Landkreis S├╝dliche Weinstra├če / Kreisverwaltung S├╝dliche Weinstra├če
 
Gabriele Sauer und Anna-Lena Sauer
Malerei, Plastik
03.02.06 bis 03.03.06

Einführungsrede von Dr. Matthias Brück:

Edmond de Goncourt hat es schon früh vermutet und formuliert: "Die meisten Dummheiten in der Welt muss sich wahrscheinlich ein Gemälde in einer Ausstellung anhören". Und vermutlich hat er damit gar nicht so falsch gelegen. Nun kann ich nur hoffen, dass ich den vielen Dummheiten heute nicht noch eine weitere hinzufüge. Denn die Werke von Gabriele und Anna-Lena Sauer düften sich dem Betrachter - im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Strömungen - nicht so leicht entschlüsseln. Vor allem deswegen, weil sie nicht auf das Banal-Vorzeigbare spekulieren, sich nicht dem Total-Erklärbaren verschrieben haben. Vielleicht kein Zufall bei der schließlich engen Verwandtschaft von Mutter und Tochter, die ihre Exponate - abgesehen von den Plastiken - gänzlich unbetitelt vorstellen. Wenn ich mich recht entsinne, handelt es sich dabei um eine Premiere hier im Kreishaus. Gewiss: das hat Vor- und Nachteile für den Betrachter. Einerseits kann er sich nicht an irgendwelche Textorientierungen anlehnen, andererseits steht ihm ein ganzes Reich von Phantasie und Deutungsmöglichkeiten offen - je nachdem, wie er mit diesen Chancen umzugehen versteht.

Vergleichsweise einfacher, doch mit höchst originellem Pfiff dokumentieren die Plastiken von Gabriele Sauer - aus Ton, Gips und Beton - die stilistische und ausdrucksvolle Unabhängigkeit dieser Künstlerin. Froh, entzückt, enttäuscht oder "kussbereit" mögen sie uns bisweilen anzuschauen – so wie der kleine, erdverbundene "Hans" mit Hosenträgern, an dem die Ungereimtheiten der Welt spurlos vorüberzugehen scheinen. Manche bewegen sich tänzerisch wie aus einem Guss; die "Dame mit Hut" mag sich etwas nostalgisch an die Zeiten der großen Salons erinnern, indes manche Büsten - keck überproportioniert - ihre Vorzüge in den Raum stellen. Aus einigen Kopfplastiken tritt absichtlich noch etwas Stoff hervor, ergänzt die bereits bewegten Oberflächen, während einzelne Exponate, wie das Boot, durch partiellen Moosbewuchs ein ästhetisches "Gestrandet-Sein" andeuten. Doch von all dem will das Kleine im Kinderwagen noch nichts wissen; es strampelt glücklich und interpretationsfrei.

In ihrer Acryl-Malerei geht Gabriele Sauer einen anderen Weg. Auch wenn ihr Grundthema "Figur - Landschaft" indirekt in den meisten Exponaten gegenwärtig bleibt, so dominiert jetzt die Sphäre des Unausgesprochenen, Unsagbaren und Anonymen. Eine abstrakt-expressionistische Malgestik löst die noch gegenständlich orientierten Formgebilde immer mehr auf, die jeweiligen Farben greifen ineinander, haben längst die Regie in einer neuen Ordnung übernommen, in der das Wiedererkennen ins Leere laufen dürfte. Denn es ist eben eine Sphäre aus unterschiedlichsten Erfahrungen, Erlebnissen und Assoziationen entstanden - jenseits von Definition und Messbarkeit. Das gilt besonders für die schattenhafte Anonymität der menschlichen Gestalten, deren eher statisches Erscheinen immer wieder aufs Neue durch ein variables Spiel mit der Horizontalen relativiert werden kann. In der letzten Zeit jedoch drängt es die Künstlerin zu einer fortschreitenden Reduktion. Das Gestische tritt zurück, die einstige Vehemenz wird größtenteils aus dem Bild genommen, während teilornamentale Gefüge einen deutlichen Kontrast zur weiten, oft schwarzen Flächigkeit konstituieren. Man darf weiterhin gespannt sein…auch ohne Titel!

