Rhein-Pfalz-Kreis / Schloss Kleinniedesheim
 
Hans-Karl Phul: "ARTwerk"
Malerei
20.02.11 bis 20.03.11

Einführung von Klaus Graber

Von Walter Gropius (1883-1969), dem weltberühmten Bauhaus-Architekten, stammt die Aussage: "Bunt ist meine Lieblingsfarbe!" Auf Hans-Karl Phul könnte das ebenfalls zutreffen, auch wenn hier im Saal des Kleinniedesheimer Schlosses Rottöne dominieren. Das jedoch ist der spezifischen Präsentationsästhetik geschuldet, die unser Künstler zu recht nicht vernachlässigt. Da Rot im übrigen nicht nur die Farbe der Liebe ist, sondern auch Aggressivität hervorzurufen vermag, macht er sich letzteres virtuos zu Nutze. Gern gibt er auch mit Hilfe diverser Werkzeuge oder eher ungewöhnlicher Materialien wie Sand oder Kartoffelsack-ähnlicher Mal-Jute den Farbflächen nachträglich erhabene Musterungen.

Wenn wir alle Gemälde dieser Ausstellung betrachten, springt uns eine Überfülle von Farben und Formen ins Auge. Die Werke vermitteln, wenn schon keinen abschließenden Querschnitt, so doch immerhin einen gewissen Eindruck von Hans-Karl Phuls Bandbreite handwerklichen, technischen und thematischen Schaffens. Er experimentiert mit den verschiedensten Techniken, drückt sich in divergenten Stilrichtungen aus und beweist doch immer eine meisterhafte Sicherheit hinsichtlich des jeweils angestrebten Zieles.

Da das scheinbar Unscheinbare oft desto tiefere Einsichten schenkt, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf das kleine Bild dort in der Ecke neben der Tür lenken. Es ist übrigens das einzige Ölgemälde der gesamten Ausstellung! Wir sehen einen Radfahrer, dessen Körper beinahe wie eine reliefartige Fläche wirkt, da die Farbe bewusst sehr dick aufgetragen ist. Fast stehend, beugt er sich weit nach vorne und tritt unter Mobilisierung selbst der letzten Kräfte in die Pedale. Da das Bild "Six days" heißt, dürfen wir von einem Sportler ausgehen, der das Rennen unbedingt gewinnen möchte. Wir sehen die Bewegung des Vorüberbrausens, spüren förmlich den Fahrtwind. Dies vermitteln zu können, macht das Oevre Hans-Karl Phuls wesentlich aus.

Seine sämtlichen Schöpfungen haben nämlich eines gemeinsam: Es steckt immenses Tempo in ihnen! Herr Phul sagt von sich selbst, er sei ein relativ ungeduldiger Mensch. Inwieweit dies objektiv zutrifft, wird letztlich vielleicht nur seine Gattin beurteilen können. Fest steht jedoch, dass der kraftvolle Eindruck von Geschwindigkeit seinen Bildern eine grandiose Ausdrucksstärke verleiht. Diese mündet, wie wir sehen, nicht selten in Eruptionen, die den Urknall ebenso wie die Apokalypse zu imaginieren vermögen!

Herrn Phuls künstlerische Karriere gewann eigentlich erst mit dem beruflichen Ruhestand so richtig Fahrt. Er vertritt die Ansicht, bildnerische Werke müssten keineswegs Identifikationsmerkmale aufweisen, an deren Hand man sie zweifelsfrei ihrem Schöpfer zuordnen kann. Damit stellt er sich in gewissem Sinne in die Tradition des europäischen Mittelalters, dem individuelle Züge in der Kunst weitgehend fremd waren. Diese hatte sich seinerzeit allein dem Zweck unterzuordnen, das christliche Heilsgeschehen zu versinnbildlichen. In unserem Fall ist es besonders das Monumentale, das für Hans-Karl Phuls Bilder typisch ist.

Wie bereits festgestellt, haben es ihm dabei kräftige Farben besonders angetan. Man könnte auch sagen, er sei unterwegs zu seinem ureigenen Expressionismus. Was ihn bewegt, sind, wie er es ausdrückt, Polarität und die zeitlosen Urthemen des Lebens. Dabei sollen keineswegs Muster entstehen, die er bereits im Kopf hat. Vielmehr überlässt er sich ganz der Maldynamik, die ihn drängt, inneres nach außen zu kehren. Jedes fertige Ergebnis dokumentiert für ihn selbst eine Reise in die eigene Psyche. In diesem Zusammenhang sind aber larmoyante Untertöne nie seine Sache. Vielmehr kulminieren die Befindlichkeiten dieses Malers - unterschiedlich interpretierbar - entweder in nachdenklich machenden Momentaufnahmen oder in wuchtigen Zusammenstößen.

Das hinter mir hängende Titelbild dieser Ausstellung etwa erinnert mich an den Ausbruch eines Inselvulkans, der eine Reihe von Plattformen zerstört, welche man zum Bohren nach Erdöl in die See eingebracht hat. Andere erkennen darin die Ereignisse vom 7. Dezember 1941 auf der Hawaii-Insel Oahu: Damals griff die japanischen Luftwaffe überraschend die in Pearl Harbor vor Anker liegende amerikanische Pazifikflotte an. "Meine" Bohrtürme wären dann die Reste der Decksaufbauten zerstörter Schiffe...

