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Cesare Marcotto: "Geometrie des Wassers"
Malerei
06.11.11 bis 22.12.11

Vernissage am 06.11.11 um 11.00 Uhr
Begrüßung: Doris Schneider
Einführung: Thomas Angelou, Kunsthistoriker und Cesare Marcotto (über seine Arbeit)
Musik: Dominik Kontek, klassische Gitarre

Einführung von Thomas Angelou

Ich freue mich wieder einmal hier in Rheinzabern in der Galerie "artelier21" die Laudatio für den Künstler Cesare Marcotto halten zu dürfen. Schon der Titel dieser Ausstellung macht neugierig. "Geometrie des Wassers". Was sich dahinter wohl verbergen mag!?
Sofort werden vielleicht bei dem einen oder anderen Gedanken an die Schulzeit und so manche Mathematikstunde wieder wach. Wasser und Geometrie wie ist dies wohl zu verstehen? Um hierauf eine Antwort zu finden machte ich mich an einem Samstag hierher auf den Weg, um den Künstler Cesare Marcotto zu einem kleinen Gespräch hier in der Galerie "artelier21" zu treffen.

Der in Verona geborene und international bekannte Künstler erwartet mich an diesem Vormittag. Normalerweise herrscht ja bekanntlich an den Tagen vor der Ausstellungseröffnung meistens hektische Betriebsamkeit. Doch anders an diesem Vormittag. Als ich eintrat erwartete mich kein, wie heißt es doch so schön künstlerisches Chaos, sondern eine stimmungsvolle Atmosphäre erfüllte den Raum. Arbeiten lagen wohl geordnet auf dem Boden und warteten darauf, dass man ihnen ihren Platz zuwies. Alles erschien nahezu wie eine Bühne. Cesare Marcottos Arbeiten erinnern an eine wohldurchdachte Inszenierung, eine Bühne auf der die Akteure nur noch auf das OK des Intendanten warten, um danach in Aktion zu treten. Das Interesse des Künstlers für Theater- und Bühnengestaltung führt ihn dann auch zum Studium an das Institut für Orientalische Kultur und Bühnengestaltung in Bergamo.

Wir sitzen auf einem Barhocker und kommen so langsam miteinander ins Gespräch. Cesare Marcottos Geburtsstadt Verona, ein Synonym für Musik allerhöchster Qualität und die schönen Künste, spiegeln sich in dem Wesen des Künstlers, so mein Eindruck, wieder. Cesare Marcotto sitzt ruhig und besonnen auf dem Barhocker, umgeben von Gemälden, die es zu entdecken gilt und wir beginnen unser Gespräch, doch zuvor noch schnell ein Schokoladenkeks, dem ich nicht widerstehen konnte. Nun war ich gestärkt und bereit, um mich auf das Wagnis dieser Ausstellung mit dem schon zuvor so erwähnten verheißungsvollen Titel einzulassen.

Nun kam bei mir natürlich sofort die Frage auf, ob den der Begriff der Geometrie im klassischen Sinne zu verstehen sei, denn auf den ersten Blick lassen sich Gemälde entdecken, deren Inhaltlichkeit eine behutsame Annäherung von Seiten der Betrachter erfordert. Cesare Marcotto sagte mir, dass die Mathematik auf jeden Fall in seinen Arbeiten da sei, nicht jedoch unbedingt rationell. Wie er selbst sind und sollen seine Gemälde ausgewogen sein. Darin sieht der Künstler für sich ein Ziel. Ein Ziel welches er mit seiner ganz eigenen, individuellen und für Ihn mittlerweile so charakteristischen Handschrift immer wieder aufs Neue in seinen Werken, sowohl in seiner Malerei als auch in seinen Plastiken anstrebt. So sieht der Künstler in der mathematischen Stellung der Geometrie, die einfachste überhaupt. Bei dem Begriff Geometrie assoziieren wir, ausgewogene Liniensysteme, Dreiecke, Rechtecke und Quadrate. Alles nach einem durchdachten, geplanten und beweisbaren Schema.

Nach der Auffassung von Cesare Marcotto kann Geometrie auch ungeregelt und vor allem unberechenbar sein. So sollen seine Arbeiten die Betrachter dazu inspirieren, von dem eigentlichen festgefügten Gedanken der Geometrie sich loszulösen. Mit Sicherheit kein einfaches Vorhaben, sich von einem im Innern fest verankerten Definitionsbegriff und Gedankenbild zu befreien. In unserem Gespräch kristallisiert sich nach und nach immer mehr und mehr heraus, wie komplex der Künstler doch seine Interpretation seiner Arbeiten definiert. So bedeutet Geometrie in den Arbeiten von Cesare Marcotto, nicht Geometrie in der einfachsten Form, sondern dies heißt auch Raumverständnis und auch der dreidimensionale Raum spielen in den Arbeiten des Künstlers eine wichtige Rolle.

