Stadt Speyer / Purrmann-Haus Speyer
Eberhard Spitzer: "Kulturkreise im Spannungsfeld der Globalisierung"
Malerei
09.03.06 bis 17.03.06
Eberhard Spitzer
Eberhard Spitzer: "Die Klagemauer"

Seit Jahren treibt den in Speyer allseits bekannten Künstler die Frage um, wie sich unsere Kultur und auch andere Kulturkreise in der Zeit der Globalisierung behaupten können.

Er macht es uns mit seinen Bildern nicht leicht. Verwendet er doch Motive, wie die Klagemauer in Jerusalem, als Zeichen für das Leiden und auch die Sehnsüchte des Judentums, ja der ganzen Menschheit. Auf den ersten Blick erscheinen die zerbrochenen Stühle in der Ausstellung wie Fremdkörper. Der Künstler will damit auf den Verlust an Heimat and Sicherheit verweisen, die mit der Globalisierung verbunden sind. Denken wir nur daran, wie bei uns durch das Aufkommen der ostasiatischen Großwirtschaften Arbeitsplätze verloren gehen z.B. in der Autoindustrie, die vor zehn Jahren noch als absolut sicher galten.

Wie bei der "Reise nach Jerusalem" erfährt mancher dabei schmerzvoll, dass "sein Stuhl", auf dem er gestern noch sicher saß, heute wegrationalisiert wurde. Doch die Angst soll nicht das letzte Wort haben. Spitzer postuliert einen "neuen Geist", der sich selbstbewusst den Schwierigkeiten stellt und nach neuen Wegen sucht.

Daneben Elemente der Pop-Art wie etwa die "Hamburger" als "Vertreter" der weltweiten Konsumformen. Er verbindet mit ihnen Symbole der drei großen Buchreligionen Judentum, Christentum and Islam. Unwillkürlich stellt sich da dem Betrachter die Frage, wie sich die Religionen unter den Bedingungen des globalisierten Konsums behaupten können.

Aktueller and bedrängender ist das Problem, wie diese Religionen sich selbst verändern müssen, um nicht einen weltweiten "Kampf der Kulturen" mit vernichtendem Ausgang für alle zu verursachen. Die Forderung nach Toleranz stellt Spitzer in der Globalisierung neu and drängender.

Wenn der Betrachter die Ausstellung verlässt, so begegnet er im Hof wieder der "Klagemauer" - eine Erinnerung an die Opfer, die mit dem Prozess der Globalisierung verbunden sind.


Besprechung von Beate Steigner-Kukatzki, Die Rheinpfalz vom 11.03.06

Gott als der erste Globalist

Eberhard Spitzer wagt eine Globalisierung. Ist es eine Idee, eine Illusion oder realistische Hoffnung? Mit seiner Ausstellung "Kulturkreise im Spannungsfeld der Globalisierung", die im Speyerer Purrmann-Haus zu sehen ist, appelliert der Künstler an die Toleranz.

Spitzer stellte immer schon den Menschen in den Mittelpunkt seiner künstlerischen Arbeit. Und nie isolierte er ihn von der gesamten Umwelt, insbesondere der Religion und der Natur. Als habe die aktuelle politisch-religiöse Entwicklung ihm neue Wut und Kraft gegeben, kämpft der Speyerer mit seiner Kunst gegen die drohende Entwicklung.

Plakativ wählt er den Hamburger als Symbol einer übergreifenden Sache und klatscht statt Fleisch Symbole der drei Weltreligionen dazwischen. Religion will er fühlbarer, essbarer machen - als lebensnotwendige Nahrung. Rohes Fleisch dagegen legt er zwischen zwei Zitronenhälften. "Südfruchtfleisch" nennt er die ernste Sache mit Humor. Für ihn ist der Hamburger die ideale Ausdrucksform, die dem Begriff einer Globalisierung am nächsten kommt. Spitzer glaubt sogar, eine fortschreitende Globalisierung könne den Nationalstaat überwinden.

"Broken chair" lautet der Titel halbierter Stühle. Assoziationen an "Die Reise nach Jerusalem" sind sofort parat. Auch das Sprichwort "Zwischen allen Stühlen sitzen" verdeutlicht des Künstlers Absicht. Wie zu all seinen Arbeiten erläuterte Spitzer seine Intentionen in einem Gespräch mit Dr. Adolf Leisen bei der Eröffnungsveranstaltung am Donnerstagabend. Die Reise nach Jerusalem sei somit nicht nur Symbol der Wanderung des jüdischen Volkes, sondern für alle suchenden Menschen.

In seinen Gemälden in Mischtechnik porträtiert Spitzer die arabische Frau, unscheinbar im Schatten. Den arabischen Mann zeigt er im Licht, mit glänzend weißem Hintergrund. Seine Gesichtszüge sind unklar, verinnerlicht. Als Einsamer und Isolierter steht er für alle Menschen in ähnlichen Situationen.

Zentrales Werk der Ausstellung ist die großformatige Arbeit "Die Klagemauer". Sie sei ein Versuch, Religionen zu globalisieren, sagt ihr Schöpfer. Sie stehe für alle, da Gott der erste Globalist sei, der die Welt erschaffen habe. Nur seine Stellvertreter auf Erden achteten peinlichst auf die Trennung ihrer Kulturhoheit. Zwischen monumentalen Steinen eingeschlossen schweben zarte Gestalten. Jeder kann sich in ihnen sehen. Spitzer geht noch einen Schritt weiter - in die Dreidimensionalität: Jeder kann, wie an der Klagemauer in Jerusalem, seine Wünsche, auf Zettel geschrieben, zum Kunstwerk hinzufügen.



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Eberhard Spitzer
Eberhard Spitzer: "Die Klagemauer"