Bereits der Deutsche Dichterfürst Friedrich Schiller, dessen 200. Todestages in diesem Jahr gedacht wird, hielt bei Kunstwerken die Aussage für wichtiger als dessen äußere Form. Diese überraschende Auffassung verleiht ihm aus heutiger Sicht den Rang eines Wegbereiters der modernen Kunst, einer Kunst, wie wir sie etwa heute hier im Rathaus von Bobenheim-Roxheim dargeboten finden.
Den Begrüßungsworten des Herrn Bürgermeisters sowie der Einladungskarte konnte bereits entnommen werden, dass uns mit Frederico Ernesto Santagata, dem gebürtigen Mailänder, ein Künstler von Rang die Ehre gibt. Schon als kleiner Junge träumte er davon, Kunst zu studieren. Das ließ sich frühzeitig in seine Erziehung einbauen; denn mit einem Bleistift und einem Blatt Papier konnte seine Mutter ihn jederzeit "ruhig stellen". Mit der Einschulung begann der kleine Frederico, sich für Wasserfarben-Malerei zu interessieren, und schon bald stellte er fest, dass das Aquarellieren wohl nicht seine Welt sei. Bereits in seiner Realschulzeit befasste er sich daher angelegentlich mit dem Einsatz von Ölfarben.
Schon sein erster künstlerischer Mentor war eine bedeutende Persönlichkeit: Onkel Antonio Giuseppe Santagata, seines Zeichens Kunstprofessor an der Universität zu Genua, lehrte ihn die Grundbegriffe des Malens. Auf Drängen seiner Eltern, "etwas Gescheites" zu studieren, schlug unser Künstler im Anschluss an die Schule eine völlig andere Richtung ein und promovierte schließlich in Biologie. Erst nach seinem Zweitstudium der Kunstgeschichte, das er in Mailand absolvierte, kam er intensiv zum Malen. Doch seine dynamische Wesensart führte ihn letztlich noch darüber hinaus: Was ihn schließlich in Bann schlug, war das Spielen mit Assoziationen und Materialien. Er selbst bezeichnet dies als "Malen ohne Malerei". 1984 trat er dann erstmals an die Öffentlichkeit, und zwar mit einer Präsentation in seiner Vaterstadt Mailand.
Vor nunmehr zehn Jahren verlangte es Herrn Santagata vehement nach einer "schöpferischen Pause" in Form eines halbjährigen Deutschlandaufenthaltes. Eine Affinität zum Deutschen Kulturkreis liegt schon in seiner Familiengeschichte begründet; überhaupt geht von dem Künstler ein verständnisvolles Weltbürgertum aus, das ihn sofort sympathisch macht. Dies ist wohl auch die Ursache dafür, dass er zum erfolgreichsten Sprachdozenten der KVHS Rhein-Pfalz-Kreis avancieren konnte.
Der halbjährige Aufenthalt hierzulande dauert übrigens noch immer an! Der Ortswechsel, so sagt Herr Santagata selbst, habe ihn gewissermaßen künstlerisch frei werden lassen. Bis auf den heutigen Tag belegen 15 Einzelausstellungen seine stetige Weiterentwicklung, von denen die meisten in bedeutenden Kunstmetropolen des In- und Auslandes stattfanden.
Ein dreieckiges Spannungsfeld aus Realität, Erinnerung, und Traum steht quasi als Motto über seinem Schaffen. Hieraus bezieht er auch seine Sujets, die er mitunter dazu nutzt, sich zwiespältigen Empfindungen zu stellen. In dem Werk "Genua vom Meer aus gesehen" etwa verarbeitet er ungute Erinnerungen an diese Stadt, die er gleichwohl ihrer kulturellen Faszination wegen hochschätzt. Kaltherzigkeit paare sich hier nach seiner Auffassung mit Schönheit.
