Stadt Landau in der Pfalz / Städtische Galerie Villa Streccius
 
"Lösungen"
Stipendiaten des Künstlerhauses Edenkoben stellen in der Villa Streccius aus
08.03.08 bis 20.04.08

Zum 3. Mal ist das Künstlerhaus Edenkoben mit seinen Stipendiaten auf Einladung der städtischen Kulturabteilung in der Städtischen Galerie Villa Streccius in Landau zu Gast. Alle zwei Jahre erhält ein bildender Künstler die verantwortungsvolle Aufgabe, vier Stipendiaten für das Künstlerhaus zu ernennen und diese dann mit einer abschliessenden Ausstellung in der Villa Streccius in Landau vorzustellen. Die jetzige Kuratorin Jacqueline Merz wurde 1962 in der Schweiz geboren und studierte an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich. Seit 1991 lebt und arbeitet sie in Dresden. Selbst Stipendiatin in Edenkoben 2002, hat sie in den vergangenen beiden Jahren Karin Halle (Berlin), Edda Jachens (Stuttgart), Tobias Stengel (Dresden), und Fee Vogler (Dresden) für je ein halbes Jahr nach Edenkoben eingeladen und der abschließenden Ausstellung den Titel "Lösungen" gegeben.

Karin Halle schafft mit ihren kleinformatigen Collagen vielschichtige Interieurs, die uns in eine Welt von Tagträumen menschlicher Wesen entführt. "Vom Schein des Konkreten" betitelt Edda Jachens einen ihrer Kataloge. In ihren Bildern erzeugen Farbe, Form und Materialität eine Vibration, die sich weit in den Raum hinein fortsetzt; den Betrachter dort abholt und wieder näher treten lässt, um diese eigenwilligen Meditationsräume genauer zu erforschen.

Tobias Stengel umschreibt seine Kunst als Grunduntersuchungen um sich Dinge zu erklären, denen er begegnet. Systematiken aus Naturwissenschaft und Technik sind oft Ausgangspunkt seiner künstlerischen Forschungsreisen. Er zeichnet den Weg des Scheiterns auf der Suche nach Lösungen, was seinen Arbeiten - Wandinstallationen und Zeichnungen - einen auswuchernd fragmentarischen, oft sogar poetischen Charakter verleiht. Auf unterschiedlichsten Bildträgern, in Schwarz und Weiss, wirft uns Fee Vogler die gesamte Bandbreite zwischenmenschlichen Verhaltens entgegen. Mal zieht sie uns mit wenigen sicheren Strichen mitten hinein in eine bösartige Rauferei zweier Mädchen, mal schützt sie scheinbar zwei Liebende vor voyeuristischen Blicken, indem sie diese hinter Glas festmalt.

Das Institut für Kunst und Kunstwissenschaft und Bildende Kunst der Universität Landau unter Prof. Diethard Herles wird in einer Projektwoche während der Ausstellung, vom 01.04.08 bis 04.04.08, kunstpädagogische Möglichkeiten bei der Erschließung von Werken zeitgenössischer Kunst erproben. Klassen der Stufen 3 bis 7 werden sich unter Anleitung von Studierenden des Lehramtes Kunst in kreativer Weise mit den gezeigten Arbeiten befassen. Die Projektwoche ist bereits komplett ausgebucht.


Besprechung von Gabriele Weingartner, Die Rheinpfalz vom 11.03.08

"Lösungen" in der Streccius

"Lösungen" nennt sich die derzeitige Ausstellung mit Arbeiten von Karin Halle, Edda Jachens, Tobias Stengel und Fee Vogel in der Villa Streccius. Alle vier waren sie in den letzten Jahren Kunststipendiaten des Künstlerhauses Edenkoben, das nunmehr schon zum dritten Mal ein Joint Venture mit der Kulturabteilung der Stadt Landau eingegangen ist.

Im Unterschied zur kleinen Atelierausstellung, die zumeist terminlich mit einer Lesung verbunden gewesen ist und manchmal doch nicht so viel Aufmerksamkeit erheischte wie ein "Erzähler der Welt", können sie nun die Muskeln spielen lassen und verfügen über genügend Raum für ihre Kunst. Wobei sie es nicht übertrieben haben: die Gründerzeitvilla ist immer noch angenehm leer und lässt die Kunstwerke für sich sprechen, worauf die Kuratorin Jacqueline Merz, die selbst einmal Stipendiatin gewesen ist, wohl auch streng geachtet hat. Die Arbeiten, so erläutert sie im "Rheinpfalz"-Gespräch, sollen aber durchaus auch Kontakt zueinander aufnehmen und im Kopf des Betrachters vielleicht auch die eine oder andere Lösung evozieren. "Lösungen" in diesem Zusammenhang, so will es scheinen, bedeuten jedenfalls sowohl Freiheit als auch Anknüpfung. Und so spielen bewusst hergestellte Spannungen und Harmonien zwar eine Rolle im Konzept der Schau, aber sie drängen sich nicht auf und zwingen die Blicke keineswegs in obligatorische Richtungen.