Anna-Lena Sauer umschreibt ihre Exponate (Öl auf Leinwand) fast spröde als "malerischen Kontrast zum Linearen". Natürlich hat sie Recht, denn der Betrachter entdeckt einmal Farb-Farb-Beziehungen wie den Hell-Dunkel-, den Kalt-Warm-, den Qualitäts- oder Quantitätskontrast, der je auf seine Weise zur Entstehung von Räumlichkeit beiträgt. Dazu kommt der Einsatz von Diagonalen, von Überschneidungen, die ebenfalls Raum erzeugen können. Dabei können Linien sich begegnen, sich kreuzen, über Flächen hinweg verlaufen, während Flächen von anderen Flächen zum Teil überdeckt werden. Ein ganzes Arsenal von kunst- und farbtheoretischen Reflexionen von Wölfflin, Klee oder Goodman und deren praktische Umsetzung, ist in diesen Werken gegenwärtig.

Das Resultat ist nun nicht eine trockene, lehrbuchmäßige Adaption, vielmehr ein dynamisch-pulsierendes Ganzes, das ohne Entwurf oder Vorskizze gewachsen ist. Alles hat sich - so die Künstlerin - erst während des Malprozesses entwickelt. Ein Malprozess, der trotz aller Absichtslosigkeit nicht freibleibt von organischen und pflanzlichen Form-Ähnlichkeiten. Selbst Landschafts- oder Gegenstands-Assoziationen sind denkbar, denn Anna-Lena Sauer lässt es bewusst zu, dass diese "inneren Bilder" Eingang in ihre Bildsprache finden. Und gerade deshalb scheinen ihre Arbeiten fast einen Wall gegen die immer stärkere Bilderflut zu errichten, der unsere Informations- und Konsumgesellschaft immer brutaler ausgesetzt wird! Ein allgegenwärtiges Bombardement der Beeinflussung, das fortschreitend verantwortungsloser unser Wahrnehmungs- und Gestaltungsvermögen, beziehungsweise unser Denken ruiniert.

So entsteht nun eine dynamisch-gleitende Formenvielfalt, die wie ein Pendel zwischen Abstraktion und erahnter Gegenständlichkeit zu schwingen scheint. Schemenhaftes, Verwurzelt-Verwebtes inmitten von offener, sich tangierender oder überschneidender Farbflächigkeit oder Rinnsale, die diese Vorherrschaft in Frage stellen dürfen, eröffnen dem Betrachter gewissermaßen eine freie Sicht - sogar, je nach Phantasie, über den Bildrand hinaus.

Soweit also sind Mutter und Tochter in ihrem künstlerischen Schaffen vielleicht gar nicht voneinander entfernt. Und was die fehlenden Titel anbelangt: die können Sie, meine Damen und Herren, zu Hause vor Ihrem eigenen Exponat in aller Ruhe finden.


Anna-Lena Sauer

1977
- geboren in Heidelberg

1996
- Abitur Trifelsgymnasium Annweiler

1997
- Studium Kunst und Germanistik an der Universität Landau

ab 1998
- Studium Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Saar, Germanistik an der
  Universität des Saarlandes in Saarbrücken

2004
- 1. Staatsexamen Kunst
- Meisterschülerin von Prof. Sigurd Rompza


Ausstellungen (Auswahl):

2002
- Schloss Dagstuhl

2003
- Galerie Mike Siebler (Püttlingen)
- Schloss Püttlingen

2004
- MLP AG, Saarbrücken

2006
- Kreishaus Landau
- Kunstmesse Mainz


Gabriele Sauer

Jahrgang 1951, freischaffende Künstlerin

Einzel- und Gruppenausstellungen:
- Teilnahme an der Aktion "Offene Ateliers in Rheinland-Pfalz"
- Sparkasse Landau
- Südpfalzkunstausstellung
- Kunstverein Albersweiler
- Haus der SPD Pfalz, Neustadt/Weinstraße, Katalog
- Kunst für Kunst, Frank-Loebsches Haus Landau
- Geschichts- und Begegnungsstätte Rülzheim
- Sparkasse Karlsruhe, Jubiläumsbilder 2000
- Stadtbibliothek Landau, Projekt Foell & Leber
- Mitgliederausstellung, 20 Jahre Kunstverein Landau, Villa Streccius
- Artgalerie - Südpfälzische Kunstgilde
- Kulturtage Südliche Weinstrasse 2001 - Stadt, Land, Fluss (Katalog)
- Kunstverein Lingenfeld
- Kunstmesse Mainz 2002
- Kunstmesse Mainz 2006







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