Stadt Landau in der Pfalz / St├Ądtische Galerie Villa Streccius
 
"Die phantastische Welt des Otfried H. Culmann"
Gro├če Werkschau in der Villa Streccius
22.10.05 bis 27.11.05

Einer der Großen in der Phantastischen Kunst ist in der Südpfalz beheimatet: Otfried H. Culmann. Seinem Werk widmet die Kulturabteilung eine große Einzelausstellung.

Die phantastische Kunst wurde in Europa im 15. Jahrhundert begründet. Sie lässt sich wie ein Ariadnefaden als Unterströmung der Kunsttendenzen bis in unsere Zeit verfolgen.

Otfried H. Culmann ließ sich im Alter von 16 Jahren durch die Bilder von Surrealisten anregen und zu eigenen Traumwelten führen. Nach Studienjahren in Kaiserlauten und München bei dem Surrealisten Mac Zimmermann, in Stuttgart und Rom, hat sich Culmann in der Südpfalz, in seinem Geburtsort Billigheim bei Landau, vor 25 Jahren ein phantastisches Refugium geschaffen, in welchem er lebt, malt, schreibt und seine Bilder ausstellt.

Bei über 100 Einzelausstellungen und zahlreichen Gruppenausstellungen wurden seine Bilder im In- und Ausland gezeigt. Als Vorstandsvorsitzender von "Labyrinthe - Gesellschaft für phantastische und visionäre Künste e.V." ist er weltweit mit vielen phantastischen Künstlern und Gruppen verbunden, mit denen er Gedanken austauscht, Ausstellungen organisiert und Museen für Phantastische Kunst plant. 1986 stellte er mit den "Pfälzischen Phantasten" in der Villa Streccius aus und 1998 organisierte er die internationale Ausstellung "Der Faden der Ariadne" im Herrenhof/Mußbach.

Die Ausstellung in der Villa Streccius ist die bisher umfangreichste Einzelausstellung des Künstlers und gibt einen breiten Einblick in seine vielschichtige phantastische Welt. Sie ist eine imaginäre Reise zum inneren Erdteil, in die Zeit der geheimen Kulte in Rom, in das Paradies des Goldenen Zeitalters, zu den verlassenen, labyrinthischen Parkanlagen, zu imaginären, toskanischen Villen und phantastischen Brunnen, zum Spielplatz der Nachtwandler, zum Studiolo des Daedalus, zu wundervollen Traumstädten, zu Palastanlagen des Schmetterlingsfängers, zu den Sieben Weltwundern, zum Mythenzoo, in den Münchner Dschungel, zu den uralten Steinreihen und Menhiren der Bretagne und zu rätselhaften Wunderkammern.


Besprechung von Gabriele Weingartner, Sonntag Aktuell (Die Rheinpfalz) vom 23.10.05

Universelle Mythologie als Ersatzteillager

Eine Art Ahnengalerie hängt gleich am Anfang der Ausstellung in der Landauer Villa Streccius, die mit Ariadnefäden in die "Phantastische Welt des Otfried H. Culmann" führt: Da sitzen - wie zum Schweigen verdonnerte Schüler in einem idyllischen, mit Pflanzen überwucherten Labyrinth - Max Ernst, Giorgo de Chirico, Dali, Ernst Fuchs, Edgar und Michael Ende sowie noch einige andere zeitgenössische surrealistische Größen, von denen sich der in im südpfälzischen Billigheim lebende und arbeitende Künstler hat womöglich beeinflussen lassen. Und auch er selbst reihte sich ein in die potente Phalanx, am linken, äußeren Rand, ganz bescheiden.

In der Tat aber ist Culmann nicht nur auf dem Ölbild mit den Kollegen unverkennbar und sozusagen auf Augenhöhe, sondern längst auch in seiner Kunst. Beim Rundgang durch die sensibel, wenn auch nur vage nach Schwerpunkten gehängten Werkschau - die überfällig war in der Südpfalz, nachdem man Culmann bereits europaweit entdecken kann - lässt es sich wieder einmal feststellen: Hier malt einer, der lebt in einer anderen Welt. Der errichtet ein Paralleluniversum, das von Anfang bis Ende rätselhaft bleibt, in dem man sich nur zurecht findet, wenn man dessen innere Regeln akzeptiert.

