Peter O. Hammann
 
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Peter O. Hammann sieht sich der gegenständlichen Malerei verpflichtet. Allerdings verweist er gerne auf eine Aussage Gerhard Richters, der sinngemäß sagte: "Jedes Bild hat etwas Gegenständliches und etwas Abstraktes in sich, es kommt nur auf die Betrachtung an...!"

Hammann nennt seine Bilder "Arbeiten" - sogar von "Landschaftsbau" wird im Katalog des Morat-Institutes gesprochen. "…Er erschafft also Landschaft mit dem Rohmaterial Natur" (*ff). Dadurch haben wir keine Bilder, die flach, schön und gut lesbar daher kommen. Es sind eher "in den Raum wachsende" Arbeiten - Bauwerke, die Schicht für Schicht entstehen.

Die neueren Arbeiten Hammanns sind ein "dekonstruktives Konstrukt, eine eigenständige Bildwelt, die auf völlig unterschiedliche Weise und mit verschiedenen künstlerischen Techniken erfahren und dargestellt werden". Er vermeidet dabei Überhöhungen oder metaphysischen Interpretationen; es geht ihm nicht darum romantische Momente aufzufangen.
Die Arbeiten haben jetzt weniger einen landschaftlichen Charakter - bleiben aber schrundig, rissig und schwer lesbar. Sie erinnern an Haut, an Lebensspuren. Schon seine erste Ausstellung nannte Peter O. Hammann "Spurensuche" (Freiburg: Galerie a'lyce). Nun sind die Spuren Inhalt geworden - ein Inhalt, der nicht schön und glatt daherkommt, eher ein Inhalt den man als das "ganz normale Leben" wiedererkennen wird. In den Arbeiten Hammanns wird das sichtbar gemacht, was weniger glänzend und wichtig erscheint; er gibt all den Überlagerungen, Papieren, gebrochenen Farben einen neuen Stellenwert durch eine Anordnung, die er dann als "ein gutes Ende" benennt.

Neben den "aufgebauten Arbeiten" zeigt er allerdings auch in dünner Öllasur dieselbe Suche im Hintergrund. Auch in dieser Transparenz stellt er die "Würde des Unbekannten" wieder her, fragil aber wahrnehmbar vorhanden.
So kommen seine Arbeiten bekannt vor, ohne etwas deutlich fassen zu können. Sie vermitteln uns Betrachtern etwas, was wir alle kennen, doch wieder ins Vergessen fallen gelassen haben. Etwas, was aber tiefer liegt als das Schnelle, Flache und Laute, was uns heute umgibt. Peter O. Hammann hebt es hervor.

* Katalog anlässlich der Ausstellung im Jahre 2008 im Morat-Institut für Kunst.-
und Kunstwissenschaft.


Landschaft versus Natur

Wenn Bekannte und Freunde den Freiburger Künstler und leidenschaftlichen Bergsteiger Peter O. Hammann nach einer Klettertour danach fragen, wie ihm denn die Landschaft gefallen habe, antwortet er: "Davon kann ich dir wenig erzählen. Ich kann dir aber beschreiben, wie ich den Fels wahrgenommen habe. Wie sich seine Oberfläche angefühlt hat und was ich dabei wahrgenommen habe."

Landschaft und Natur sind für den künstlerischen Autodidakten nämlich etwas völlig unterschiedliches. Landschaft, so meint er, entsteht durch Eingriffe in die Natur, ist also etwas vom Menschen gestaltetes, weil innerhalb der Naturgesetze der Mensch nicht die beste Möglichkeit sieht, seine Entwicklung entsprechend seiner Bedürfnisse zu strukturieren. Er schafft also Land aus dem Rohmaterial Natur. Natur hingegen entsteht von selbst, ist also etwas gewordenes, erlebt und verändert sich ausschließlich aus sich selbst heraus. In der Landschaft spürt man den Menschen, im Umgang mit der Natur - sein Bewusstsein - zitiert er die japanisch-schweizerische Malerin und Bildhauerin Leiko Ikemura und ergänzt sie um die Aussage: "In der Natur (spürt man) die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten und ihre Ausuferungen."

Da sich aber Natur nicht direkt auf die Leinwand übertragen lässt - außer man verwendet ihre Materialien - siedelt Peter O. Hammann seine Bilder in einem Zwischenzustand an, um eine Balance zwischen diesen beiden Manifestationen äußerer Realität auszuloten. Landschaft und Natur sind ein oft beschriebenes Geschwisterpaar in der Malerei, deren Berührungspunkte genauso häufig in Anspruch genommen werden wie ihre Grenzziehungen. "Die Malerei entsteht nicht aus der Landschaft, die Landschaft entsteht aus der Malerei" formulierte es der Direktor des Mannheimer Kunstvereins 2000 in einem Katalog mit dem Titel "Feld" über den Maler Thomas Kohl. "Das Vertrauen auf die Utopie eines ganzheitlichen Konzeptes ist längst einem Konzept steter Veränderung und experimenteller Beschreibungsstrategien gewichen, die zu einer zwar fragmentierten, aber offenbar dennoch zeitgemäßer-exakteren Zustandsbeschreibung taugen". Anders ausgedrückt: Das metaphysische oder romantisierende Element ist genauso brüchig geworden wie der Versuch einer realistischen Darstellung. Die Landschaftsmalerei steht am Anfang der Abstraktion der Moderne. Heute zeigt sich Landschaft als medial vermitteltes Bild ohne Anspruch auf Authentizität oder Ganzheit. Ein dekonstruktives Konstrukt, eine eigenständige Bildwelt, die auf völlig unterschiedliche Weise und mit verschiedenen künstlerischen Techniken erfahren und dargestellt werden kann.
Landschaft und Natur sind nicht mehr miteinander identisch. Begriffe wie urbane Landschaft weisen auf ihren architektonischen Charakter hin, geologische Formationen wie in den großen Radierungen von Per Kirkeby verwandeln Natur in Landschaft. Eine Rückbindung, die sich auch in den Arbeiten von Peter O. Hammann widerspiegelt. In zwei mit "Landschaft" betitelten großformatigen Ölbildern kombiniert er formale und materiale Aspekte miteinander und zwar auf völlig verschiedene Weise, wiewohl es ihm in beiden Arbeiten vor allem um die Oberfläche und ihre Strukturen geht. Wird die größere der beiden Arbeiten von kompositionellen Aspekten dominiert, reduziert er die formalen Elemente in der anderen auf mehr oder weniger abstrakte Flächen und Formen.