Es begegnen uns hier und heute keine Werke, welche den Beginn ihres Daseins auf einer Staffelei begonnen haben. Cesare Marcotto arbeitet auf dem Boden und setzt hierbei die sogenannte Schütttechnik ein. Ein Teil seiner Arbeiten sind sowohl geschüttet, als auch mit dem Pinsel von ihm bearbeitet. Scheinen auch die Werke auf den ersten Blick konstruiert zu wirken, so verbirgt sich hinter Ihnen oder besser noch in ihnen eine ganz eigene Welt, welche es zu erforschen und zu entdecken gilt. Cesare Marcotto, der als Bildhauer in den frühen 80er Jahren seine Tätigkeit an den großen Opernhäusern wie der Arena in Verona oder der Scala in Mailand, der Oper in Paris und Brüssel, sowie dem Opernhaus Teatro Regio in Parma begonnen hat, lässt diese erlebten musikalischen Impressionen in seinen Arbeiten wieder lebendig werden.

Es sind bewusste Mitteilungen, welche der Künstler hier von A nach B transformiert. Weiter sind es die Gedanken, welche der Künstler in gebündelter Form als bewusste Mitteilung nach außen in Erscheinung treten lässt. Eine bewusste Mitteilung, welche erkennen lässt, dass es sich hier um Bildinhalte handelt, welche als Gefühl aus verschiedenen Richtungen in Erscheinung treten. Somit ist die innere wie auch die äußere Balance entscheidend, um ein künstlerisches Gleichgewicht zu finden. Liegen die Voraussetzungen laut Cesare Marcotto nicht vor, sieht er seine Rolle als Künstler nicht erfüllt. Es sind Erdfarben, deren Grundlage gemahlene Steine und Oxide bilden, mit denen der Künstler generell arbeitet. Es handelt sich um Farben, welche auch von der Freskomalerei her bekannt sind. Bei dem Fresko werden Farben auf den noch feuchten Untergrund aufgetragen, mit dem sie sich dann dauerhaft vermischen.

Die hier gezeigten Arbeiten, welche in den Jahren zwischen 2004 und 2011 entstanden sind, lassen ebenfalls erkennen, wie er Künstler bestimmte Themen für sich entdeckt und interpretiert, Bei eines dieser Themen handelt es sich um die Mauer. Auch hier ist bei uns, genau wie bei der Geometrie eine ganz bestimmte Assoziation damit verbunden. Die Mauer als Wand, als Abgrenzung. So beginnt die eigentliche Bezugnahme des Menschen zur Malerei damit, dass er beginnt schon zu Zeiten der Felsen- und Höhlenmalereien von Lascaux in Frankreich, diese auf das Einfachste reduzierten linearen Gebilde, für sich zu deuten. So kann aber auch die Mauer bei Cesare Marcotto als ein Symbol für den Tod zu deuten sein, aber auch Schutz und Verdrängung können sich dahinter verbergen.

Die Bildwelten des Künstlers zu interpretieren werden von ihm gegenüber seinen Betrachtern bewusst gewünscht, denn wenn man nicht interpretiert entsteht im Innern eine Verdrängung. Die Wand als Schutz kann aber auch beginnen zu erdrücken und so bleibt es letztendlich dem Betrachter der Werke selbst überlassen, wie er damit umgeht, dieses Thema für sich zu interpretieren. Jeder bringt schließlich andere Erlebnis- und Erfahrungswerte zu ein und demselben Thema mit und genau das ist es dann, welches den Künstler mit einer gewissen Zufriedenheit erfüllt, da zehn Betrachter vor dem gleichen Gemälde zehn ganz unterschiedliche Erfahrungsebenen mitbringen. Die Wand vielleicht auch nur ein Ziegelstein, ein Modul, ein ganz simples Mauerstück von einem großen Ganzen!? Fühlt man sich doch bei dem Anblick der Gemälde von Cesare Marcotto wie an ein geöffnetes Fenster erinnert, durch welches man hinaus- bzw. hineinschauen kann.

