/ Galerie Altes Rathaus Wörth
Anne-Marie Sprenger und Anne Janoschka: "Grenzbereiche"
Collagen, Malerei, Monotypien
19.11.04 bis 19.12.04
Anne-Marie Sprenger
Anne-Marie Sprenger: "Durchgänge", 2002

Einführung von Dr. Matthias Brück

Es ist schon etwas Besonderes, wenn sich zwei Künstlerinnen entschließen, ein gemeinsames Projekt durchzuführen, ohne daß dabei die eine die andere dominiert. So haben Anne Janoschka und Anne-Marie Sprenger über lange Zeit hinweg auf ihr Thema "Grenzbereiche" hingearbeitet, sich durch gegenseitige Atelierbesuche inspirieren lassen und ihre Freundschaft, ihr künstlerisches Vermögen zu einem Prozess gebündelt, der eigentlich nie zum Stillstand gekommen ist…

Auch heute in der Ausstellung nicht, wie Sie sicher schon bemerkt haben. Denn "Grenzbereiche" dokumentieren sich hier nicht als abgeschlossene Sektoren menschlicher Existenz, vielmehr als Orte des Überschreitens, der Möglichkeiten wie der Ahnungen des Unbekannten, oft Unsagbaren.

Das wäre nun fast schon eine Anleitung zum persönlichen wie politischen Handeln. Doch der Begriff "Grenzbereiche" erstreckt sich bei diesen Künstlerinnen erst einmal auch auf formale, technische Erprobung. Da geht es um ein Ausloten von Materialien und ihrer Anwendung wie Tauglichkeit. Stoffbahnen, Plexiglas, Kissen wie Malerei oder Kissen werden plötzlich zu verblüffenden Inhaltsträgern. Sie verlieren die einstige Funktionsbestimmtheit, können Assoziationen wecken - und das in die verschiedensten Richtungen.

Ein wenig könnte man als Betrachter der heutigen Ausstellung vom Heiligen Augustinus lernen, der einst forderte: "Überwinde Dich selbst, dann ist die Welt überwunden". Denn das Sehen, das Begreifen der jeweiligen Exponate hängt entscheidend davon ab, wie weit man bereit ist, seine Vorverständnisse, die ach so oft zitierten Sehgewohnheiten, einer offenen, vorurteilsfreien Wahrnehmung zu opfern… Mit anderen Worten: den eigenen Grenzbereich nicht zum Gefängnis für Erkenntnis- für Erfahrungsmöglichkeiten werden zu lassen.

Nun denn: bei fast jeder Begegnung mit den Arbeiten von Anne Janoschka scheint man vor einem Geheimnis, einer latenten Rätselhaftigkeit zu stehen.
Durch eine subtile Kombination von Malerei und Monotypie-Verfahren entstehen durch verschiedenste, übereinandergelagerte Schichten hautartige Oberflächen mit feinsten, z.T. verwirrenden Strukturen. Faszinierend gelingt es dieser Künstlerin nun, diese Oberflächen regelrecht zum Atmen zu bringen, sie in eine dialektische Spannung von Verbergen und Enthüllen zu versetzen.

Man glaubt, in das Innere analytisch eindringen zu können, muß jedoch feststellen, daß einem das Wesentliche, der Kern stets vorbehalten bleibt, indes die Formen und Strukturen auf den kissenähnlichen Exponaten auch den Abdruck erlebter Träume wie Erinnerungen suggerieren dürften. Doch auf einer nicht-analytischen Ebene sucht der Betrachter unwillkürlich weiter: der ästhetisch-rätselhafte Köder ist gelegt.

Geradewegs beispielhaft scheinen das die "Zwei Kissen" zu verkörpern. Ein schwarzer, lichtloser, mundähnlicher Spalt fordert regelrecht das suchende Eindringen in den verborgenen Innenraum. Doch dieser Grenzbereich lässt sich mit Mitteln der üblichen Wahrnehmung kaum überwinden. Es bleibt das herausfordernde Geheimnis!

Riskieren Sie einmal einen Blick in den Spiegel am Boden im anderen Raum. Das Abbild der roten und schwarzen Vorhänge in der Gesamt-Präsentation "Installation Leben" - symbolisch für Freude und Liebe wie für Leid und Tod - enthüllt Ihnen gewissermaßen eine sakral akzentuierte Grundkonstante im Werk von Anne-Marie Sprenger: ich meine den Ausgang vom Endlichen ins Unendliche. Das Überschreiten der sichtbaren, erfahrbaren Welt hin ins Numinos-Transzendente.

Grundsituationen - oft in farbsymbolischer Aneignung erhellt - die weniger das einzelne Schicksal thematisieren, vielmehr die Spannung der genannten Gegensätze abstrakt-umgreifend als unendlichen Prozess vortragen. Nur im Turm aus Plexiglas scheinen teilverschlüsselte Aufzeichnungen gespeichert zu sein, die jeder von Ihnen wie eine Schriftrolle öffnen darf…Chiffren unserer Existenz.

Nichts ist abgeschlossen - so vermitteln es die Objektkästen, die diese Künstlerin schlicht "Durchgangs-Stationen" nennt. Denn der zuerst blockiert-begrenzt scheinende Ein-Blick trifft unmittelbar auf eine offene Sphäre, die eben in ihrer Weite und Unbestimmtheit ein Weitergehen, ein mögliches Durchschreiten offeriert.

Grenzen, Grenzbereiche - und das könnte für beide Künstlerinnen gelten - sind letztlich selbstverschuldete Blockaden. Zu ihrer Überwindung dürfen künstlerische Mittel - wie diese beiden "Grenzgängerinnen" es zeigen, - zumindest sinnvolle Möglichkeiten eröffnen.

Links:
Sprenger Anne-Marie (Rubrik KÜNSTLER)  |  Janoschka Anne (Rubrik KÜNSTLER)
Anne Janoschka
Anne Janoschka: "Dahinter", 2003



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Anne-Marie Sprenger
Anne-Marie Sprenger: "Durchgänge", 2002
Anne Janoschka
Anne Janoschka: "Dahinter", 2003