Madeleine Dietz
 

Laudatio von Manfred Fath anlässlich der Verleihung des Ernst-Barlach-Preises an Madeleine Dietz am 25.10.03

Mit der Verleihung des Ernst-Barlach-Preises an Madeleine Dietz ehrt die Ernst-Barlach-Gesellschaft eine Künstlerin, die zu den wichtigsten deutschen Bildhauern der Gegenwart zu zählen ist. Mit großer Konsequenz hat sie in den letzten mehr als 20 Jahren ein beeindruckendes Werk geschaffen, das dem bildnerischen und literarischen Wirken des Namensgebers dieses Preises würdig ist. Ihr Schaffen - und das ist sicherlich die wichtigste Parallele - ist von einem ähnlich tief empfundenen Humanismus, einer in einem ganz allgemeinen Sinne verstandenen religiösen Grundhaltung und der Auseinandersetzung mit Grundfragen menschlicher Existenz geprägt, wie das künstlerische Werk von Ernst Barlach.

In einem Brief vom 28.12.1911, in dem Ernst Barlach über die ersten Versuche abstrakter Kunst reflektierte, stellte er die Frage, inwieweit solche Formen - abstrakte - einen verbindlichen Bezug zum anderen Menschen herstellen und ihm Mitteilungen aus überpersönlichen Bezirken machen könnten. Denn, sagt er: "[...] meine eigene Sensation ist ja belanglos, ist bloße Laune, wenn ich dabei aus dem Ring des Menschlichen heraustrete". Und weiter heißt es: "Meine künstlerische Muttersprache ist nun einmal die menschliche Figur, oder das Milieu, der Gegenstand, durch das und in dem der Mensch lebt, leidet, sich freut, fühlt und denkt".

Wolf Stubbe kommentierte diese Aussage in einem Text über Ernst Barlach so: "Etwas auszusagen, das über individuelle Schicksale hinausgreift, es aber sichtbar machen, ohne Bemühung von Allegorie und Herbeiziehung von Attributen, das erscheint Ernst Barlach aus innerer Notwendigkeit die ihm allein gemäße künstlerische Aufgabe". Ähnlich wie Ernst Barlach, setzt sich auch Madeleine Dietz mit Grundfragen menschlicher Existenz auseinander. Zentrales Thema ihrer künstlerischen Arbeit ist die Auseinandersetzung mit dem Werden und Vergehen menschlichen Lebens, das sehr stark durch eigene existentielle Erfahrungen geprägt ist.

Bevor ich auf die Arbeiten von Madeleine Dietz und ihr künstlerisches Anliegen eingehe, möchte ich Ihnen einige Angaben zu ihrer Biografie machen. Sie wurde 1953 in Mannheim geboren, wo sie an der dortigen Werkkunstschule Buchgrafik und Buchillustration studiert hat. Seit dem Abschluss ihres Studiums beschäftigt sie sich aber ausschließlich mit der Bildhauerei. Madeleine Dietz lebt und arbeitet in idyllischer und naturbelassener Umgebung in Godramstein, einem kleinen Dorf in der Südpfalz, das ganz zweifellos ihren engen Bezug zur Natur und ihre Auseinandersetzung mit Grundfragen menschlichen Lebens ganz entscheidend geprägt hat.

Nach ersten tastenden Versuchen, u.a. auch mit Video-Arbeiten, hat sie um die Mitte der 1980er Jahre die ihr gemäßen Materialien - getrocknete Erde und Stahl - gefunden, mit denen sie seither fast ausschließlich arbeitet. In den letzten Jahren hat sie diesen Materialkanon um die Fotografie und Videoinstallationen erweitert, für die sie hier in dieser Ausstellung ein charakteristisches Beispiel finden.

