Anne Janoschka
 

Wer sich Anne Janoschkas Arbeiten öffnet, lässt sich auf etwas Unerwartetes ein, denn sie fordern dazu auf, den Blickwinkel zu weiten, um Nahes und Entferntes, Gewesenes und Künftiges, Innen und Außen zu gleicher Zeit in sich aufzunehmen. Ein Erlebnis für den Betrachter, das in mancher Hinsicht verblüfft. Zunächst wegen der eindrucksvollen Wirkungen, die hier mit einem Zusammenspiel einfacher Mittel und ästhetischer Raffinesse erzielt werden. Zum anderen, weil diese spannende Seite im Werk der Künstlerin zur permanenten Mitarbeit an der Entschlüsselung ihrer Exponate auffordert.

Banale Alltagsgegenstände, nicht mehr gebraucht oder gewollt, werden für sie zum interessanten Stoff. Gesucht wird auf Flohmärkten, in Second Hand Shops und Kleinanzeigen aus Tageszeitungen. Verwandelt wird in dreidimensionale Objekte und in grafisch reizvolle, geheimnisvolle Sujets, die mehr verhüllen als sie preisgeben.
Zum einen sind es Stofftiere: Ehemalige Liebesobjekte der Kindheit, geliebt, gedrückt, verfleckt, zerfetzt, liegengelassen und vergessen, werden von der Künstlerin durch handgreifliche Veränderungen, hauptsächlich durch Zerlegen und Wieder-Vernähen zu neuen Geschöpfen. Objekte sind entstanden, die aus verschiedenen Einzelteilen zusammengesetzt und durch weitere Fundsachen erweitert werden. Bei einigen ihrer Arbeiten werden auch neue Teile selbst hergestellt und mit Vorgefundenem kombiniert. Die dabei neu entstandenen Textilobjekte haben auf jeden Fall eine humorvolle Sprechweise und drücken sich in den vielfältigsten Formen aus. Sie erinnern an Trophäen, Fabelwesen oder gar an die faszinierende Welt der Tiefsee. Kühn sind sie und schön.

Anne Janoschka lockert hier die Verbindung zur Realität, löst sie aber nicht vollständig auf. In einigen ihrer Stofffiguren kann der Betrachter noch den ursprünglichen Spielgefährten erkennen, doch seine Aufmerksamkeit wird nicht von der Figur selbst, sondern von der Darstellungsweise gefesselt. Zum anderen sind es Materialien aus Plastik, die sie zerschneidet und zerlegt und auf ihre eigenwillige Weise neu verbindet. Anne Janoschka hat sich zunutze gemacht, dass das Material durchscheinend ist.

Ästhetische Farbkompositionen sind entstanden, schwerelos, flüchtig. Mit Silikon hat sie verbunden, mit Silikon auch eigenständige Gebilde geschaffen. Weich und fließend wirken ihre Formen. Das Licht dringt nicht nur ins Objekt ein, sondern durchbricht auch die Grenze zwischen Innen und Außen. Verbergen und Enthüllen ist ein wiederkehrendes Geschehen in der Arbeitsweise der Künstlerin. Besonders deutlich zeigt sich dies in ihren Crossover-Arbeiten: Fotografierte Objekte aus Kleinanzeigen werden zuerst digital und dann malerisch bearbeitet.

Bei solchen Arbeiten treffen zwei völlig unterschiedliche Bildformen bzw. Medien aufeinander. Diese werden als gleichwertige eingesetzt, doch sind Fotomaterial und aufgetragene Farben gegenläufige Modalitäten der Bildproduktion und bleiben in dieser Gegensätzlichkeit deutlich sichtbar, was den Arbeiten eine produktive Mehrdeutigkeit verleiht. Hinzu kommt das Phänomen, dass das vermeintlich realistische Foto doch „nur“ eine nicht greifbare Illusion bewirkt, während die aufgetragene Farbe eine betont materielle, greifbare Realität besitzt. Dadurch ergibt sich eine erstaunliche Ambivalenz von Realismus und Abstraktion, von Schein und Wirklichkeit.
Die Spannung hält sich bis zum Schluss. Das liegt natürlich auch an den fotografischen Motiven, die zwischen oder unter den applizierten Farben aufscheinen. Unwillkürlich versucht man, dem Privaten auf die Spur zu kommen und bekannte Gegenstände auszumachen. Den Reiz des Suchens und Findens steigern die raffinierten Wechselspiele zwischen dem fotografischen Substrat und der Übermalung mit Ölkreide. Oft sind es zuerst farbliche und formale Parallelen, die beide Realitäten - die fotografische und die malerische - miteinander verbinden. Immer wieder ergeben sich dazu inhaltliche Assoziationen.
Doch abgesehen von solchen medientheoretischen Überlegungen handelt es sich bei den Minibildern im Handyformat um verführerische kleine Bilder, die gerade aufgrund ihrer geringen Größe und delikaten Farbigkeit etwas außergewöhnlich Kostbares ausstrahlen und denen man das entspannte Vergnügen ansieht, mit denen sie entstanden sind.

Dagmar Heyden-Welsch, Katalog "Anne Janoschka - Objekte und Fotoübermalungen", 2010