Ursula Haupenthal
 

Zeichnung

Auszug einer Besprechung von Dr. Ingrid H. Helmke (2005)

Die Klang-Zeichnungen verdichten das Gehörte, den Energiestrom der bespielten Skulpturen und spiegeln ihn in die optische Ebene. Sie entstehen aus dem inneren Nach-Hören. Dabei kann ein einziger Pinselstrich als grafische Aufzeichnung des Tones zugleich die Gestalt des metallenen Klangkörpers reflektieren, wie auch seine Wellenbewegung.


Skulpturen

Einführungsrede von Gerhard Auer (Braunschweig, 1996)

Die tönenden Skulpturen von Ursula Haupenthal sind weder Abkömmlinge der Instrumenten-Geschichte - dazu sind sie zu elementar - noch Verwandte der Zufallsgeneration - dazu sind sie zu kalkuliert. Obgleich exakt bemessen und konstruiert, treten sie auf als scheinbar primitive Geräuschquellen, deren suggestive Energie sich erst im kenntnisreichen Gebrauch entwickelt und gerade aus dem Nebeneinander formaler Simplizität und tonaler Unerschöpflichkeit.
Ursula Haupenthals Projekt ist nicht eine Rückreise zu den Horizonten vorelektronischer Instrumental-Musik, vielmehr eine Grabung nach präinstrumentalen Klängen. Es geht hier nicht um eine Mythologie, sondern um die Genesis der Geräusche: Nicht Hörgenuss wäre der Erfolg solcher Suchbewegung, sondern ein Direktkontakt, das Wieder-Hören von Stimmen, mit denen die Dinge zu uns sprachen, bevor technischer Lärm sie übertönte.

Die Spielerin befragt die Materie, statt sie zu befehligen - der Hörer soll unverfälschte Klänge erhalten aus einem unschuldigen Lautsprecher, sein Ohr den Herzschlag des Metalls selbst vernehmen. Die innere Vitalität der Stoffe entzieht sich zwar dem Blick, doch unseren anderen Sinnen teilt sie sich mit - dem Gehör und seinem nächsten Nachbarn, dem Tastgefühl.

Die Sensoren von Ursula Haupenthal scheinen davon zu wissen, dass heute, in einer Welt der Torsionen, nach dem Ursprung der Klänge gesucht werden muss. Nur noch theoretisch - in ihrem Zuschnitt - bewahren die Skulpturen-Instrumente ihre Orthogonalität - vor Ort jedoch, gebeugt von Eigengewicht, flatternd in Luft-Strömen, vibrierend unter dem Impuls der Spielerin, verfallen sie in die dynamische Geometrie des Lebendigen.

Die Oszillatoren von Ursula Haupenthal stehen im Dienste eines Abhörprogramms, einer neuen Art Brut des Hörens.


Besprechung von Nina Polaschegg, Neue Zeitschrift für Musik (März/April 2005)

"Ganz leise auf das Hören Licht fallen lassen"

Dem Streichen eines Beckens ähnlich, versetzt ein Kontrabassbogen Metall in Schwingung. Erst einen Spalt weit, dann immer weiter öffnet es sich es, bis das Buch offen daliegt und seinen ganzen reichen Inhalt preisgibt. […]

Diese Skulptur macht ihrem Namen "Klang-Buch" alle Ehre. […] Sie sucht nach allen Feinheiten und Ausdifferenzierungen der Obertonspektren, der Schwingungs- und Klangeigenschaften des jeweiligen Metalls. Ursula Haupenthal konzentriert sich auf Feinheiten, auf minimalste Materialunterschiede und deren klangliche Auswirkungen.

Die akustische Varianz der gestrichenen Metalle ist groß, je nach Skulptur, Strichstelle, Bogenkantung. Je nach Intensität entwickeln sich verschiedene Spektren, die sich zu z.T. quasi mehrstimmigen Klangwolken aufbauen. Metall als hart, kalt und starr zu bezeichnen, diese Assoziationen zerfließen beim Hören schnell. […]

Ihr Spiel basiert nicht auf Improvisation, sondern auf genau durchdachten Strukturen, die der jeweiligen Spielsituation angepasst werden. Dabei nehmen die Architektur und die Akustik des Raumes eine zentrale Rolle ein. In so genannten Sonogrammen gibt die Künstlerin ihr Spiel visuell wieder. Mit zumeist schwarzer Farbe bzw. einem Farb-Tintengemisch zeichnet und malt sie diese grafischen Partituren aus dem Moment heraus. Dabei hat sie spezielle Techniken entwickelt, mit denen sie die Klangqualität jenseits der reinen Tonhöhe zu fixieren sucht. Die Amplitude des erzeugten Klanges bildet dabei wiederholt die Basis der Grafiken. […]

Ursula Haupenthal hat bislang zwei Solo-CDs veröffentlicht. Eine DVD zum Thema "Meer und Metall" ist in Vorbereitung. Zu den scheinbar verfremdeten Fotos vom Meer und Metallflächen, die anstelle des Himmels treten und nur in Form von Reflexionen sichtbar werden, bespielt sie ihre Skulpturen. […]

Ein Klang- Buch wird geöffnet. Es entwickelt Klanggeschichten, stellt Fragen, horcht, stutzt, antwortet. […]


Fotografie

Auszug einer Besprechung von Dr. Ingrid H. Helmke (2005)

[…] Die bespielbaren Skulpturen sind streng wie ein Kernsatz der Zen-Philosophie - fast archaisch einfach: ein Metallblatt, gehalten in einem Quader aus Stein. […] Die dünnsten Lammellen können im Lufthauch vibrieren und ihre Schwebung Klang erzeugen - Skulptur als Objekt und Skulptur als Quelle von Klang. […]

Metall, Kommunikation und Raum erreichen in den Fotografien eine beunruhigende Ebene des Irrealen, die die Wirklichkeit dessen, was fotografiert wird, transzendiert. […] Die Fotografien zeigen eine künstlerische Wirklichkeit, wie sie sich der Philosophie der Fotografin darstellt. Die Verbindung Meer und Metall ergibt erst Sinn, wenn sie als Zeichen und auf übertragener Ebene gesehen wird. […] Da Meer und Himmel in Wahrheit nie zusammen kommen, bedarf es im ganzheitlichen Seinsverständnis einer neuen Berührung. Deswegen muss das Meer dem Metall und dem Klang nahe sein.

[...] Die AV-Produktion verbindet Fotografien zu ineinander fließender Bewegung und raumgreifendem Geschehen - synchron mit den Bögen, Sprüngen und Brüchen der Klangspur aus den bespielten Skulpturen.

Das Kameraobjektiv macht kreiselnde Kugel- und Netzstrukturen im Meer deutlich und langsam entstehende Verfärbungen. […] Aggressiv und unheimlich kommen sie von diesem "Himmel" auf den Betrachter zu […] Es erscheint wie eine Partitur aus Licht und ist ein Spielen mit Täuschungen - wie das Maya der brahmanischen Theosophien. […]