Ihre bildhauerischen Arbeiten hat sie in der Vergangenheit immer wieder durch beeindruckende Performances ergänzt, in denen sie das Entstehen einer Skulptur als Prozess in einem zeitlichen Ablauf sichtbar machte und macht. Neben autonomen Skulpturen, wie sie sie hier in der Ausstellung zeigt, schafft sie kontinuierlich Installationen, die jeweils durch den besonderen Charakter des Ausstellungsortes und ihre individuelle Raumerfahrung inspiriert und darauf bezogen waren und sind, ein Aspekt, der für das bildhauerische Schaffen von Madeleine Dietz von ganz besonderer Bedeutung ist. Nach dem Ende der Ausstellungen wurden diese Arbeiten wieder abgebaut. Bewahrt werden sie nur als fotografische Dokumentation. Die verwendeten Materialien werden konserviert und für neue Skulpturen oder Installationen benutzt.

Formal beschränkt sie sich bei ihren autonomen Skulpturen auf einfache, präzise gearbeitete stereometrische Körper aus Stahlblechen, die sie mit getrockneten Erdschollen kombiniert. Sie geht dabei immer von aus der Geometrie abgeleiteten abstrakten Figuren aus. Kreis, Ellipse, Rechteck, Dreieck, Quadrat, aber auch Säule oder Pyramide legt sie dabei ihren Arbeiten zugrunde. Ausgehend von diesen elementaren Formen schafft sie mit den Werkstoffen Erde und Stahl im Kontext mit dem umgebenden Raum Skulpturen und Installationen von großer Ausdruckskraft und allgemeiner Gültigkeit.

Mit diesen Formen steht sie in der Tradition der Konkreten Kunst und der Minimal Art. Allerdings handelt es sich hier nur um eine rein formale Übereinstimmung. Während bei der Konkreten Kunst oder der Minimal Art die plastischen Körper keinerlei inhaltliche Bedeutung haben, sondern nur reine Form an sich bedeuten, haben die aus Stahlblech gefügten, offenen oder geschlossenen Körper bei Madeleine Dietz in Verbindung mit Erdschollen immer eine metaphorische Bedeutung. Durch die Kombination der gegensätzlichen Elemente Stahl und Erde schafft sie Objekte, in denen aus widersprüchlichen Prinzipien spannungsvolle Harmonien entstehen und elementare Zusammenhänge aufgezeigt werden, die unterschiedliche Assoziationen beim Betrachter auszulösen vermögen.

"Die Konsequenz und strenge Logik, mit der Madeleine Dietz ihre Werke schafft, die strukturellen Vereinfachungen und strikten Materialentscheidungen fokussieren unsere Wahrnehmungen," stellte Beatrice Lavarini dazu fest. In einem Text über die Künstlerin wies Andreas Vowinckel darauf hin, dass Madeleine Dietz mit ihren Arbeiten im "Spektrum der zeitgenössischen Skulptur eine ebenso formal unverwechselbare wie inhaltlich eigenständige Position" einnimmt und diese Feststellung kann man nur unterstreichen.

Madeleine Dietz arbeitet - ich erwähnte es bereits - mit Stahl und getrockneter Erde, die sie zueinander in den unterschiedlichsten Kombinationen in Beziehung setzt. Das Material Stahl benutzt sie in unterschiedlicher Blechstärke, aus denen sie Körper schafft, die meist aufbewahrenden Charakter haben wie Schreine, Metallbehälter, Gefäße oder Regale, die sie häufig als Tresore bezeichnet. Die Stahlbleche verarbeitet sie unbehandelt, so dass die Walzhaut erhalten bleibt und den Objekten eine lebendige, changierende Farbigkeit verleiht.

"Madeleine Dietz", schrieb Beatrice Lavarini in einem Text über die Künstlerin, "lässt im Stahl ihre Bearbeitungsspuren zurück, Schweißnähte sind deutlich zu erkennen. Natürlichkeit und Ursprünglichkeit kennzeichnen ihre Arbeit mit dem Stahlblech. Stahl ist in ihren Arbeiten kein technisches Material, kein künstliches Industrieprodukt, sondern ein archaischer, lebendiger Behälter für die so leicht verletzliche Erde".