Alle Arbeiten tragen Titel in denen ersichtlich wird, was den Künstler beschäftigt. Das Kunstwerk generell stellt ein ganz intimes Moment des Künstlers dar, welches dieser durch die Umsetzung in ein bzw. sein Kunstwerk den Betrachtern gegenüber offenbart. Dennoch handelt es sich um ein Moment, welches jedoch ganz allein nur der oder die nachempfinden kann, welcher es geschaffen hat. Der Betrachter selbst ist in diesem Fall lediglich in der Lage, sich annäherungsweise in dieses hineinzuversetzen. Das eigentliche emotionale Entstehungsmoment nachzuempfinden, bleibt einzig und allein dem Künstler vorbehalten. Das Kunstwerk als ein privates Moment, wo man uns bewusst, jedoch allerdings nur bis zu einem gewissen Grad, an der Gedankenwelt des Künstlers teilhaben lässt. Somit erfährt man an über die Arbeiten von Cesare Marcotto nicht nur über den Künstler selbst etwas, sondern die Betrachter können dadurch, wohlgemerkt wenn sie sich auf dieses Abenteuer einlassen, ein ganz neues Stück von sich selbst dabei entdecken und erfahren. Sequenzen und Geschichten beginnen dabei zu entstehen, sowie ein ganz neues Zeitgefühl beginnt sich zu entwickeln.

Cesare Marcotto definiert den Begriff der Malerei für sich wie folgt: "Malerei setzt die Verbindung zwischen verschiedenen Zeiten und Momenten voraus und bildet dadurch eine Einheit in sich." Auch die von dem Künstler verwendete Farbpalette, stellt eine individuell durchdachte und geplante Farbkomposition dar. Wie geht Cesare Marcotto vor, um seine Kunstwerke entstehen zu lassen?
Am Anfang sind da viele Gedanken und Gefühle, welche den Entstehungsprozess in Gang bringen. Ist dies erst einmal geschehen, so spielt das bewusste Denken keine entscheidende Rolle mehr. Nur das reine Gefühl beherrscht von nun an den weiteren Entwicklungsprozess. Die Farbe wird somit nicht nur in einem handwerklichen Vorgang auf einen Bildträger aufgetragen, sondern sie wird und soll von Seiten der Wahrnehmung des Betrachters her nur noch gefühlt werden. Die Mauer bzw. das Mauerstück und das Wasser zusammen bilden somit die Geometrie des Wassers. Die Mathematik ist immer da, soll aber auch dazu beitragen, dass es sich um ein ausgewogenes Gemälde handelt.

Daneben gibt es noch die Skulpturen des Cesare Marcotto. Verschiedenste Materialien, wie Bronze, Keramik Beton und Holz werden meisterlich zu einer harmonischen Einheit zusammengefügt. Es sind Themen aus der Mythologie die den Künstler faszinieren und so begegnen uns Titel wie "Orpheus", "Die Zeit" oder aber auch "Pan".
Auch hier muss sich Cesare Marcotto mit dem Kunstwerk und dessen Inhalt bewusst befassen. Es handelt sich hierbei um keinen Standartprozess und der Künstler arbeitet wie er selbst sagt nicht rational. Die Ratio, die Vernunft oder den Verstand haben schon einmal in der Entwicklung der Kunst Künstler versucht gezielt auszuschalten. Zur Zeit des Surrealismus versuchte man Kunst auf einer ganz wertfreien Ebene entstehen zu lassen. Cesare Marcotto bezeichnet diese Arbeit als sogenannte "Gefühlsarbeit". Diese Gefühlsarbeit kann sich bei den plastischen Arbeiten über mehrere Monate erstrecken. Alleine für das Podest eines einzelnen Werkes setzt der Künstler einen Zeitrahmen von 2 bis 3 Monaten an und somit beträgt der komplette Arbeitsvorgang jeweils 8 bis 9 Monate.

Kunst als meditativer Vorgang, der das Werk Stück für Stück unter den Händen des Künstlers wachsen lässt. Dieses wird somit zu einem Teil seines er- und gelebten Lebens und in jedem von ihm geschaffenen Kunstwerk findet man diesen wieder. Die Arbeiten werden in der Technik des sogenannten Rakubrandes hergestellt:


Raku-Keramik

Raku (jap. rakuyaki) ist eine spezielle Brenntechnik keramischer Massen, die in Japan entwickelt wurde. Weiterhin können mit Raku sowohl die verwendeten Grundstoffe und Glasuren zur Herstellung der Raku-Keramik als der gesamte Fertigungsprozess bezeichnet werden.

