Stadt Landau in der Pfalz / St├Ądtische Galerie Villa Streccius
 
Gerd Ditz (1941-2004)
Retrospektive
28.01.06 bis 05.03.06

Der Landauer Künstler Gerd Ditz (1941-2004) zählt mit seinem vielschichtigen Gesamtwerk zu den großen Persönlichkeiten der regionalen Kunstszene. Seine besondere Bedeutung liegt in der Ausbildung einer eigenständigen Bildsprache und in der außergewöhnlichen Delikatesse seiner informellen Malerei.

Nach der Lehre als Plakatmaler in Ludwigshafen (1955-1958) widmete sich Gerd Ditz zunächst der modernen Grafik, vor allem dem Siebdruck. Von 1958-1962 studierte er an der freien Akademie in Mannheim bei den Professoren Berger-Bergner und Hans Nagel. Seit 1965 bis zu seinem Tod lebte und arbeitete er in Landau.

Gerd Ditz entwickelte aus dem Kanon von Symbolen, Chiffren, Signalen und Zeichen eine eigene Bildsprache regionaler und zeitlicher Befindlichkeit, die er in feinsten Nuancen auf die Leinwand brachte. In den 90er Jahren folgte ein Übergang zur reinen informellen Malerei, in der er meisterlich Farben und Strukturen zu verbinden wusste.

In der umfassenden, von Wolfgang Diehl kuratierten Retrospektive begegnet der Betrachter dem souveränen Gestalter eines unverwechselbar individuellen Stils, der in einem steten Wandlungsprozess die Strömungen der internationalen Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auslotete und intellektuell weiterentwickelte.


Einführungsrede von Wolfgang Diehl


Lassen Sie mich zunächst allen danken, die zum Gelingen dieser Retrospektive für Gerd Ditz, der uns im April 2004 viel zu früh verlassen hat, beigetragen haben. Angelika Ditz hat die Schätze ihres Gatten aus dem Atelier des Künstlers zur Verfügung gestellt und gesorgt, dass diese Ausstellung zustande kam. Die 56 Bilder, welche sie im Erdgeschoß sehen, fanden großzügigerweise aus dem Besitz von 16 Familien, FreundInnen und Sammlern in Landau und Umgebung, Pirmasens, Karlsruhe, Ludwigshafen nach Landau, und es wäre ein Leichtes gewesen, den Kreis auszuweiten.

Beim Hängen der Sammlung und Einrichten der Beleuchtung halfen freundlicherweise die Herren Dr. Klaus Diehl, Hans Jürgen Terstappen, Klaus Schöneberger und Dieter Nageldinger. Frau Astrid Diehl sei gedankt für das Fotografieren des Bildes, das auf Einladung und Plakat erschien, Dank auch an Frau Haas von der städtischen Kulturabteilung für ihre Bemühungen ebenso wie der Stadt Landau als Hausherr und der Sparkasse Südliche Weinstraße für die finanzielle Förderung dieser Bürgerinitiative. Dank auch der Presse, Bürgermeister Hans Dieter Schlimmer, dem Duo "Dr. Blue" und nicht zuletzt dir, liebe Angelika, für Deinen unermüdlichen Einsatz für Gerd.

Der Landauer Künstler Gerd Ditz (1941-2004) zählt mit seinem vielschichtigen und überzeugenden Gesamtwerk zu den großen Persönlichkeiten der regionalen Kunstszene zwischen Frankfurt und Karlsruhe und mit Ausweitungen bis Wiesbaden, Hamburg, Kiel und Berlin. Seine besondere Bedeutung liegt in der Gestaltung einer eigenständigen Bildsprache und in der außergewöhnlichen malerischen Delikatesse seiner informellen Malerei.

Das Faszinierende dieser Retrospektive erklärt sich aus der Begegnung mit dem souveränen Gestalter eines jederzeit unverwechselbar individuellen Stils, der, in einem steten Wandlungsprozess befindlich, die einzelnen Wege der internationalen Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auslotete und trotzdem oder gerade deswegen immer seine künstlerische und intellektuelle Eigenständigkeit betonte.

Entwicklung bedeutet immer auch Kontraste, Konfrontationen und Brüche. Es gilt, auf die Umwelt und die eigene Entwicklung zu reagieren, um im individuellen Sinne das allein Richtige, weil Notwendige, zu machen. Das führt zum Grundlegenden seines Werkes: der Malerei. Das Malerische ist der verbindende Bogen von den ersten Anfängen bis zu den letzten Bildern. Bei allen Werken dominiert der Aufbau von Farbräumen, die in feinst nuancierten Abstufungen die Fläche und das Abbild in Frage stellen, weil Räume entstehen. Das war immer eine handwerkliche Herausforderung und bedeutete malerische Selbstverwirklichung vom ersten Berufswunsch an.