Zum Beispiel: Dass Menschen nicht unbedingt Menschen bleiben müssen, sondern zu Tieren werden, dass es Engel gibt in diesem fremden Kosmos, allerdings keine christlichen, sondern eher archaische, allenfalls römisch angehaucht. Und dass der Surrealist und Pfarrersohn aus Billigheim nicht nur die ganze antike Welt und die universelle Mythologie als Ersatzteillager benutzt, sondern auch ungehemmt die in Europa verbliebenen paradiesischen - zumeist italienischen - Landschaften. Was freilich kein Vorwurf sein soll, sondern ein Kompliment: Denn es gibt wenige Künstler, die mit den kulturellen Hinterlassenschaften so innovativ und souverän umzugehen vermögen.

Culmanns Bilder zu beschreiben, bedeutet, Eulen nach Athen zu tragen, sind doch seine Motive längst ins kollektive Gedächtnis der Südpfalz eingedrungen. Das heißt: Man kennt seine statuarischen Frauen- und Männergestalten, seine Mädchenakte, seine meist alterslos jugendlichen, ein bisschen schematischen Gesichter mit den verträumten, verschatteten Blicken.
Grenzenlos sind dann allerdings die Verwandlungen, denen sie der Künstler unterwirft, ist der Haarwuchs, den er ihnen angedeihen lässt, die mythologische Fracht, mit der er sie in Verbindung bringt. Etruskische und römische Geheimkulte scheinen sie zu zelebrieren; sie stehen und liegen ergeben oder rebellisch in den Nischen und Windungen der Culmann'schen Labyrinthe, so, als ob sie es im letzten Augenblick vielleicht doch noch verhindern könnten, von der Natur "gefressen" oder überwuchert zu werden.

Fraglich ist allerdings, ob sie es wirklich wünschen. Besitzen doch die Landschaften, in die sie Culmann verbannte, höchst idyllischen Charakter, hat er sie doch gleichsam zu ewigem, stoisch zu ertragendem Wohlleben verdonnert: in klassizistischen Villen, in manieristisch gezähmten Parkanlagen, in toskanischen Gefilden, deren Paradieshaftigkeit schwer zu übertreffen ist.

Ausgerechnet die in der Schau auftauchenden pfälzischen Motive sind allerdings von eher düsterem, zumindest melancholischem Flair: Die nackte Schöne auf dem "Trifelssofa" schaut traurig aus dem Bild, auch eine "Bedrohte Muse vor dem Trifels" gibt es, sowie einen riesigen Fisch vor einem schwärzlich ausgeleuchteten Haardtgebirge, der Gott weiß wie aufs Trockene gelangt ist: Der kleine Angler vor ihm kann ihn kaum aus dem träge und bräunlich dahin fließenden Rhein herausgefischt haben.

Es gibt einfach nichts, was Culmanns Willen zur Metamorphose entgeht. Ganze Städte organisiert er nach seinem Gusto, Paris, Rom, München, dessen Sehenswürdigkeiten er sogar - wie Christo, nur ganz anders - in wuchernde Pflanzenhüllen verpackt und in eine "Dschungellandschaft" verwandelt. Nicht nur die Autos - Oldtimer vorwiegend - bekommen ein sichtbar anderes, zweckentfremdetes, irritierendes Äußeres, sondern er nimmt auch die eigenen Werke nicht aus. Das heißt: Otfried H. Culmann hat irgendwann begonnen, ins Dreidimensionale zu gehen, seine verfremdete Ding- und Menschenwelt, seine Kentauern und Engel, Lokomotiven, Flugzeuge und Autos noch mehr zu verfremden, sie auszusägen, sie in Kästen zu packen und hinter Glas. Ihre Erscheinung zu verwandeln also.

Kein Wunder ist es bei soviel gestalterischer Tatkraft, dass in der vielfältigen Ausstellung nicht nur ein wahrhaft Töne von sich gebendes "Musiqueautomatophone" zu sehen ist, aus den typisch Culmann'schen Versatzstücken konstruiert, dazu andere Pseudo-Automaten, deren Funktionen rätselhaft bleiben, sondern auch ein veritables "Museum für phantastische Kunst", das der Künstler, der auch gerne Architekt geworden wäre, selbst entworfen hat. Vorläufig ist es zwar nur Modell, das heißt, es muss noch gebaut werden, und Sponsoren braucht es auch. Aber: Undenkbar ist es nicht. Und herstellbar wäre es eben auch. Wenn man die Fantasie eines Otfried H. Culmann besitzt.




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Otfried H Culmann
Otfried H. Culmann: "Der goldene Hut"
Otfried H Culmann
Otfried H. Culmann: "Villa-Dachgarten und ein Papierdrachen" (1985)