Vertraut man einem alten buddhistischen Lehrsatz, dann folgt auf das Werten und Vergleichen stets als Resultat Missgunst und Ungerechtigkeit. Deshalb möchte ich auch nur als "verschämte Fußnote" anmerken, dass Artur Bozem nicht selten als Nachfahre des deutschen Informel bezeichnet wurde und man ihm einen gewissen Einfluss Emil Schuhmachers auf seinen eigenen Malduktus attestiert hat.
Gewiss scheint auch er - auf den ersten Blick - seine Farben eigenwertig vorzutragen, lässt sie gewissermaßen für sich selbst sprechen, ohne sie als illustratives Beiwerk zu missbrauchen. Er gewährt ihnen Eindringlichkeit und lässt sie zumeist den gesamten Bildraum beherrschen. Doch über diese Farbmächtigkeit hinaus demonstrieren seine Mischtechniken aus Acryl, Beize, Lösungsmittel, Graphit und Ölkreide auf Leinwand eine unglaubliche Verzahnung und Verschränkung von Formen.
Objektartige Formationen, die in einer Art von vager, assoziativer Gegenständlichkeit dem Wunsch der Betrachter nach Erkennen beziehungsweise Wiedererkennen entgegenkommen mögen, verwehren doch immer wieder - wie schroffe Barrieren - den gesicherten, verlässlichen Einblick. Gerade bei dem Exponat "Demontage II", einer Erinnerung an die zerstörende Sanierung eines Hüttenwerkes, zeigt sich die geballte, anonyme Macht des Destruktiven - und doch zugleich die Chance eines Neubeginns.
Oder die "Mitteilungen" im Raum nebenan: sie chiffrieren auf eigene Weise das Problem der Kommunikation. Liegt doch zwischen Sender und Empfänger eine selten beeinflussbare Schaltstelle, ein Knotenpunkt, der über Wahrnehmung und Verstehen entscheidet. Nicht nur ein Eingriff durch entsprechende Techniken, sondern zugleich eine herbe Warnung vor ideologischer Filtrierung durch Medien und Politik! Eindrucksvolle Beispiele für das Werk eines Künstlers, der häufig unterschwellig zu einem indirekten Protest "aufmalt" und dessen gesamtes Werk man getrost als Gegenpol zu einer grassierenden ästhetischen Belanglosigkeit und Schleiflack-Kultur interpretieren darf.
Sie können es regelrecht nachempfinden, wie positiv widerständig und entschieden Artur Bozem sich darüber hinaus mit seiner bewegt-bewegenden Spontaneität allem Statischen, Abgeschlossen-Scheinenden entgegenstellt.
Und somit stellt sich für den Betrachter stets aufs Neue die Frage nach der Zielgerichtetheit dieses Prozesses. Es ist - man darf es vermuten - auch die ewige Frage nach dem "Dahinter". Exponate wie "Anderswelt" könnten das bestätigen, könnten - über das Bestehende, über die so genannte Wirklichkeit hinaus - offene Verweise in ein noch Unbegriffenes, in ein Jenseitiges sein. Oder aber: dieser Prozess führt zurück. Führt in ein Reich von "Mystischen Zeichen", ins "Land der Tuareg" oder andere geheimnisvolle Sphären.
Gerade für diese Thesen scheinen ja die Holzschnitte auf Büttenpapier besonders Zeugnis abzulegen. Spiegeln sie doch unter anderem vergangene Zeiten und Praktiken, in denen die Welt noch vom jeweiligen Götterglauben wie vom Opfern als Gottesdienst bestimmt wurde. In dieser Serie "Sprechende Steine" weicht die geradezu evolutionäre Farblichkeit. Ihre Vehemenz geht in einer stillen Unergründlichkeit auf, weite Flächen und breit angelegte Konturen zeugen von einer unaufgeregten, ja abgeklärten archäologisch akzentuierten Spurensuche. Manches bleibt Chiffre und Ahnung. Nur bisweilen entbergen sich Formen von Kultstätten, Altären oder Opfersteinen, die auch an einstige Abhängigkeit, Grausamkeit wie Unmenschlichkeiten erinnern.
Und beinahe könnte man dabei vergessen, dass wir in unserer Gegenwart diese beschämenden Errungenschaften sogar noch perfektioniert haben dürften. Das liegt dann schlicht an der faszinierenden Führung, ja Verführung eines Künstlers, der es unter anderem faszinierend versteht, historischen Mythos und einstige Lebensformen ans Licht zu holen und nicht selten deren "Wiedergeburt" anzudeuten.
Zuletzt eine Bitte: So sehr ich den eingangs erwähnten Buddhismus als Weltanschauung schätze, vergessen Sie heute eine seiner wichtigsten Forderungen, die so genannte Besitzlosigkeit: denn die Exponate von Artur Bozem sind selbstverständlich käuflich zu erwerben...
Poesie und Ausdruck in jeglicher Größe
Besprechung von Gabriele Weingartner, Die Rheinpfalz vom 30.01.07
Sanft an die Hand genommen und fast willenlos zurückgeführt in die Klassische Moderne wird man beim Betrachten der Arbeiten von Artur Bozem. Die Mischtechniken und Holzschnitte des 1952 in Neuwied geborenen, in Rosenkopf bei Andernach lebenden und 2003 mit dem "Kaiser-Lothar-Preis" der Europäischen Vereinigung Bildender Künstler ausgezeichneten Malers sind derzeit in der Galerie Altes Rathaus in Wörth zu entdecken.
Matthias Brück machte in seiner Laudatio darauf aufmerksam: Bozems Farbigkeit und sein Malduktus erinnern an Emil Schumacher, den großen Informellen, dessen graffitihafte Zeichensprache und braunschwarzen, gelbweißen Töne in jeglichem Format und fast jeder Technik jahrzehntelang und posthum natürlich auch noch heute ihre Bewunderer fanden. Auch Bozem ist nicht an Formate oder Techniken gebunden: seine großformatigen Bilder scheinen das gleiche Formen- und Farbenvokabular zu reflektieren und repetieren wie die Holzschnitte auf Büttenpapier. Die darin liegende - freilich ganz still daherkommende - Sensation ist jedoch auch hier, dass die "Rechnung" aufgeht: Die Ausdruckskraft des Künstlers funktioniert in jeglicher Größe, hier wie da verstellen grafische Anmutungen den Blick, simulieren eine pastose Farbgebung und die raffinierte Einarbeitung von Papieren eine fulminante Tiefenwirkung.
Informellen Arbeiten Poesie zu bescheinigen, ist für den Ausstellungsbesucher wohlfeil, eine sozusagen leichte Übung. In der Tat aber darf Artur Bozem dieses Etikett ganz ohne Hintergedanken für sich in Anspruch nehmen. Gleichgültig nämlich, ob er auf dem Gemälde "Behältnisse" das Innere mit dem Äußeren in einen spannenden malerischen Diskurs versetzt, bei "Verhakt I und II" in der Tat Chiffren "aufeinanderhetzt" und sie miteinander in Clinch geraten lässt oder in der Holzschnitt-Serie "Sprechende Steine" archaisch-kultische Sachverhalte thematisiert: es obsiegt stets eine Mehrdeutigkeit, die sich der prosaischen Sprache entzieht.
Und trotzdem weiß man, was der Künstler - vorsichtig ausgesprochen - meinen könnte. So ziehen beim Betrachten der Mischtechnik "Land der Tuareg" vor dem inneren Auge Wüstenlandschaften auf. Auch wenn man sie vielleicht nur im Fernsehen gesehen hat.