Landkreis Südliche Weinstraße / Kreisverwaltung Südliche Weinstraße
 
Gabi Blinne und Günther Berlejung
Objekte, Malerei
21.01.05 bis 18.02.05

Einführung von Dr. Matthias Brück

Wenn in einigen hundert Jahren irgendwelche Aliens archäologisches Interesse zeigen sollten und beim "Buddeln" Kunstschätze aus unsere Zeit finden würden wie die dazugehörigen menschlichen Relikte, dann könnten sie zu folgender Analyse kommen:
Hier dürfte es sich um Überreste und Kunstbestrebungen des bislang unbekannten "Homo lifestyleiensis" handeln. Eine Spezies, die vornehmlich einem glatten, markt- und trendorientieren Kunstschaffen huldigte. Und stellen Sie sich weiter vor, diese Forscher würden zufällig auch auf Arbeiten von Gabi Blinne und Günther Berlejung stoßen: die kunstphilosphische Theorie bekäme sicherlich Risse...

Sience fiction beiseite: hier treffen Sie meines Erachtens auf Werke, die - trotz nicht vergleichbarer Position - quer zum Zeitgeist stehen, im besten Sinne "unzeitgemäß" erscheinen. Es ist die Konzentration auf Materialien, die normalerweise kaum oder nichts miteinander zu tun haben, mit denen Gabi Blinne Kompositionen gelingen, die das ansonsten Widerständige, Sich-Ausschließende zur Annäherung bringen, ohne dessen Eigenheit zu suspendieren. Kein wahlloses Zusammenfügen, kein zufälliges Vermengen, vielmehr ein sensibles Kombinieren wird hier zum indirekten Appell an den Betrachter. Eine Aufforderung, die einstige Zweckgebundenheit, das Zuhanden-Sein auf gut "heideggerisch" zu ignorieren, um der Wahrnehmung einen offenen Horizont zu ermöglichen.

Dadurch kann eine poetische Ästhetik erfahren werden, in der die Künstlerin Harmonien wie Widersprüche umgreift. Da trifft das grobe, teilgerostete Eisen auf zartes, eigentlich verletzliches, handgeschöpftes Papier. Doch in der künstlerischen Synthese vereinigen sich diese und andere Gegensätze, gewinnen oft einen mehrfachen Verweis-Charakter.
Arbeiten wie "Flügel" zum Beispiel erinnern wohl an einstige Leichtigkeit und Losgelöstheit, während sie zugleich mit einem Anflug von Melancholie die spürbare Anwesenheit des Vergänglichen tangieren.

Zwei Werke nennt Gabi Blinne "Meditationstafeln" - doch eigentlich böten sich fast alle Exponate für diese Praxis - fern aller diskursiven Interpretationen - an. Zum Beispiel Kompositionen wie "Geprägt", bei denen der Titel bereits eine gewisse Dopppelbödigkeit signalisiert: einmal das Resultat des Arbeitsvorganges, dann ebenso das Umfeld des Begriffes Prägung, Geprägt-Sein mit all' seiner Bedeutungsvielfalt.

Auch wer es weniger mit dem Meditieren halten sollte, kommt bei Gabi Blinne voll auf seine Kosten. Er erfährt, wie sich ein "Gemurmel" pfiffig übersetzen läßt oder wie das aufdringliche Warenangebot plastisch-ästhetisch zur "Katalog-Welt" gebändigt und überhöht werden kann. Mit dem Begriff "Material-Poesie" hat Ulrike Hauser-Suida" einmal diese Kompositionen trefflich charakterisiert. Man kann also nur hoffen, daß diese Künstlerin nicht aufhört zu "dichten".



Günther Berlejung: "Spuren II" (1999)
Graphit, Acryl, Wachs auf Reispapier, 80 x 60 cm

Günther Berlejung konfrontiert Sie mit einer ganz und gar nicht harmonischen Welt, mit einer Welt, die sich überhaupt nicht als "lifegestylt" und pflegeleicht erweist. Der Mensch ist bei ihm - existenzphilosophisch ausgedrückt, ein Ausgelieferter, Geworfener, der allerdings etwas, nämlich das ändern könnte, was er selbst verschuldet hat - es jedoch nicht tun will beziehungsweise kann.

Nicht umsonst finden Sie Titel wie "Täter und Opfer", in denen diese dialektische Grundsituation beklemmend-meisterlich erhellt wird. Dabei verzichtet dieser Künstler auf jeglichen plakativen Aufschrei, sondern verdichtet verschiedene Ebenen: die Ebene der anonymen Macht, der seriellen Klischees, die Ebene eines exzessiven Chaos, das in wild-vehementer Orientierungslosigkeit variiert - oder die des Betroffenen. Diese Personen - ob lustgepeinigte Frauen oder junge Juppie-Manager im Nadelstreif (ohne beschränkte Haftung), sind eigentlich gesichtslose Verführte und willig Verführbare zugleich!

Günther Berlejung ordnet diesen Macht- und Abhängigkeitsschichten congenial die unterschiedlichsten Techniken zu: Acryl, Öl, Kreide. Und somit werden diese Kompositionen zu einer bedrohlichen Einheit, zu einer auswegslosen Aussage! Faszinierend, mit welcher Dramatik die einzelnen Sphären, Existenz-Bereiche hier ineinandergreifen... Dann wird das Vorgestellte leiser, verhaltener, wenn man sich den Plastiken der Dreier-Gruppe "Helden" gegenüber sieht. Siegreich und einsam-geschlagen zugleich...

Fast still schließlich die verschiedenen "Spuren" in einer übergreifenden Mischtechnik aus Pigment, Kreide, Öl und Graphit. Da scheint es, als hätte Günther Berlejung Verdrängtes, Verschüttetes, - Erinnerungen, eher Erinnerungs-Fragmente teilweise freigelegt - und zugleich gezögert, sie vollständig ins Bewußtsein zurückzurufen. Es ist heutzutage selten, daß sich ein Künstler so konsequent kritisch-erhellend der Gegenwart gegenüber artikuliert, indem er Macht und Ohnmacht, Täter und Opfer in ein eigentlich unauflösbares Spannungs-Gefüge komponiert.

Zuletzt ein kleiner Tipp: Warten Sie nicht, bis die Aliens diese Werke ausgraben - sie können heute bereits mühelos erworben werden...



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Günther Berlejung
Günther Berlejung: "Spuren II" (1999) Graphit, Acryl, Wachs auf Reispapier, 80 x 60 cm
Gabi Blinne
Gabi Blinne: "Schoten" (2003) Papier, Schoten, Wachs, 3-teilig, ca. 45 x 5 x 6 cm