Taschentücher - Trost & Tränen auf kleinem Quadrat
Geschichten ums Taschentuch - Anmeldung erforderlich
30.05.21 bis 26.09.21

Taschentücher -  Trost & Tränen auf kleinem Quadrat. 
So der Titel der Ausstellung, im Museum Herxheim, im südlichen Rheinland-Pfalz gelegen, zu sehen ist. Die Ausstellungsmacherinnen Monika Brückner, Kristina Baumert und Rosa Tritschler widmen die Schau einem scheinbar kleinen, alltäglichen Accessoire. Beim Gang durch die fünf Ausstellungsräume begegnen die Besucher*innen dem Taschentuch in vielen Facetten. Es sind Geschichten ums Taschentuch, die erzählt werden: Kunst in Taschentuchformat, politischer Widerstand, Zeit- und Sozialgeschichte, Literatur und Poesie hat Platz auf diesem meist 30 auf 30 cm großen Stück Textil.
 
Spitzenhandwerk vom Feinsten
Ein Schwerpunkt der Schau ist die umfängliche Taschentuch-Sammlung von Liesel Becker. In 1960er Jahren begann die ehemalige Handarbeitslehrerin mit ihrer Sammlung. Zusammengetragen hat sie über tausend Exemplare aus Seide, Batist, Leinen, Baumwolle und Mischgewebe.
Die Sammlung zeigt Damen-, Herren- und Kindertaschentücher. Braut-, Beerdigungs- oder Kommunionstaschentücher erinnern an zentrale biografische Stationen der Besitzer*innen. Familienerbstücke.
Blickfang der Taschentücher aus Beckers Sammlung sind ihre Umrandungen bzw. Umsäumungen. Sie erzählen von dem geballtem Fleißpotential und der atemberaubenden Kunstfertigkeit ihrer damaligen Herstellerinnen: Häkel- und Klöppelspitze, Durchbruch und Hohlsaum, Assisi-, Richelieu-, Loch- und Weißstickerei, Schatten-, Seiden- und Lupenstickerei. Man kann weibliches Spitzenhandwerk vom Feinsten bewundern.
"Noch vor wenigen Jahrzehnten bekamen Mädchen zu einem ihrer Ehrentage - Kommunion, Konfirmation, Hochzeit - von einer älteren Frau aus der Familie ein selbstgefertigtes Taschentuch." Diese alte Sitte, diese generationenübergreifende Kontaktpflege sei verloren gegangen, bedauert Liesel Becker. 
Dem möchte man erst einmal zustimmen. Taschentuch, das war einmal. Doch die Kuratorinnen der Ausstellung sind bei ihren Recherchen auf höchst Aktuelles in Sachen Taschentuch gestoßen.
 
Das Taschentuch in Zeiten von Corona.
Die Künstlerin Beatriz Schaaf Giesser hat mit ihrem Projekt "global texture - das Taschentuchprojekt" das quadratische Stück Stoff zu einem heutigen künstlerisch-kommunikativen Bedeutungsträger gemacht.
Schaaf-Giesser erhielt 2009 den 1. Preis für die Arbeit "Bewahren", bei der 5. Bienal Internacional de Arte Textil in Buenos Aires. 2017 wurde sie bei der VII. Bienal Internacional als Gastkünstlerin nach Montevideo, Uruguay, eingeladen. Im März 2020 war die Künstlerin in Uruguay, um einen Workshop abzuhalten. Der Lockdown zwang sie, nach Deutschland zurückzukehren.
Dort stellte sich die Frage, wie die Künstlerinnen in Südamerika, die besonders hart von den Auswirkungen der Pandemie in ihren Ländern betroffen sind, unterstützt werden könnten. Sie startete im Netz einen Aufruf sich an einem "Taschentuchprojekt“ zu beteiligen. Als Grundlage schlug Schaaf-Giesser vor, ein Taschentuch als Leinwand zu benutzen.
In den schwierigen Zeiten der Isolation, der Unsicherheit und Ungewissheit sei ein Gefühl von Gemeinschaft wichtig: "Wenn die Hände arbeiten, ist der Kopf frei. Lasst eure Hände sprechen um Gefühle, Gedanken oder Wünsche in kleine textile Geschichten zu verwandeln."
 