Während die Stahlelemente - als integrale Bestandteile ihrer Skulpturen - Ergebnis einer sorgfältigen Planung sind, sind die Erdschollen zufällige Ergebnisse von Trocknungsprozessen. Die Erde mischt sie mit Wasser, breitet sie in unterschiedlicher Stärke auf dem Boden aus und lässt sie dann trocknen. Die bei diesem Prozess zufällig und ungeplant entstehenden Schollen mit ihren natürlichen Brüchen und Formen sind dann das weitere Material ihrer Skulpturen oder Installationen.

In einem Statement sagte die Künstlerin 1997 zu ihrer Vorliebe für das Material getrocknete Erde: "Erde ist mein Arbeits- und Baumaterial, ist mein Werkstoff, in nahezu unerschöpflicher Menge überall zu finden. Erde ist der Boden, auf dem etwas wächst, der Boden, auf dem etwas leben kann, fruchtbarer Boden. Erde ist der Boden, der bearbeitet, gepflegt werden kann, der aber auch vergeudet, verdorben wird, mit dem man Raubbau betreibt. Erde ist auch der fruchtbare Rückstand verwester, organischer Materie. Erde in Verbindung mit Wasser ist formbar, ausstreichbar, fließt, trocknet aus, bildet Risse - bricht in Stücke. Sonne, die die Erde vertrocknen lässt, spendet gleichzeitig Leben spendendes Licht. Erde, bewusst nicht mit Bindemitteln vermischt, die durch den Prozess an sich immer das Gleiche bleibt, nämlich Erde".

Für Madeleine Dietz hat Erde eine existentielle Bedeutung. Sie ist für sie Grundlage menschlichen Lebens, das aus ihr erwächst, das uns die notwendige Nahrung spendet, aber auch das Material für das Bauen und Wohnen, das uns Schutz gewährt, zugleich ist sie aber auch Symbol für das Vergehen und den Tod und die Rückkehr zum Ursprung. In ihr ist, wie in einem Archiv, auch Vergangenheit, vergangenes Leben und vergangene Kultur bewahrt. Die christliche Formel "Erde bist du, und zur Erde wirst du zurückkehren" bringt in aller Deutlichkeit zum Ausdruck, was Madeleine Dietz mit getrockneter Erde verbindet. Die getrockneten Erdschollen, die mit der Zeit wieder zerfallen, haben einen ähnlich transitorischen Charakter wie das menschliche Leben. Diese Polarität zwischen Werden und Vergehen findet in den Werken von Madeleine Dietz ihren sichtbaren Ausdruck.

Welche Bedeutung sie diesem beimisst, zeigt sich u.a. auch daran, dass sie zuweilen Flächen aus getrockneten Erdschollen mit Papier bedeckt und sie dann mit Graphitstaub abreibt. Auf der Papieroberfläche werden dann die zufälligen Bewegungen der Schollen als abstrakte lineare Muster sichtbar. Die so entstehenden Frottagen sind von hohem ästhetischem Reiz. Hans-Jürgen Buderer sagte dazu, dass der Prozess des Vergehens in diesen Zeichnungen durch das Entstehen einer ästhetischen Form eine positive Wende erfährt. "So erfüllt sich", führte er aus, "in ein und derselben Arbeit die angesprochene Polarität zwischen Werden und Vergehen und ihrer Umkehrung, zwischen Leben und Sterben und dem darin beinhalteten Neuanfang."

Die gesamte künstlerische Arbeit von Madeleine Dietz ist geprägt durch die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit menschlichen Lebens. Darauf weisen häufig auch die Titel ihrer Ausstellungen hin. Ihre erste größere Einzelausstellung 1988 hatte den Titel "Leben geben", der einer anderen, die sie in diesem Jahr bei der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst in München zeigte, lautete "Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!". Überhaupt spielen die Titel der Ausstellungen oder Installationen, bei denen sie oft mit Negationen arbeitet, eine wichtige Rolle für die Deutung der Werke.

Ihr Thema gestaltet sie nicht nur in ihren Skulpturen, sondern auch in breit angelegten konzeptionellen Projekten. Deutlich wird dies z.B. an dem auf mehrere Jahre ausgedehnten Projekt "side by side", an dem sie zur Zeit arbeitet. Sie will damit die "Erinnerung und Gedanken an geliebte und verstorbene Menschen, aber auch ein Gefühl von Endlichkeit, verbunden mit dem Schicksal aller Menschen jedweder Nationalität und jedweden Glaubens" wach halten.

