Miniaturträume

Ein Foto zeigt einen winzigen Bücherstapel, davor eine Couch, kleine Bilder an der Wand, in einem engen, schrägen Raum. Auf einem zweiten Foto sieht man eine Szene, die an einen verlassenen Tanzsaal erinnert. Eine Disco-Kugel an der Decke, ein hochglänzender Fußboden und winzige Tanzschuhe mitten auf der in Rechtecke unterteilten Tanzfläche. Zwei Beispiele aus der Werkschau von Nina Wallentin.

Sie baut surreale Raumszenen, die sie anschließend schwarz-weiß fotografiert. Diese Interieurs sind klein, oft nicht größer als ein Schuhkarton. Sie zeigen nicht Reales, sondern sind Gebilde aus Papier und Pappe, beinhalten aber auch Watte, Sand, Federn und allerlei Requisiten vom Modellbau, sowie Kinderspielzeug aus der Puppenkiste. Ihre Szenarien erinnern an Theaterkulissen, an Höhlen, aber auch Wohn- und Sakralräume lassen sich assoziieren.

Beim Modellbau hat Nina Wallentin die Möglichkeit, in ihre Gedanken-Bilder, die sie dreidimensional vor sich sieht, immer wieder gestalterisch einzugreifen. Während sie hier noch aus der Vogelperspektive auf den entstandenen Raum herabschaut, ermöglicht ihr die Fotografie eine Perspektive auf Augenhöhe. In einem zentralisierenden Bildaufbau aufgenommen, lassen die Fotografien keine eindeutigen Rückschlüsse auf die tatsächliche Größe der Modelle zu.

Sie schafft, wie sie es nennt, "Gefühlsräume nach reflektierten Traumsequenzen, nach persönlichen Erlebnissen und Begebenheiten aus der Umwelt. Ebenso entstehen auf intuitive Art und Weise, etwa durch Materialien inspiriert, neue Räume."

In Nina Wallentins poetischen Raumszenarien ist eine starke physische Präsenz greifbar, die jedoch nie explizit wird. Ihre Interieur-Szenerien vermitteln oftmals eine rätselhafte menschenleere Atmosphäre und doch scheint es Hinweise menschlichen Daseins zu geben. Ebenso hinterlassen sie den Eindruck völliger Zeitlosigkeit und gleichzeitig vermitteln sie das Gefühl, als seien sie soeben verlassen worden. Ihre Schwarz-Weiß-Fotografien lassen den Gedanken Raum und ermöglichen dem Betrachter unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten, basierend auf seinen eigenen Erfahrungen und Gefühlen.

Gerd Lind