Für Gerd Ditz hieß Malerei zudem auch die Umsetzung von Lebensgefühl und Weltsicht durch die Farbe. Da er ein mehr als üblich intellektueller Maler war, ein Vielleser und Vielschauer, konnte er nicht auf einmal erreichten Stufen stehen bleiben. Wichtig ist dabei auch, dass in seinen Bildern von Anfang an, wie verhalten auch immer, eine tragische Grundmelodie mitschwingt. So sind vor allem die vielbewunderten Pfalzbilder nicht Ausflüsse von überbordender Fröhlichkeit und der üblichen pfälzischen Selbstinterpretation mit Weck, Worscht und Woi, sondern immer auch Infragestellungen, Kritik und Selbstironie auf höchstem Niveau.

Selbstverständlich entwickelt sich ein verantwortungsbewusster Künstler nicht aus dem leeren Raum, sondern wird mit dem beschwerlichen Erbe der abendländischen bildenden Kunst konfrontiert. Wie sich ja gerade seine Generation mit der Tatsache konfrontiert sah, dass 20 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, auch Deutschland alle Stile und Schulen, alle Ismen und Trends der Modernen vereinnahmt und praktiziert hatte. Auch auf dem Sektor der Abstraktion war die Wiese in den 60er Jahren längst abgegrast. Da bedeutete es Mut zu haben, wenn man in die Kunst einsteigen wollte.

Gerd Ditz beschritt den handwerklichen Weg. Am Anfang stand nach der Lehre als Plakatmaler in Ludwigshafen (1955-1958) das Studium an der Freien Akademie in Mannheim unter den Professoren Berger-Berger und Hans Nagel, bevor er sich 1965 als freier Künstler in Landau niederließ. In dieser Zeit entwickelte sich seine Handschrift aus der Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kunst, die auf ihn einwirkte, ohne dass er den Moden oder Erfolg versprechenden Namen folgte.

Für seine Generation war die bildkünstlerische Moderne bereits klassisch geworden, die junge Kunst der 60er Jahre spiegelte sich in "optical art", im psychedelischen Farbschrei, in Pop-Art und wie sie alle heißen. Der chaotischen Stilvielfalt setzte Gerd Ditz nach mehr konstruktiven Anfängen in seinen "Schwarzen Bildern" ein massives Kontra entgegen, während er in der Grafik, dem Siebdruck, durchaus dem Gewicht der massiven Farben zu folgen bereit war und in der Herausforderung durch die moderne Grafik seiner Zeit Herausragendes schuf, das sich höchst anspruchsvoll in die allgemeine Szenerie einpasste.

Seine Opposition im Eigentlichen, in der Malerei, nahm mit an Sturheit grenzender Konsequenz eine eigene Bildwirklichkeit zum Vorbild, die dem auch kommerziellen Optimismus der 70er Jahre, dem trivialen Jugendkult und der Vorliebe für das Schreiende (z:B. Edelmanns Grafik für die Beatles) eine alternative Weltsicht gegenüberstellte.

Die "schwarzen Bilder" zeichnen sich durch die Auflösung der ebenen Fläche des Bildes aus. Farbe wird mit Materialien und auf Materialien eingebracht. Massive Einschlüsse verbergen sich unter Ausstülpungen und geheimnisvollen plastischen Formen. Mit der pastosen Verwendung des Acryl und der hintereinandergelegten Schichten wird das klassische illusionäre Tafelbild abgelöst. Sparsam sind die Strukturelemente, die aus dem Konstruktiven der Vorgängerphase herübergenommen werden, und wie bescheidene Lichtblicke nimmt das jeweilige Schwarz die sparsamen Lichtelemente und farbigen Blickpunkte auf. Dabei ist schwarz nicht schwarz, die Farbe wird in feiner Lasurtechnik differenziert eingebracht, chanchiert und wogt und webt fast im Verborgenen. So entwickelt sich das Materialbild, die Collage, die aber immer anstelle erzählerischer Intentionen das Hauptaugenmerk auf das Malerische an sich richtet.