Geschichte
Raku wurde während der Tensho-Ära (1573–1592) in Kyoto von dem vermutlich nicht-japanisch stämmigen Dachziegelmacher Chojiro unter der Leitung des Teezeremonie-Meisters Sen no Rikyu entwickelt. Chojiros Schüler Jokei stellte später die Dachziegel für Toyotomi Hideyoshis Palast Jurakudai her und bekam dadurch ein Siegel mit dem Schriftzeichen raku (dt. "Freude") verliehen, das dieser als Familiennamen annahm und damit der Töpferdynastie ihren Namen gab..

Technik
Das glasierte oder unglasierte Gefäß wird - entgegen dem herkömmlichen Verfahren Keramik zu brennen (langsames Abkühlen im geschlossenen Ofen) - wegen der starken Rauchentwicklung meist im Freien gebrannt. Bei diesem Niedrigbrand werden die rotglühenden Gefäße einzeln mit einer langen Zange bei Temperaturen um 1000° C dem Ofen entnommen und in einem Behälter mit organischem Brennstoff (Laub, Stroh, Heu etc.) luftdicht eingebettet. Raku-Keramik ist oft relativ dickwandig, damit sie bei diesem Wechsel vom Ofen zum Behälter nicht zu viel Hitze verliert. Der entstehende Rauch (Kohlenstoff), der Sauerstoffentzug sowie die im Laub enthaltenen Mineralien wirken stark auf den Tonscherben und die Glasurfarbe ein. Blatt- und Grasabdrücke verewigen sich manchmal in der noch weichen Glasur. Durch die stark reduzierende Atmosphäre wird der noch weichen Glasur Sauerstoff entzogen. Die chemische Zusammensetzung verändert sich teilweise, z.B. aus Kupferoxid (grün) wird Kupfer (rot), und die Glasurfarbe ändert sich. Kohlenstoff (schwarz) dringt durch Haarrisse (Krack) und lagert sich im Tonscherben ein. Der Brennverlauf lässt sich beim Raku nur bedingt steuern, sodass jedes Stück ein unnachahmliches Unikat ist.

Raku-Masse
Da die Gefäße durch die Brennweise kräftige Temperaturschocks unbeschadet überstehen müssen, ist die Raku-Masse meistens sehr grob und enthält einen hohen Anteil unplastischer Bestandteile, wie zum Beispiel Bims, Sand oder Schamotte. Viele Experimente und Versuche sind notwendig, geeignete schockresistente und auch plastische oder feine Tonmischungen zu erhalten. Zusätzlich wirken sich geringer Kalkgehalt und Zusätze von Talkum und Lithiumoxid positiv aus, was allerdings auch die Bildsamkeit beeinflussen kann.

Raku-Glasuren
Raku-Glasuren schmelzen zwischen 800 °C und 1000 °C (Niedrigbrand). Die Glasuroberfläche reißt beim Abkühlen, wodurch das typische Krakelee entsteht. Färbende Oxide sind meist Eisenoxid und Kupferoxid wegen der starken Farbveränderung. Auch Metallsalze werden verwendet. Somit handelt es sich auch um ein Zufallsprodukt, da ein Eingreifen und eine Einflussnahme auf das endgültige Ergebnis von Seiten des Künstlers nur bis zu einem gewissen Grad möglich ist.

Eine herausragende Arbeit unter den plastischen Objekten stellt "Ikarus" dar. Wir finden in ihr gleichzeitig etwas Figürliches und etwas Abstraktes. Eine Figur in zwei Sequenzen und Momenten. Sie öffnet sich und springt in die Luft. Eine offene und eine geschlossene Form und somit auch zwei Interpretationsmöglichkeiten. Die Schwerkraft scheint in und durch sie überlistet worden zu sein. Leichtes wird plötzlich schwer und Schweres leicht. Drei Jahre dauerte hierfür der Entwicklungsprozess. Auch hier beträgt die Auflage wie bei allen anderen Arbeiten 14 Stück.

Cesare Marcotto gelingt es meisterhaft die Wahrnehmungseigenschaften von Material zu entmaterialisieren. Der Künstler arbeitet mit der Kraft der Natur. Er hat kein Vorbild, an welches er sich mit seiner Kunst anlehnt. Lediglich die Alten Meister in Verbindung mit der Tradition bilden eine Grundlage für seine Arbeiten. Cesare Marcotto der aus der informellen Kunst kommt sagte mir und mit diesen Worten möchte ich schließen:

"Das Neue kann man nur umsetzen, wenn man das Alte kennt"


Öffnungszeiten:
Do. und Fr. von 15.00 bis 18.00 Uhr
Sa. von 11.00 bis 14.00 Uhr
oder nach Vereinbarung.



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