Dazu sammelt sie aus allen Ländern Friedhofserde, die in kleinen, von ihr gefertigten Behältnissen mit Angabe des Ortes und der Person, die die Erde gesammelt hat, nach Deutschland gebracht werden. Sobald sie alle Erden zusammengetragen hat, möchte sie daraus ein Pflanzfeld anlegen, in dem alle Kulturen und Glaubensrichtungen vereint werden. "Das Material Erde als Zeitspeicher und pure Lebensenergie wird zum alles verbindenden und friedensstiftenden Element und Kern neuen Lebens", schrieb Rik Reinking zu diesem Projekt.

Ich möchte Ihnen ein weiteres Beispiel für den konzeptionellen Ansatz nennen, der für viele Arbeiten von Madeleine Dietz charakteristisch ist. 1996 zeigte sie im Museum in Wiesbaden, im dortigen Mithräum, eine Installation mit dem Titel "280 Tage", in der sie sich ebenfalls metaphorisch mit dem Werden und Vergehen von Leben auseinandersetzte. In 280 Tagen, der Dauer einer Schwangerschaft, modellierte sie 160 Kinderköpfe, die an Neugeborene erinnerten. Sie wurden im Eingangsbereich des Mithräums in zwei Blöcken zu jeweils achtzig Köpfen präsentiert. Diese Köpfe sind Metaphern für Leben und Sterben. Madeleine Dietz hat sie nicht haltbar gemacht und so zerbröckeln sie im Laufe der Zeit wieder zu Erde, die neues potentielles Leben in sich birgt.

Der künstlerische Ansatz von Madeleine Dietz hat unübersehbar religiöse Aspekte und so verwundert es auch nicht, dass sie immer wieder Arbeiten für Kirchenräume geschaffen oder Ausstellungen in Kirchen eingerichtet hat. 1996 schuf sie z.B. eine Installation für die St. Petrikirche in Dortmund, für deren Formen sie ein Motiv aus einem Maßwerkfenster, einen Vierpass, als Vorlage genommen hat. Beherrschendes Element war eine große, aus Erdschollen geschichtete Skulptur (6 m x 60 cm), die sie im Chor aufgebaut hat. Eine ähnlich eindrucksvolle Installation - einen Stufenweg - erarbeitete sie 1999 für den Treppenaufgang zum Choraufgang der romanischen Abdinghofkirche in Paderborn.

Zur "Documenta" schuf sie in Kassel für eine Ausstellung in der Kirche St. Martin einen beeindruckenden "Altarumbau", in dem sie den vorhandenen Altar mit Stahl ummantelte und darauf wie ein Retabel in gleicher Breite eine hohe Wand aus geschichteten Erdschollen errichtete. Der Kontrast zwischen den geschlossenen Flächen des Stahlkubus und der fragil wirkenden Wand aus geschichteten Erdschollen übte eine eigentümliche Faszination auf den Betrachter aus und veränderte nicht nur den Altar, sondern den gesamten Kirchenraum. Andreas Mertin sagte zu dieser Skulptur: "Die Neuinszenierung des Altarbereichs reaktiviert die Erinnerung daran, dass Altäre Kultstätten sind. Da durch die Gestaltung kein bestimmter Ritus zum Ausdruck kommt, wird die Konzentration auf den Ort und seine rituelle Funktion selbst gelenkt".

Überblickt man das künstlerische Werk von Madeleine Dietz, das seit der Mitte der 1980er Jahre entstanden ist, kann man feststellen, dass sie zu immer prägnanteren und damit eindrucksvolleren Formen gefunden hat. Die Reduktion im Formalen führt zu einer Verdichtung des Inhaltlichen. Je einfacher und klarer sie ihre Skulpturen oder Installationen konzipiert, desto deutlicher werden die Inhalte, mit denen sie sich, ausgehend von persönlichen Erfahrungen, auseinandersetzt.