In den 80er Jahren erfolgt dann ein Stimmungswandel, eine Auflockerung der Strenge, indem aus einem zuvor schon entwickelten Kanon von optischen Signalen, Chiffren, Zeichen eine unverkennbare Bildsprache regionaler und zeitlicher Befindlichkeit entwickelt wird. Sie vereint sich mit Andeutungen der Wirklichkeit, also Erinnerungsstücken, die Gerd Ditz in raffinierten Nuancen malerischer Raumbewältigung auf die Leinwand zaubert. Die Farbe wird aufgehellt, aber das Verhaltene der Kolorierung bleibt erhalten, es dominiert das geheimnisvolle Blau.

1982 schrieb ich: "In Verbindung von Collagen, Materialcollagen und aufgelöster Fläche schuf sich Gerd Ditz eine intellektuell höchst anspruchsvolle Bildwelt, reliefartiger und plastischer Bilder mit Auswüchsen, Verpackungen, Verbergungen als kritische Reflexion und Reaktion auf Welt. Dabei überzeugt das konkrete Bild durch die Geschlossenheit der Gestaltung, die Formphantasie, durch das Geheimnis der Offenlegung von Ideen durch Farbe und Form."

Auch die Harlekine, die Narrenkappen tragenden Weinfestbesucher, Drachen, Fachwerkhäuser, Rebenstrünke, Sonnen und die schrägen Vögel sind im malerischen Umfeld Haltepunkte des Schauens und Ansatzpunkte inhaltlichen Verstehens. Dabei wehrte sich der Künstler gegen billige eingleisige symbolische Auslegungen. Immerhin sind die Chiffren und Zeichen aber nicht nur struktureller Art, sondern durchaus konkrete Hinweise, Fakten einer kritisch-ironischen Selbst-, Welt- und Umweltinterpretation.

So ist die Narrenkappe der Freiheitsmütze der Revolutionäre verwandt, steckt der Tod im Kleid des Harlekins, wenn er beim Weinfest den Versammelten über die Schulter schaut. König Dagobert wird malerisch beschworen, eine südpfälzische Sagengestalt, die zwischen Spaß und Ernst angesiedelt ist. Wir erinnern uns an das französische Volkslied, nach dem er seine Hose verkehrt herum angezogen hat. Die Fröhlichkeit dieser Pfalzbilder ist jedoch eine zu vordergründige Sicht. Tatsächlich existiert in diesen Arbeiten, die den Nerv der Region treffen, keine Idylle, Handfestes durchaus, gemildert durch Melancholie und Trauer, weil der Menschenraum Heimat Wunden offenbart.

Gerd Ditz, eher maulfaul und wenig erklärungsfreudig, ließ seine Bilder sprechen. Sie dokumentieren seine Anklage gegen die Realität der Naturzerstörung, gegen die Vermarktung der Heimat samt den verlogenen Selbstinszenierungen der Region nach dem Motto "Alle Gebot Weinfest". Die Fachwerkhäuser zerbersten oder werden entwurzelt. Das Schwelgen in Pfälzischem geschieht in düsteren Farbtönen. Bedrohliche Vögel blicken über das geschäftige Treiben.

Wenn wir schon bei Symbolen sind, es gibt auch Lichtblicke im wörtlichen Sinne, Auswege und Fluchtwege durch Tore und Türen, Andeutungen, Hinweise, Himmelswege. Das geht in einigen Portugalbildern bis in einen barocken Farb- und Formenüberschwang. Wie er überhaupt gerne Reiseimpressionen, an erster Stelle Landschaften, in seine Bilder einfließen ließ. Die Heimat verkörperte sich also nicht in einer banalen Weinseligkeit, vielmehr in einem skeptisch-ironischen Lebensgefühl, zu dem er sich als Riesling-Freund auch bekannte. Allerdings misstraute der Künstler einer zu schnellen Akzeptanz seiner Pfalz-Bilder.

Im Aufbruch zu neuen Ufern ironisiert Gerd Ditz seine Abkehrbewegung und konterkarierte durch die Titel einiger späterer Bilder mit Witz und Humor die eingespielten Erwartungen. Sie heißen "Gemoldes I und II", "Keine Pfälzer Landschaft", "Wo ist König Dagobert?" oder "Täglich Weinfest", "Heute kein Weinfest" und "Wieder keine Pfalzlandschaft".

