Lukas Schmenger
 
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Gesichter
von Adnan Yildiz

Milan Kundera sagt: "Die Herstellungsnummer des menschlichen Exemplars ist das Gesicht, eine zufällige, unwiederholbare Zusammenstellung von Gesichtszügen. Darin spiegelt sich weder der Charakter, noch die Seele, noch das, was wir das Ich nennen. Das Gesicht ist nur die Nummer des Exemplars."
Dem kann ich nur bedingt zustimmen, vor allem, wenn ich an die Serien von Selbstportraits des in Düsseldorf lebenden Künstlers Lukas Schmenger denke. Als gebliebene Spuren seiner performativen Erforschungen der eigenen Selbstwahrnehmung machen die Pinselspuren auf seinen Gemälden nachvollziehbar, wie er sein Antlitz sieht, definiert und schließlich mit Hilfe zweier Spiegel malt. Sonst nichts. Weder Hintergrund noch narrative Verweise oder kontextuelle Referenzen. Wir können nicht erkennen, wo er sich befindet, wie er sich fühlt oder was er in dem Moment denkt, wenn er für sich selbst Modell steht.

Die Gemälde als abstrahierte Oberflächen seines Blicks auf sein Spiegelbild fungieren als Zeugnisse seiner Existenz, seines Lebens und seiner Gegenwart. Sie setzen sich als "Figuren vor Grund" aus Abstraktionen physiognomischer Linien von Wangen, Augen, Brauen und Lippen zusammen und formen in der Mitte der Bildfläche Variationen seines Gesichts. Durch die Farbschichtung und Überlagerung vieler, in verschiedene Richtungen geführter Pinselstriche entstehen weiche Übergänge und die Vorstellung von menschlicher Haut. Die aus Holz, Metall oder Papier bestehenden Bildträger erfahren eine Transformierung ihrer Materialität hin zu konzeptionellen Licht-, Farb- und Bewegungskörpern. Als seien sie Coverillustrationen für die neuesten Ausgaben eines Sartre- oder Camus-Romans, verweisen diese zeitgenössischen Portraits auf einen symbolischen Existenzialismus. In meinen Augen erschaffen sie eine Linie zwischen Leben und Tod, analog zu den Beschreibungen des Miniaturenmalers in Orhan Pamuks Meisterwerk "Rot ist mein Name": "Eine unendliche Zeit war vergangen bis zu meiner Geburt. Und jetzt nach meinem Tod kommt wieder eine unendlich währende Zeit! Nie habe ich darüber nachgedacht, als ich noch am Leben war; ich ging meiner Wege und weilte im Licht zwischen den beiden Zeiten der Dunkelheit."


Lukas Schmenger wendet gleichartige methodische Vorgehensweisen des Malens auch auf andere Motive an: Wie bei seinen Gesichtern malt er abstrahierte Pflanzenformen und platziert diese ins Zentrum der Komposition, ohne Hintergrund oder referentielle Verortung.
Die individuellen Körper der Pflanzen oder Gesichter komponieren Formreihungen, die von der rein physischen Erscheinung hin zu konzeptionellen Schichtungen abstrahiert werden. Die Art hinterfragend, mit der wir uns und unserer Umgebung Leben zuschreiben, lassen Schmengers Arbeiten eine skeptische Schwelle zwischen Sein und Nicht-Sein entstehen.