Sein Schaffen rückt den Künstler also zunächst in die Nähe des Surrealismus. Dessen berühmte Vertreter machten ungefähr zeitgleich mit der Verbreitung der Psychoanalyse das Unterbewusstsein - sowohl ihr eigenes, als auch dasjenige der Menschheit insgesamt - zu einem Gegenstand der Malerei. Namen wie Dalí, Magritte und, nicht zu vergessen, Miró können vom Surrealismus nicht losgelöst werden. Wobei sich Herr Santagata, dem Dalí immer schon zu plakativ war, sich besonders Miró enger verbunden fühlt; wir sehen es an den häufig auftretenden kubistischen Elementen, den Dada-Anklängen und einer Linearität, die sich allerdings bewusst weicher darstellt als die Mirós und oftmals mit faszinierenden Leuchteffekten versetzt ist, wie etwa in Frederico Santagatas "Nachtstadt Landschaft". Er verfügt handwerklich über eine eigene - mitunter eigenwillige - Handschrift, die Nachahmungen nicht nötig hat, ja, vom Niveau her ausschließt.
Unter Aufgabe einer Zentralperspektive werden Formen aufgesplittert und in der Komposition nach Gesetzmäßigkeiten neu geordnet, die der Künstler aus dem jeweiligen Bildsinn ableitet. So hat man beim Betrachten des Werkes "Rote Felsen auf dem Mars" irgendwie das Gefühl, den Planeten von einem Satelliten aus zu beobachten. Dieser hält aber nicht Ausschnitte optisch fest, sondern scheint über die Marsoberfläche hinweg zu fliegen. Wie seinerzeit die Kubisten, gelangte auch Herr Santagata vom rein Zweidimensionalen zur Verwendung von Zeitungspapier, Postkarten oder ähnlichem. Die vor fünf Jahren in Deutschland angetroffenen, veränderten Lebensumstände brachten ihn seinerzeit ebenfalls dazu, derartige Materialien zu verwenden, mit Ölpaste zu übermalen und diese Schicht wieder in langen Linien abzukratzen. Eine Technik, welche wir in diesen Räumlichkeiten ebenfalls häufig bewundern können. Wie der Künstler selbst sagt, geraten ihm die aufgetragenen Farbschichten immer mächtiger; offensichtlich ist er unaufhaltsam auf dem Weg in die Dreidimensionalität. Exemplarisch sei dabei auf das Werk "Vor der Stadt" verwiesen. Diese wird durch geometrische Formen links im Vordergrund angedeutet, die farblich zerlaufen. Roter Dunst und Leuchtspuren im Hintergrund, die mit vielerlei Farben durchsetzt sind. Wird ein Feuerwerk über der Stadt abgebrannt? Fast hat es den Anschein.
Die Abstraktion dieses und anderer Bilder ist nur eine scheinbare. Überall vermag der Betrachter hier zumindest Anklänge von Gegenständlichkeit zu erkennen. Was sich bereits Schiller erschlossen hatte, erkannte ein Jahrhundert nach ihm auch die Künstlergruppe "Blauer Reiter": Die Form ist von sekundärer Bedeutung, dient lediglich als Mittel zum Zweck. So ist auch für unseren Künstler das Geistige wesentlich. Er macht es sichtbar, sodass die Form sich wie unter der Wirkung einer inneren Notwendigkeit herauslöst und dem Betrachter zugänglich wird.
So schwer es mir fällt, will ich hier dennoch der Versuchung widerstehen, aus diesen Gründen ausnahmslos auf jedes hier ausgestellte Werk einzugehen. Stattdessen möchte ich Sie alle ermuntern, sich auf die mit Hilfe zum Teil monumentaler Chiffren visualisierten Träume, Erinnerungen und Realitäten einzulassen. Auch und gerade unter diesem Eindruck ist - wenn man es mit der nötigen Muße angeht - in dieser Ausstellung viel, sehr viel menschlich Bereicherndes zu entdecken. Dem Schöpfer dieser nur bei oberflächlicher Sichtweise wirklich andersartigen Welten wünsche ich alles Gute, sowohl betreffs seiner persönlichen Zukunft, als auch für seinen weiteren künstlerischen Werdegang, der, wie auf der Hand liegt, längst noch nicht abgeschlossen ist.
Frederico Ernesto Santagata
- Jahrgang 1957 - Studium der Biologie und Kunstgeschichte in Mailand - Zahlreiche Ausstellungen u.a. in Mailand, Hamburg, Mannheim, Heidelberg, Konstanz, Bad Dürkheim - Lehrtätigkeit an der VHS Rhein-Pfalz und an der "Offenen Werkstatt" in Bad Dürkheim - Seit 1995 lebt und arbeitet er in Mannheim