Nicht von ungefähr verdankt Hans-Karl Phul derartige Wirkungen vornehmlich dem Einsatz von Acrylfarben. Das sind, chemisch betrachtet, feinste Verteilungen von Polyacrylharzen in Wasser. Dabei schweben die Harzteilchen in der Flüssigkeit. Ein oberflächlicher Bildbetrachter könnte an Ölfarben denken. Im Gegensatz zu jenen ist Acryl jedoch mit Wasser vermalbar und trocknet bedeutend schneller.

Ähnlich und doch wieder ganz anders stellen sich diese beiden zusammengehörigen Gemälde dar. Als deren verbindendes Element erkennen wir eine Art Brückengestänge. In der Mitte der Szenerie scheint ein grell emporschießender Atomblitz förmlich die rötliche Atmosphäre zu zerreißen. Im Zentrum der "Nahtstelle" beider Bilder ragt eine Insel aus dem Meer; ist sie dem Untergang geweiht? Wie anders wäre hier der Gesamteindruck, würde man die zwei Gemälde in umgekehrter Folge hängen! Nehmen Sie sich bitte nachher einmal die Zeit, das im Geist nachzuvollziehen, es lohnt!

Ähnlich eindrucksvoll wirkt das Triptychon dort an der Wand. Hier kann jedes Bild für sich stehen; unterschiedliche Raumaufteilung wäre dann das Thema. Die mittlere und die rechte Darstellung lassen sich aber auch so anordnen, dass die beiden sie beherrschenden dunklen Geraden in direkte Relation zum ersten Werk treten und die Fortsetzung des Kreuzschaftes bilden. Entsprechend moderne Architektur vorausgesetzt, könnte man sich dieses Kreuz bei vertikaler Hängung des Triptychons durchaus über dem Altar einer Kirche vorstellen. Der Schnittpunkt der Balken außerhalb der Bildmitte wie auch die formale Strenge der Wiedergabe bergen kontemplative Qualitäten.

Mit Religion befasst sich auch die Collage "Untergang" im Treppenhaus, wenn Sie hier hinunter gehen, gleich an der Treppenplattform. Auf einem runden Quadratmeter Malgrund sind hochdramatische Geschehnisse zu einer explosiven Momentaufnahme geronnen: Unter von romanischen Säulen getragenem Kirchengewölbe lecken Flammen bereits bis zur Decke empor. Gleichzeitig scheint Wasser in alles mitreißender Flut in das Gotteshaus hinein zu schießen. Diesem unteren Bilddrittel entspricht farblich der obere Rest, wobei dort die Seiten von Feuer und Wasser vertauscht sind. Von dem sakralen Raum ist jetzt allerdings nichts mehr zu erkennen; hier toben nur noch die Elemente...

Die Botschaft scheint klar, zumal, wenn wir bedenken, dass im Geburtsort unseres Künstlers im April 1521 ein gewisser Martin Luther vor Kaiser und Reich sein reformatorisches Gedankengut verteidigte. Im bereits beschriebenen unteren Bilddrittel sehen wir auch Inschriften und Dokumente. Das kurfürstliche Wappen des Bistums Mainz etwa deutet auf die Ablasspredigten im mitteldeutschen Raum hin. Diese hatten bekanntlich im Auftrag des damaligen Mainzer Bischofs stattgefunden. Und Flugblätter, eine Errungenschaft der Erfindung des Buchdrucks, stehen indes für die Verbreitung von Luthers Angriffen gegen die Kirche.

Schon kurz nach dem Ableben des Reformators werden die ungelösten theologischen Konflikte mit Waffengewalt ausgetragen. Doch den politischen Kräften auf beiden Seiten geht es nur sehr vordergründig um den christlichen Glauben. Erhaltung und Ausdehnung ihrer Macht sind die wahren Kriegsursachen. Deshalb ist in den oberen Bilddritteln auch nichts mehr von dem unten angedeuteten Kirchengebäude zu sehen. Es herrschen blanke Gewalt und sinnlose Zerstörungswut. Hans-Karl Phul hat in diese metaphorische Botschaft Steine, Sand sowie Papier eingearbeitet und den Bilduntergrund stark strukturiert. Er hält die Aussage dieser Collage durchaus auch auf das Handeln heutiger Fanatiker für übertragbar.

Ob private Befindlichkeit oder weltgeschichtliche Umwälzung: Herrn Phul glücken Würfe von unwahrscheinlicher Dynamik. Nachdem wir hierfür einige wenige Beispiele herausgreifen konnten, stellen wir auch fest, dass aus seinen Bildern weniger Abstraktion als vielmehr Reduktion spricht. Und dass tatsächlich kein einziges seiner Werke einem schon zuvor geschaffenen gleicht. Souverän versteht er auch den Umgang mit Wasserfarben, ein Handwerk, das durch Albrecht Dürer einst in Deutschland "hoffähig" gemacht worden ist. So könnte durchaus denkbar sein, dass Herr Phul gelegentlich längere Ausflüge in eine der vielen anderen von ihm beherrschten Kunsttechniken unternimmt. Die Zukunft lässt jedenfalls noch vielerlei rasante Einfälle unseres Künstlers zur Visualisierung seiner Sujets erwarten. Er bleibt nicht auf dem gegenwärtigen Stand "stehen", sondern entwickelt sich ohne Unterlass. Wir Betrachter dürfen gespannt bleiben!

In diesem Sinne, Herr Phul, wünsche ich Ihnen jederzeitige Zufriedenheit, Freude und viel Erfolg zu Ihrem weiteren bildnerischen Schaffen.




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Hans-Karl Phul