Stadt Ludwigshafen / Wilhelm-Hack-Museum
 
000_blank
hackordnung #2 - 11 Räume
Zweite Neupräsentation der Sammlung des WHM
18.09.10 bis 18.09.11

In elf Räumen entfaltet sich mit der hackordnung #2 die neue Sammlungspräsentation des Wilhelm-Hack-Museums ein Jahr lang zu sehen sein wird. Das Konzept wurde von der seit August im WHM tätigen Sammlungskuratorin Nina Gülicher entwickelt.

Ähnlich wie die elf Spieler einer Fußballmannschaft stehen die Räume jeweils für eigene Persönlichkeiten mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten. Wenngleich der Einsatz des Einzelnen von großer Bedeutung ist, so liegen Spannung und Gelingen doch in ihrem Zusammenspiel begründet.
Entsprechend konzentrieren sich die Elf Räume auf einzelne Kunstrichtungen und künstlerische Gruppierungen, die jeweils von zentraler Bedeutung für die Entwicklung der Kunst im 20. Jahrhundert waren. Zu sehen sind Werke der Brücke-Künstler ebenso wie der Kubisten, Suprematisten und Konstruktivisten sowie Arbeiten des Informel, der Pop Art und der Fluxus-Bewegung. Dabei stehen die Elf Räume nicht jeder für sich. Vielmehr machen ihre Abfolge und zahlreiche Blickachsen vielfältige Querverbindungen zwischen ihnen sichtbar. Daher folgen die Elf Räume nicht immer dem architektonischen Raumplan. Vielmehr bilden sie Bereiche, etwa bei den Werken von Expressionismus und Kubismus, die über die Grenzen der Architektur hinweg Ideenräume eröffnen.

In diesen neuen Zusammenhängen werden längst bekannten Werke der Sammlung zu Unbekannten, deren Formen und Bedeutungen es zu entdecken gilt. Innerhalb der Räume erhalten einzelne Künstler besondere Positionen, deren Wirken wie im Fall von Wassily Kandinsky, Robert Delaunay, Kasimir Malevitsch und Daniel Spoerri von außergewöhnlicher Bedeutung für ihre Zeitgenossen und für die künstlerischen Wege im 20. Jahrhundert war.

Neben den vielfältigen, durch die Anordnung der Werke eröffneten Korrespondenzen, kenn-zeichnet die Elf Räume eine ausgewogene Präsentation von Werken der Moderne, Nachkriegsmoderne und dem Zeitraum ab den 1960er Jahren. Im Bereich der grafischen Sammlung (Raum 5 bis 7) wechselt die Präsentation im Turnus von vier Monaten mit jeweils neuen historischen und thematischen Schwerpunkten.

Elf Räume

Raum 1: Das Spiel mit der Wahrnehmung: Abstraktion und Figürlichkeit
Dieser Raum stellt insofern eine Ausnahme innerhalb der Elf Räume dar, als er Gemälde aus äußerst unterschiedlichen Zeiträumen zusammenbringt. Während die Arbeit von Robert Irvin aus den 1970er Jahren stammt, gehören die Gemälde von Tatjana Doll und Markus Vater zu der kleinen Auswahl an zeitgenössischen Werken der Sammlung. Am Ende der Rampe, die zum Bereich der Sammlung führt, stehen sie paradigmatisch für die zwei großen bildnerischen Tendenzen des 20. Jahrhunderts: An der Stirnwand führt Vaters surreale Kom-position eindrucksvoll vor Augen, dass auf unsere Wahrnehmung nicht in jeder Hinsicht Verlass ist. Auf der Längsseite fordert uns Doll dazu auf, unserer Umgebung, obgleich wohlver-traut, doch neue Aufmerksamkeit zu schenken.

Raum 2: Weiße Stille: Zero
Auf dem äußeren Umlauf des Balkons setzt sich das Thema der Wahrnehmung fort. Zunächst sind hier einige monochrome Werke aus dem Bereich der Zero-Kunst versammelt, in deren Weiß ein besonderer Moment der Ruhe liegt. Das Streben nach Stille und Balance gehört zu den zentralen Eigenschaften der Zero-Künstler, die wie Heinz Mack und Günther Uecker vor allem in Düsseldorf arbeiteten, in ihrem Einfluss jedoch weit über das Rheinland hinaus wirkten. So bildete sich in den Niederlanden die Gruppe nul (Null), zu deren Mitgliedern Jan Schoonhoven zählte. In entfernter Korrespondenz zum meditativen Anspruch der Zero-nahen Künstler steht die Mediationsmühle des Fotografen Chargesheimer.