Das Echo war überwältigend. Fast 100 Künstlerinnen aus Südamerika und Europa beteiligten sich. Häufig benutzten die teilnehmenden Künstlerinnen Taschentücher, die seit Jahrzehnten in einem Schrank aufbewahrt wurden, Erinnerungsstücke an Mütter und Großmütter.
Das von Liesel Becker so benannte "geheime Netzwerk" von Frauen scheint in Zeiten von Corona im Taschentuchprojekt von Beatriz Schaaf-Giesser in einer künstlerischen Form wieder belebt zu werden. In der Ausstellung in Herxheim werden zum jetzigen Stand 25 Arbeiten dieses Taschentuchprojektes im Original zu sehen sein.

Die Taschentuchinstallation der Künstlerin Sophie Bloess - noch vor Corona-Zeiten kreiert -  weist ahnungsvoll auf diese hin. 16 Herrentaschentücher sind die stoffliche Leinwand, auf der mikroskopische Bilder von Viren und Gartengrundrisse aufgedruckt wurden.
 
Die "Souvenir Tears" der Jane Grier
Ein weiteres künstlerisches Kleinod wird in Herxheim zu bestaunen sein. Es ist das über und über mit Garnen und Garnbündeln bestickte Taschentuch der Jane Grier von 1892. Das Taschentuch ist eine textile Ikone aus der historischen Sammlung Prinzhorn des Universitätsmuseums Heidelberg. Das Taschentuch gehört zu einem der ersten Werke, die der   promovierte Kunsthistoriker und Arzt Hans Prinzhorn (1887-1933) als Assistent der Heidelberger Klinik (1919-1921) in seine "Lehrsammlung" aufnahm. Jane Grier war Patientin in der Anstalt Pirna-Sonnenstein, als sie ein Taschentuch mit ihren Botschaften bestickte. Als Gouvernante war sie sicherlich geübt in den verschiedensten Sticktechniken. Als Patientin einer Anstalt konnte sie auf diese weiblichen Fertigkeiten zurückgreifen und hat mit dem überbordenden bestickten Taschentuch ein Werk geschaffen, das bis heute Rätsel aufgibt.
Ließe man den medizinhistorischen Kontext außer Acht, so könnte die Arbeit von Jane Grier auch ein künstlerischer Beitrag des heutigen "global-texture"-Projektes von Schaaf-Giesser sein.
 
Das Taschentuch scheint in seiner harmlosen und allgegenwärtigen Materialität besonders in menschlichen Krisensituationen sich als Bedeutungsträger, als Botschaftsträger anzubieten.
 
Die Taschentücher von Ravensbrück
Hiervon erzählen besonders eindrücklich vier Taschentücher aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, die ebenfalls in der Herxheimer Ausstellung zu sehen sind. Im Depot der Gedenkstätte befinden sich verschiedene Taschentücher, welche von Gefangenen im Lager bestickt wurden. Die Taschentücher wurden von den Frauen im Lager zum Zeichen für Vernetzung und Zusammenhalt vielleicht auch zur gegenseitigen Bestätigung gefertigt. Sie sind ein bewegendes Zeugnis für die Selbstvergewisserung von Menschen unter extremen Gewalt- und Zwangsbedingungen.
Heute sind sie Erinnerungsobjekte, die tief berühren.
 
Botschaften aus der Luft
Einen außergewöhnlichen Höhenflug startete das Taschentuch während der Berlinblockade 1948/49. Während die Alliierten ganz Berlin über den Luftweg mit Nahrungsmitteln und Gütern versorgten, hatten die "Rosinenbomber" für die Berliner Kinder eine besondere Fracht an Bord.
Als der Pilot Gail Halvorsen bei einem seiner Anflüge auf Berlin eine Schar Kinder am Rande des Rollfeldes sah, kam ihm die Idee Süßigkeiten für die Kinder abzuwerfen. Er schnürte Schokoriegel und Kaugummis zu einem Bündel und befestigte diese an Taschentüchern, die dann wie Fallschirme vom Himmel fielen. Diese Aktion wurde in Windeseile bekannt und bald warteten täglich hunderte von Kindern am Rollfeld auf tausende von Taschentuchfallschirmchen. So hat das Taschentuch als Himmelsbote seinen Part beigetragen zum Aufbau der deutsch-amerikanischen Freundschaft. In der Ausstellung können Kinder solche Taschentuchfallschirme bewundern, und, wenn sie wollen, selbst nachbasteln.

Öffnungszeiten
Do. und Fr. von 14.00 bis 19.00 Uhr
Sa. und So. 11.00 bis 18.00 Uhr

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Veranstaltungsort:
Museum Herxheim
Untere Hauptstraße 153
76863 Herxheim bei Landau
www.museum-herxheim.de
Museum Herxheim
Nadja Hormisch: "blood, sweat und tears". Foto: Global Texture Project (Initiatorin: Beatriz Schaaf-Giesser)