Stadt Landau in der Pfalz / St├Ądtische Galerie Villa Streccius
 
Asmus Petersen: "Nachtgefechte - Champs de bataille et de l'amour"
Malerei und Grafik
17.03.05 bis 01.05.05

Asmus Petersen, 1928 in Hannover geboren, ist seit eh und je ein Solitär in der Kunstszene gewesen. Seine Ausstellung in der Städtischen Galerie Villa Streccius in Landau dokumentiert das auf vielschichtige Weise: Unter dem fast verstörend wirkenden Titel "Nachtgefechte - Champs des batailles et de l'amour" zeigt er einmal seine international bekannten Schlachtenbilder. Zumeist Seeschlachten, aber auch Schlachten zu Land - quer durch die Epochen zurück zu den Punischen Kriegen, dem "Untergang der Bismarck" oder der Seeschlacht von Midway - notiert er geradezu in kriegstagebuchartiger Nüchternheit. Petersen reduziert seine Gefechtsszenen beinahe kartographisch-konstruktivistisch auf eine Zeichensprache aus (Angriffs-) Pfeilen, (Gefechts-) Linien wie einer exakten Zeitangabe.

Zuerst erscheinen diese Exponate als völlige Abstraktionen, als Konfigurationen von ästhetischen Reiz. Doch dann werden sie unaufhaltsam für den Betrachter zu einer sich entfaltenden "Choreographie des Untergangs", des Schreckens - und enthält somit für uns "Lebende die Aufforderung: memento mori". (Lida von Mengden)

Zugleich erhellt die Ausstellung das Ineinandergreifen dieser bildnerischen Ideen mit dem literarisch-satirischen Werk. Denn Asmus Petersen veröffentlichte bei den Zeitschriften "Transatlantik" wie "Kursbuch", schrieb Bücher, Tagebücher und Theatertexte. Gerade dadurch wird die Ausstellung "Champs des batailles et de l'amour" (Schlacht- und Liebefelder) auf eine übergreifende Weise zur ironisch-hintergründigen Interpretation des Lebens schlechthin.


Biografie:

Am 13.04.1928 in Hannover geboren
Studium der Wirtschaftswissenschaften in Hamburg und Bonn, Promotion
Mitte der 60er Jahre Beginn bildnerischer und literarischer Arbeiten
1976 Gastatelier in der Villa Romana, Florenz
1982 Kunstpreis des Landes Niedersachsen für Bildende Kunst
1983 Arbeitsstipendium der Villa Massimo, Rom, in Olevano Romano
1998, 1999, 2001 Fellowship Internat. Writers' and Translators' Centre of Rhodes, Rhodos
Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland
Veröffentlichungen von Prosa und Lyrik


Einführung von Dr. Matthias Brück

Was hat die Skagerrak-Schlacht mit Romeo und Julia zu tun? Zumindest eines: beide endeten tödlich, nur die Dimensionen waren verschieden. Wie lassen sich die Seeschlacht bei den Marianen 1944 mit einem Zitat von Gottfried Benn, "Nimm das Rouge von deinem Munde, gib ihn mir blaß", verknüpfen? Sind die Champs de l'amour vielleicht ein Trost, eine Hoffnung angesichts der nie enden wollenden Schlachtfelder?

Ist die Konfrontation von Gewalt und Sterben einerseits und dem Sehnen, Sich-Verlieren an einen anderen Menschen Zeichen eines Pendelschwungs menschlicher Existenz; einmal so, einmal anders? Oder wird in dieser Ausstellung von Asmus Petersen ein Sieg der Liebe über das Schlachten gefeiert? Schließlich künden ja die Fahnen draußen: "ich liebe dich!" Doch möglicherweise könnte man den Satz ja auch als resignierendes Trotzdem deuten; nicht als heroisches à la Heidegger. Denn oft genug entstand aus Liebe bekanntlich Haß und Tod.Diese Ausstellung birgt mehr an Inhalt, Problemen und Fragen als man beim einmaligen Betrachten erfassen oder gar lösen könnte. Deshalb sind die Exponate ja auch verkäuflich...

Wenn Sie die Schlachtenmaler der Kunstgeschichte Revue passieren lassen, wenn Sie sich an deutsche Marine-Maler wie Claus Bergen oder Willy Stöver erinnern, dann sehen Sie dramatische Gefechte in aufgewühlter See vor sich, meinen den Geschützdonner oder das Auseinanderbrechen des Rumpfes zu hören. Nichts von alledem erleben Sie bei Asmus Petersen! Eine weite, zum Teil monochrome Fläche, meeresgrau-blau dann wieder wie in einer Tarnfarbe gehalten, suggeriert eine beklemmende, endlose Stille. Wären da nicht diese präzise gesetzten Zeichen: Pfeile an der Spitze von gezackt verlaufenden Linien, Kurven - parallele Kurse einer Gefechtsszene, die plötzlich irgendwo enden.

