlossenen Augen. Anders ist aber, dass Susanna Storch das Individuum aus dem Bildgeschehen herauslöst und den Umraum der Figur unbestimmt hält. Damit erreicht sie eine Allgemeingültigkeit der Bildaussage. Es ist nicht entscheidend, wo dieses Kind die furchtbaren Kriegserfahrungen erleiden musste, sondern entscheidend ist, dass jeder Krieg Kindern genau diese furchtbaren Dinge antut.
Großes Erschrecken löst ein Bild wie das nächste, über das ich spreche möchte, aus. Ein kleiner Junge, vielleicht 10 Jahre alt, drückt ein Gewehr an seine Brust. Er hält es mit beiden Händen, als würde es ihm alles in der Welt bedeuten. Sein Blick ist leer, sein Gesicht spiegelt keine Gefühlsregung. Was ist passiert, dass ein kleiner Junge nicht einen Teddybären sondern ein Gewehr an sich presst? Das Bild reißt das Thema "Kindersoldaten" an. Spricht von ihrem unendlichen Leid, dem Missbrauch, der an ihnen begangen wird, aber auch, dass man sie zu Soldaten gemacht hat. Wie viel Gefahr geht von einem solchen bewaffneten Kind für einen Blauhelmsoldaten aus? Einem Menschen, der Kinder in seiner Heimat immer so gesehen hat, wie es Herbert Grönemeyer besingt "Gebt den Kindern das Kommando. Sie berechnen nicht, was sie tun. Die Welt gehört in Kinderhände..."
Auf dem dritten Gemälde sieht man ein junges Mädchen, das mit ihrem Rucksack die Schule verlässt. Auf den Stufen, die das Mädchen hinabspringt, muss es kurz zuvor zu Blutvergießen gekommen sein. Eine riesige Blutlache zeugt davon. Für das Mädchen scheint das Normalität zu sein, denn sie wendet sich nicht hin, sie geht ungerührt ihren Weg weiter, streckt den Fuß höchstens ein bisschen mehr, um nicht in das Blut zu treten. Auch sie ist Opfer des Krieges, der Verlust der Kindheit ist unumkehrbar. Noch einmal Susanna Storch selbst dazu: "In meinem politischen Verständnis ist Krieg eine Zeit, ein Ort, eine Situation in der Menschen gezwungen sind, die Abgründe des Menschlichen zu sehen, in diesen Abgründen zu überleben." Dass das dargestellte Mädchen, die Blutlache und alles, was diese verursacht haben muss, ignoriert, ist ein Zeichen ihres Lebens- oder Überlebenswillens, ja einer Überlebenswut. Sie will weitermachen, sie hat genügend Mut dazu, zur Schule zu gehen, allem zum Trotz, und behält mit aller Kraft eine andere, ihre eigene Zukunft im Blick.
Die Mainzerin Susanna Storch studierte Grafik-Design und Kunsterziehung mit einem Schwerpunkt auf der Figur in Malerei und Plastik. Sie arbeitete zwölf Jahre als Keramikdesignerin, bis sie sich schließlich wieder ganz der Malerei zuwandte. Seit 1998 ist sie freischaffend. Mit dem Krieg befasst sich Susanna Storch seit 2003. Parallel dazu entstanden und entstehen Portraits. Im weitesten Sinne kann man die Gemälde der "Human Disaster Series" als moderne Historienmalerei bezeichnen, im engeren Sinne als Ereignisbilder. Fungiert gegenständliche Malerei sonst als Erzählung, so wird in den Bildern von Susanna Storch die Erzählung angehalten, der Moment eingefroren und das Drama der zu erzählenden Geschichte in Gesicht und Haltung eines Menschen wiedergegeben. Mit ihrer Vorgehensweise schafft sie Portraits von Menschen, die der Krieg gezeichnet hat.
An einige der eingangs aufgezählten Konflikte habe ich starke, an die meisten verblassende, an andere gar keine Erinnerung. Obwohl ich mich für einen aufgeklärten Menschen halte, haben die Kriege, die sich während meiner Lebenszeit ereignet haben, kaum Einfluss auf meinen Leben oder gar meinen Alltag genommen. Sie haben keine Rolle darin gespielt. Aber hier und heute in diesen Galerieräumen kann man sich den Emotionen nicht entziehen: denen, die man in den Gesichtern und Gesten der Dargestellten sieht und denen, die man selbst bei der Betrachtung der Bilder empfindet. Man muss sich berühren lassen, von dem Leid, das die Künstlerin uns vor Augen stellt, gerade wenn man, wie ich, das Glück hatte, weit entfernt von bewaffneten Konflikten aufwachsen zu dürfen.