In der künstlerischen Intention seiner informellen Malerei, im neuen Bild, wird das Anschauliche, das nur Inhaltliche, durch die Freiheitsidee der ins Transzendente verweisenden Farbräume ersetzt. In ihnen dominiert die Stimmung, jene subjektive Gefühlsebene des Schöpfers wie des Betrachters, die vom Gegenständlichen unabhängig ist, aber auf Farbe reagiert. Die spezifische Art und Weise des Umgangs mit der Farbe ist auch hierbei eine Mischung aus Konstrukt und Spontaneität. Das Bild-Ergebnis immer ein Anlass, über die Sache selbst hinauszudenken, weiterzufühlen, berührt zu sein. Das bedeutete den Verlust der pfälzischen Markenzeichen zugunsten einer absoluten Autonomie der Farbe im informellen Bild. Es musste zugleich seinen strengen Forderungen nach Komplexität und Strukturierung entsprechen.

Auch die großen Formate sind zumeist das Ergebnis handtellergroßer Entwürfe, die Strukturen, Farben, Kennzeichen vorgeben. Es ging dabei ja nicht ursächlich um das "schöne" Bild, sondern um ein gültiges Bild im Sinne des Künstlers, also um Wahrheit. Wahrheit ist die im Augenblick des schöpferischen Prozesses, das heißt im Sinne des subjektiven Verständnisses der Absicht und der farbbildhafter Imagination, einzig mögliche Umsetzung der Idee zum sichtbaren Bild. Das dies einen Bruch mit Vorherigem darstellte, ist eindeutig zu erkennen.

Wir alle kennen die klassische abstrakte Malerei, die auf den Gegenstand verzichtet. Deshalb wissen wir, dass nur wenige Künstler mit der unerbittlichen Konsequenz und der stupenden Sicherheit eines Gerd Ditz sich dem Abenteuer der Farbe gestellt haben. Kraft und Sensibilität liegen in seinen Arbeiten, die uns als Betrachter einfordern. Sie nehmen uns mit auf eine Reise seelisch-stimmungsmäßiger Imaginationen, in ein kosmisches Gefüge von Assoziationen, in die Galaxien seiner Farbsetzungen. Der Blick in diese Bilder ist wie der Blick in einen bewegten Himmel. Räume tun sich auf, strukturiert durch Flächen, Spuren, Rillen, Plastisches und Zeichen. Da explodieren Farbfontänen und verwehen zarte Farbschleier.

Lassen wir uns auf diese Bilder ein, durchleben wir galaktische Räume und finden zurück in unsere eigenen Bewusstseinsmilchstraßen, in denen es wie auf den Bildern lodert und brodelt. Es offenbart sich eine Welt schimmernder Lasurschleier pulsierender Farben, pointierter Strukturen mit Ausblicken ins Unbegrenzte. Die auf eine neue Art anschaulichen Bildwelten verbinden damit zugleich Intellekt und Emotion. Allerdings verlangen diese Bilder vom Betrachter Konzentration und Kontemplation.

Wenn uns Gerd Ditz in seiner informellen Malerei an die Hand nimmt, gehen wir einen Befreiungsweg der Kunst, auch über steinige Pfade und Hürden, inhaltlich, zeitbedingt, abhängig von Prägung und Geschmack. Letztlich um zu erkennen, dass wir in diesen Farbräumen uns, unsere Stimmungen, Emotionen oder einfach ein Gefühl von Glück, das so real ist, wie es sich kaum beschreiben lässt, erfahren. In diesem Sinne transzendiert der Mensch seine subjektive Existenz, er empfindet sich räumlich weiter als seine körperliche Existenz, er denkt und fühlt über sich hinaus. Damit ist eine zentrale Funktion der Kunst als Bereich menschlicher Sinnfindung und als Erlebnisraum des Bewusstseins angesprochen.

Von den vielen Wegen, die sich dem modernen bildenden Künstler anbieten, hat Gerd Ditz, wie mir scheint, einen gültigen eingeschlagen, eine unverkennbare Handschrift für seine Wegbeschreibung gefunden und für alle Zeiten Marksteine schöpferischen Schaffens gesetzt.

Mit dieser Retrospektive spricht uns ein qualitativ anspruchsvoller eigenständiger Künstler an. Er vermittelt uns Freude und Glück und stellt zugleich an uns die Forderung, genau hinzusehen. Wir wissen es ja schon lange - aber sehen es heute mit seinem Gesamtwerk vor aller Welt bestätigt, dass Gerd Ditz nicht nur für Eingeweihte ein großartiger Freund, ein Maler von Rang und wertvoller Mensch war. Er war und ist weit über unsere Region hinaus ein großer Künstler, der Bleibendes geschaffen hat.




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