Dann unten der Vermerk:
Untergang der "Kaga", "Akagi" und "Soryu" nach Angriff der Sturzkampfbomber. 4.6.1942, 10.24 Uhr - 5.6., 4.56 Uhr

Nüchtern dokumentiert, erinnern diese Exponate fast an die amerikanische, virtuelle Monitor-Kriegsberichterstattung während der Golfkriege... Doch bei Asmus Petersen packt den Betrachter - pointiert ausgedrückt - ein lähmendes Entsetzen. Denn die im Stil einer Digital-Anzeige vermerkte Zeit verweist auf reale Leben, die in diesen auf ein Zeichen-System reduzierten Bildern von Seeschlachten, selbst zum Zeichen werden können - für Erinnerung und Mahnung. Und wer sich mit den Katalogen dieses Künstlers vertraut macht, findet zu jedem Bild minutiöse Berichte von Überlebenden, taktische Kommandos vor oder während des Gefechtes.

"Ach machen Sie, was Sie wollen!" Zitat Kapitän Lindemann, Kommandant der "Bismarck" nach dem Torpedotreffer in die Ruderanlage auf die telephonische Anfrage seines Turbinen-Offiziers, "Halbe Kraft voraus schalten zu dürfen, weil die Turbinen nach den hektischen Versuchen, mit den Schrauben zu steuern, sonst heißlaufen würden". 27.5.1942, 7.53 Uhr. Das absolute Chaos in einem Satz.

Dann prallen regelrecht erschütternde, persönliche Aussagen mit der ästhetischen Anonymität des Untergangs zusammen - zünden eine existetielle Betroffenheit beim Betrachter, die kaum mehr zu steigern sein dürfte.

Zitat: "Der Horizont schien wegzukippen. Es sah aus, als ob die dunklen Wellen nach uns greifen würden, als das getroffene Schiff die unglaubliche Schlagseite von 80 Grad einnahm. Yoshida hörte den Knall, das Brechen und Bersten der Schotten, die dem Druck der eingeschlossenen Luft und den Detonationen explodierender Magazine, die bereits überflutet waren, nachgaben". Er war einer von nur 269 Überlebenden der 2767 Mann starken Besatzung.

Skagerrak, Midway, El Alamein oder Golfkrieg ... "Champs de bateille". Wer nun etwas zynisch veranlagt wäre, fände den Weg von den "Schlachtfeldern" auf die "Felder der Liebe" relativ leicht über die Sprache: bedient man sich dort doch häufig auch eines kriegerischen Vokabulars: spricht man doch von Erobern, Kapitulieren, Aufgeben oder Verrat auch auf diesem Terrain.

In der Werkgruppe "Malerei und Dichtung" werden Sie diese Bezüge kaum so finden. Dafür Zitate von Celan, Benn, Rilke oder Baudelaire, die mit kalligraphisch gesetzten japanischen oder chinesischen Schriftzeichen korrespondieren, von ihnen jedoch nicht nur illustriert werden sollen.

Zärtliche Beteuerungen, leidenschaftliche Schwüre wie erotische Anspielungen versetzen diese Exponate häufig in den seltsamen Schwebezustand eines Vielleicht, eines Noch-Nicht oder eines fulminanten Pathos: "Goldstaub auf Deinen Gliedern" wird einmal Heinrich Mann zitiert. Falls dann beispielsweise aus Celans Gedicht "Nachts, wenn das Pendel schwingt" das handschriftlich gefaßte Fragment "aus fernem, traumgeschwärztem Hain" erscheint und von dem chinesischen Kanji für "Niwana" ästhetisch begleitet wird, dann dürften sich für den Betrachter einsichtige, umgreifende Interpretations-Bezüge ergeben. Wenn allerdings Gottfried Benns Bekenntnis "Meine Liebe weiß nur wenig Worte. Es ist so schön an Deinem Blut", mit dem chinesischen Zeichen für "Ein wahrer Mensch" konfrontiert wird, dann möchte man schon ins Grübeln kommen.

Das war lediglich ein kleiner Hinweis auf die Fallstricke, die Ihnen in diesem Werkteil begegnen können. Fallstricke, die jedoch - sei es ironisch oder verschlüsselt - weiterführen, gerade wenn sie verunsichern! Neugierig machen, da Asmus Petersen alles bietet, nur keine eindimensionalen, dogmatischen Erlärungen. So werden Sie auch den Menschen auf den Schlacht- wie auf den Liebesfeldern immer nur als indirekt anwesend erfahren. Und schon gar nicht als Produkt eines kanonisierten Menschenbildes. Stellvertretend durch Zeichen und Texte gespiegelt, in einer endlos dramatischen Geschichte von Liebe und Tod! Vertrauen Sie deshalb den realen wie den poetischen Liebesschwüren nicht bedenkenlos. Nur allzu leicht könnten sie sich als Aufmarsch eines "Nachtgefechtes" entpuppen.




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Asmus Petersen
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