/ Galerie Altes Rathaus Wörth
Gretl Brand und Peter Brauchle
Malerei, Skulptur
03.10.04 bis 01.11.04
Gretl Brand
Gretl Brand: "Yoruba"

Einführung von Dr. Matthias Brück

Nichts ist so wie es scheint. Das können Sie täglich durch die Nachrichten, besonders die politischen, erfahren; aber auch im persönlichen Bereich werden Sie ehrlicherweise immer wieder feststellen, daß das Verbergen, das Sich-Verstecken wie das Sich-Bessermachen einen Großteil menschlicher Lebenspraxis ausmacht, zur selbstverständlichen Kunstform des sogenannten Miteinanders gehört.

Eine Problematik, mit der sich zum großen Teil die Bilder von Gretl Brand auseinandersetzen - und das auf ganz besondere Weise. Mit Peter Brauchle indes werden Sie eine archaisch anmutende Welt betreten, die mythologische Inhalte zwar streifen mag, den Hauptakzent allerdings auf eine widerständige, trendfreie Ästhetik legt, in der sich Historie und Überlieferung auf seltene Weise entbergen.

Zuerst sind es wohl die leuchtenden, intensiven Farben in den Kompositionen von Gretl Brand, die überraschend eine regelrechte Suggestion auf die Betrachter ausüben können. Sie spielen nicht mit Nuancierungen, tendieren zum Plakativen - und das aus gutem Grund. Denn in ihrer aufgetragenen Flächigkeit - zumeist von aller Perspektivität befreit, schaffen sie eine Bühne, eine Form von Theater-Inszenierung, in der eine fremde, ungewohnte Welt zur Aufführung kommt.

Sind doch die jeweiligen Akteure - neben verschiedenen Masken, afrikanischen Kriegern und einer verblüffenden Phantasie-Figürlichkeit - ausgesprochene Zwischenwesen, ja Zwitterwesen. Mensch und Tier gehen da eine oft seltsame Verbindungen, finden bisweilen eine ironische Symbiose - so wenn sich "Sie und Er" in aufgeblasene, verliebt-balzende Störche verwandeln. Andernorts scheint eine Antilope ins Kleid einer Opernsängerin geschlüpft zu sein, um auf ihre Weise schmelzend eine Arie zu interpretieren; man muß nur aufmerksam zuhören...

Natürlich geschieht das alles nicht in Form einer platten naturalistischen Darstellung. Denn diese Künstlerin versetzt ihre Figuren in einen ausgeklügelt eigenwilligen Zustand stilistischer Kombinationen. Naive Tendenzen, comic-ähnliche Strukturen wie ein magischer Realismus mit surrealen Anspielungen verbinden sich zu einer eigenständigen, zeitgeist-unabhängigen Ausdrucksform. Dabei ist das Szenario jeweils so raffiniert angelegt, daß man bald nicht mehr sicher entscheiden kann, wer sich hier in wen teilverwandelt hat...

Darüber hinaus verlassen einige Exponate den heiter-ironischen Kontext - tangieren die Sphäre des Bedrohlichen. Befinden sich Fischfrau und Macho-Mann in einem ewigen Gefängnis der Geschlechter-Differenzen, in der jederzeit Gewaltaktionen ausbrechen können oder dominiert hier eine Grundbefindlichkeit hilfloser Resignation und Ratlosigkeit.

Das scheint mir unter anderem der besondere Reiz in den Arbeiten von Gretl Brand zu sein. Fast überall ist eine Mehrdeutigkeit zwischen Verbergen und Enthüllen angelegt, so daß man wohl zum Abschluß doch getrost Martin Walser zitieren darf: "Wir bemühen uns ein Leben lang, unsere Lieblingsmaske zu unserem Gesicht werden zu lassen".

Peter Brauchle ist ein Künstler, der auf seine mittlerweile unnachahmliche Art Tradition und Historie wiederbelebt, ohne deswegen ins Nostalgische abzugleiten. Waren es bis vor kurzem noch seine faszinierenden, gedrungen-dynamischen Ritter-und Reiterfiguren, die indirekt die Weise von Kampf und Wettstreit widerspiegelten, wendet er sich in der heutigen Ausstellung vornehmlich "friedlicheren" Themen zu.

Geblieben ist die Faszination "Pferd" für diesen Künstler. Dabei verschreibt er sich natürlich nicht jenen hochgezüchteten Edel-Rössern, vielmehr jenen iberischen Rassen, die auch als sogenannte "Quadratpferde" bezeichnet werden - auf Grund ihrer starken Hinterhand, ihren schlanken Gliedmaßen und ihrem mächtig gut aufgesetzten Hals.

Was diese Hirtenpferde bereits an natürlichen Voraussetzungen mitbringen, steigert Peter Brauchle zu wahren Energie-und Kraftzentren. Ihre eigentliche Aufgabe besteht, bestand traditionsgemäß darin, ihre Reiter beim Zusammentreiben der Herde beziehungweise beim Aussortieren der Stiere für die Arena problemlos zu unterstützen.
So wundert´s auch nicht, wenn Sie häufig auf den Titel "Garotcha" treffen. Damit ist jene bis zu vier Metern lange Holzstange gemeint, mit der die Gauchos ihrer Aufgabe des Treibens und Aussortierens nachgehen...

Dieser kurz skizzierte Kontext erfährt nun bei Peter Brauchle eine künstlerische Überhöhung, die allerdings nie die Bodenhaftung verliert. Die Gestalten selbst bewegen sich wie in einem Schwebezustand zwischen realistischer Ausarbeitung und abstrahierender Fragmentierung. Die Konsequenz: eine den Exponaten innewohnende formale Spannung, die immer wieder durch die Materialen Eisen, Bronze, Beton oder deren Kombination gesteigert wird. Eine ungebrochene Dynamik im Stadium des Gebändigt-Ungebändigt-Seins...

Und immer wieder ist es die Garotcha, die in beinahe filigraner Ausarbeitung entweder stabilisiert oder der jeweils gebündelten Kraft einen gewissen Gegenpol verschaffen kann. Unterdessen dokumentieren zwei kleine unbetitelte Werke, daß dieser Künstler es kongenial versteht, die angesprochenen Kraftzentren seiner Pferde-Plastiken geradezu in "reine Bewegung" umzusetzen. Perfekt darüber hinaus die schrundig-schuppigen Oberflächen mit einer Art von ästhetischem Eigenleben!

Zuletzt ein kleiner Hinweis: vor 163 Jahren starb Georges Clemenceau, von dem folgendes Zitat überliefert wurde: "Alle lieben das Schöne, doch nur wenige leisten es sich". Ich hoffe, Sie beweisen diesem klugen Herrn das Gegenteil!

Links:
Brauchle Peter (Rubrik KÜNSTLER)
Peter Brauchle
Peter Brauchle: "Fragment Pferd", 2004



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Gretl Brand
Gretl Brand: "Yoruba"
Peter Brauchle
Peter Brauchle: "Fragment Pferd", 2004