Viele der ausgestellten Arbeiten sind übrigens in Edenkoben entstanden, insofern könnte es sein, dass der eine oder andere Besucher sie dort schon gesehen oder im Entstehen begriffen erlebt hat. Tobias Stengels Mischtechniken zeigen im weitesten Sinn sogar Vertrautes: Rebstöcke, deren knorrige, grafisch kaum zu bändigende Beschaffenheit er mit der Klarheit von darüber gelegten Netzen verknüpfte. Stengel, 1959 in Grimma geboren, Absolvent der Hochschule für bildende Künste in Dresden und seit 1986 freischaffend tätig, hat aber gleichfalls einen Hang zu den Naturwissenschaften, zur Mathematik vor allem, und zeigt in der Villa Streccius auch seine in Formen gegossenen Abrollungen eines Würfels, die - immer und immer wieder variert - an alles Mögliche denken lassen, bloß nicht an Zahlen und Volumina. Stengels Arbeiten geben sich verspielt und sanft und scheinen eher mit archäologisch angehauchter plastisch gewordener Poesie zu tun zu haben. An Ausgrabungen lassen sie denken und willkürlich zusammengestellte Fundstücke, nicht aber an mathematische Experimente.

Experiment und Poesie zusammenzuzwingen, hat freilich einen ganz besonderen Charme. Der offenbart sich auch vor den Bildern von Edda Jachens, ihren Paraffin-Arbeiten genauer gesagt, hinter deren bewusst kalkulierter milchiger Unschärfe die 1960 geborene, auch als Medizinerin ausgebildete Künstlerin auf einer grundierten Spanplatte geheimnisvolle Zeichen eingelagert hat. Man weiß nicht genau, warum die Tafeln so magisch wirken: ob es ihre sakrale Anmutung ist, die dazu verführen, an ihnen zu riechen, oder die Vexierspiele, die sie dem Auge immer wieder gestatten. Sicher ist, dass sie allesamt mediative Absichten realisieren: ob sie nun isoliert stehende geometrische Zeichen zeigen oder Kreisformen, die - frei schwingend über die Bildfläche verteilt - sich farblich an ihren Schnittflächen mischen. Laut ihrer Vita im zauberhaft gestalteten, vierteiligen Katalog-Schuber hat Edda Jachens früher einmal auch fotorealistisch gearbeitet. Was kaum vorstellbar ist.

Mit der Wirklichkeit, so wie sie sich in Fotomagazinen und Boulevardzeitungen abbildet, arbeitet Karin Halle. Und Wirklichkeit meint man denn auch zu erblicken, wenn man ihre Collagen und Wandobjekte von Ferne sieht. Was aber ist Wirklichkeit? Bei der 1966 in Bautzen geborenen Künstlerin und ebenfalls in Dresden ausgebildeten Künstlerin setzt sie sich letztlich aus tausend inkohärenten Schnipseln zusammen, die - zu kompakten Gebilden gefügt - mit Realität wenig zu tun haben. Sicher, hin und wieder lässt sich das eine oder andere Element dieser so geschickt und fast malerisch zusammengefügten Kompositionen identifizieren: ein Frauenbein, Augen, Steine, Brüste. Im Vorwort in ihrem Katalog jedoch, das sie sich selbst geschrieben hat, lobt Halle "den Spaß am Zwecklosen" und bestreitet, mit ihren Collagen "die Reiz- und Bildüberflutung" der heutigen Zeit kritisieren zu wollen. Beeindruckend jedenfalls ist, wie es ihr immer wieder gelingt, die "Balance zwischen zwischen Eindeutigkeit und Nichtfassen-Können" zu wahren. Und den Betrachter doch immerhin zwingt, das, was er sieht, an seiner eigenen Wirklichkeit zu überprüfen. Wenngleich er dabei nur scheitern kann.

Auch Fee Vogler, die jüngste der Ausstellenden, bietet dem Betrachter Möglichkeiten zur Realitätserfahrung an. 1978 in Zittau geboren und Meisterschülerin von Professor Peter Bömmels in Dresden, zeigt sie sich als großes zeichnerisches Talent, das den Krieg der Geschlechter und das manchmal sehr gewalttätige Verstricktsein von Mann und Frau gerne und virtuos auf Steuererklärungsformularen ausbreitet. Tatsache aber ist, dass sich gerade bei ihr auch noch andere grafische Abenteuer zeigen, die die Blicke verwirren. Auf dickwandigen Glastafeln - den recycelten Scheiben von Zugfenstern aus den Zeiten, als man sie noch öffnen konnte - spielt sie in harten Schwarz-Weiß-Kontrasten mit der Ästhetik des Papier- oder Silhouettenschnitts. Wird dabei bisweilen plastisch, sofern man den Ansatz gefunden hat, die Arbeit optisch zu entschlüsseln. Oder bleibt in der Fläche und in der Bildsprache der Comics. Wobei man auch hier die Intimität von Mann und Frau nur "lesen" kann, wenn man den Kopf schräglegt.
 





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Karin Halle
Karin Halle: "Victory" (2006) Collage, 29 x 22 cm
Tobias Stengel
Tobias Stengel: "Edenkoben" (2007) Zeichnung