Für ihn kein Widerspruch, denn in beiden Bildern geht es ihm um dasselbe: Physische Wirklichkeiten erfahrbar zu machen. In einer früheren Phase verwendete er vor allem pastose Techniken, schichtete er in Form eines Landschaftsbaus Farbpigmente aufeinander, um sowohl der dreidimensionalen Struktur des Dargestellten gerecht zu werden als auch den Versuch zu unternehmen, die sogenannte Originärerfahrung auf das Bild mit hinüberzuretten, wohl wissend, dass die Natur nicht eingefangen werden kann. "Ich fange an, ein Bild von ihr (der Natur) zu formen. Damit habe ich ein neues Terrain betreten, das Feld nicht der lebendigen Dinge, sondern der 'lebenden' Formen. Nicht mehr in der unmittelbaren Wirklichkeit der Dinge stehend, bewege ich mich nun im Rhythmus der räumlichen Formen, in der Harmonie und im Kontrast der Farben, im Gleichgewicht von Licht und Schatten. Der Eintritt in die Dynamik der Form begründet das ästhetische Erlebnis." zitiert Jörg Probst in seinem Katalog "Die blaue Stunde" zur gleichnamigen Ausstellung der Galerie Epikur (Wuppertal 2002) den Philosophen Ernst Cassirer.

Was also bleibt dem Künstler, wenn er sich bildnerisch der Natur nähert. Die Auseinandersetzung damit, die Verbindung mit ihr sagt Peter O. Hammann und beschreibt diesen Prozess mit Begriffen wie Interaktion, Rhythmus, Zwiesprache, Ehrfurcht, Respekt, Würde. "Was sie uns lehrt", ergänzt er, "ist die Unwichtigkeit des Menschen". Nicht die Angst vor ihr oder die Rivalität sollte unser Verhältnis zu ihr prägen, sondern die Akzeptanz ihrer Autarkie und das Gefühl des Aufgehobenseins in der Ewigkeit.

Entsprechend sparsam geht Peter O. Hammann sowohl mit Formen als auch mit kompositionellen Techniken um, Überhöhungen oder metaphysische Interpretationen sind ihm fremd. Statt dessen beschränkt er sich auf das Wesentliche: Fläche, Formen, Rhythmus. "Unterwegs" heißt eine Reihe von kleinformatigen Arbeiten im Format 18 x 24 cm. Ausformulierte bildnerische Tagebucheinträge, auf Spaziergängen oder Klettertouren gesammelt, Annäherungen an nebenbei Beobachtetes oder Erfahrenes. Ein bisschen im Stil der Westwärtsgedichte von Rolf Dieter Brinkmann.

In der letzten Zeit häufen sich die großen Formate augenfällig. Einhergehend mit einem immer leichter gewordenen Auftrag der Farbe entstehen Bilder, die der kompositionellen Ordnung bedürfen. Die Bewegungen werden ausladender oder syntaktischer, neue Formen kommen hinzu, das Licht tritt stärker in den Vordergrund. So zeigt eine Arbeit von 2008 in der Mitte gebündelte Stelenformen, umrahmt von einem blendenden mit sparsamen schwarzen Markierungen versehene grauweißen Fläche, die am unteren Bildrand schwarz begrenzt ist. Auch wenn dem Betrachter das Bild auf den ersten Blick wie eine Erscheinung entgegenkommt, relativiert sich diese Empfindung zugunsten eines Bildes, das es nur in der Beobachtung oder Empathie des Künstlers gegeben hat. Natürlich kennt die Natur solche oder ähnliche Formbildungen, doch das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist vielmehr, dass das Bild der Vorlage nicht mehr bedarf, sondern eigenständig geworden ist. Weit davon entfernt, die Natur, aus deren Gegensicht es entstanden ist, nah genug, sie oder Merkmale von ihr aufscheinen zu lassen.

Von seinen früheren Arbeiten hatte Peter O. Hammann das prozessuale an seinen Arbeiten betont, ihre Vorläufigkeit, die in der nächsten Arbeit weitergeführt wurde wie ein unendlicher Diskurs. Bei seinen neueren und neuen Arbeiten versucht er, die Veränderungen in Natur und Landschaft neu zu fassen. Sie im Austausch von freier Bewegung und notwendiger Ordnung aus der Nachempfindung der Malbewegung auszutarieren, was zu einer anderen Gewichtung der Auseinandersetzung zwischen Landschaft und Natur wie auch der Gesamtkomposition führt. Das Feld zu einer neuen Schaffensphase ist bestellt, der Weg angelegt.

Paul Klock, Freier Journalist
(Text aus dem Katalog der Ausstellung 2008 im Morat-Institut, Freiburg i.Br.)