Raum 3: Flirrende Raster: Op Art
Als eine Weiterentwicklung der konkreten Kunst wie der Zero-Kunst kann die Op Art der 1960er Jahre gelten, deren rasternde Strukturen und Farbspiele irritierende visuelle Eindrücke entstehen lassen. Nichts weniger als die Mechanismen und die Gültigkeit der menschlichen Wahrnehmung stellen die flirrenden schwarz-weißen oder farbigen Raster von Viktor Vasarely, Horst Bartning, François Morellet und Piero Dorazio in Frage.

Raum 4: Objekte in der Kunst: Fluxus und britische Pop Art
Neben den Phänomenen der sinnlichen Wahrnehmung war die Kunst der 1960er und -70er Jahre von einer intensiven Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Ritualen des Alltagslebens bestimmt. In dieser Hinsicht zählte die amerikanische Pop Art, die sich bereits seit den späten 1950er Jahren entwickelte, zu den prägenden Strömungen ihrer Zeit. In Europa wurde diese Auseinandersetzung mit der Populärkultur vor allem in Großbritannien fortgeführt. Zu den Vertretern zählten vor allem Richard Hamilton, Joe Tilson und Eduardo Paolozzi, deren Siebdrucke und Collagen zahlreiche Facetten der Konsumwelt thematisie-ren. Dieses Thema spielt ebenfalls bei den Objektarbeiten der Nouveaux Réalistes eine zentrale Rolle, die 1960 in Paris zusammen fanden. Zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe zählt auch Daniel Spoerri, der wenig später zu den Protagonisten der Fluxus-Bewegung gehörte, deren Zentrum vor allem im Rheinland lag. Arbeiten dieses losen Zusammenschlusses an Künstlern schließen häufig humoristisch verfremdete Objekte des Alltaglebens ein, wie etwa die Optimistic Boxes No. 4 and No. 5 von Robert Filliou, bei der es sich um ein Sparschwein handelt.

Raum 5: Der Alltag im Visier: Pop Art
In den Räumen 5 bis 7 finden sich Werke der grafischen Sammlung, deren Auswahl im Turnus von vier Monaten wechselt. Für den Auftakt der hackordnung # 2 versammelt Raum 5 Papierarbeiten - vor allem Siebdrucke - amerikanischer Pop Art-Künstler. Neben den beiden Pionieren Jasper Johns und Robert Rauschenburg sind mit Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Claes Oldenburg die wichtigsten Figuren dieser Bewegung versammelt, so dass ein direkter Anschluss an Raum 4 gegeben ist.

Raum 6: Drucksachen: Künstlerbücher, -postkarten und weiteres im Druck
Auch die verschiedenen Drucksachen, die in den fest eingebauten Vitrinen ausgestellt sind, erlauben direkte Verbindungen zu den künstlerischen Entwicklungen der 1960er Jahre. Wurden Drucksachen wie Ausstellungskataloge, Einladungskarten und Plakate bis zu jener Zeit eher als Ephemera angesehen, die im Verhältnis zu den ausgestellten Kunstwerken allein informierende und werbende Funktionen hatten, entdeckten Künstlerinnen und Künstler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Buch, die Postkarte oder die Schallplatte als primäre Träger ihrer Botschaften. Vom Beiwerk mauserten sich die Ephemera damit zum Werk. Es ist vor allem der Sammlung Beck zu verdanken, dass die Vitrinen mit einer Vielfalt künstlerisch gestalteter Drucksachen zu bestücken sind.

Raum 7: Purismus und Lebensreform: Das Staatliche Bauhaus
Wenngleich es auf den ersten Blick nicht so scheint, so steht dieser Raum in enger Beziehung zu sämtlichen Bereichen der Elf Räume, da hier aus den Grafikbeständen erstmals die Arbeiten von Lehrern und Schülern des Staatlichen Bauhauses in großer räumlicher Nähe präsentiert werden. 1919 in Weimar gegründet und von 1925 bis 1933 zunächst in Dessau, dann in Berlin ansässig, wurde am Bauhaus eine gestalterische Lehre entwickelt, deren Grundsätze weit über die Grenzen Deutschlands und über die Zeit der Weimarer Republik hinaus in die Welt getragen wurden. Über den ganzheitlichen Ansatz des Bauhauses, der Kunst und Leben als untrennbare Einheit auffasste, reicht der Bogen bis zu den verschiedenen künstlerischen Bewegungen der 1960er Jahre. Vor allem stehen die Forderung nach elementaren künstlerischen Gestaltungsmitteln in Korrespondenz zu den Entwicklungen der konstruktiven und konkreten Kunst, die vor allem die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte.

Raum 8: Freiheit von Farbe und Form: Expressionismus und Kubismus
Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden mit dem Expressionismus in Deutschland und dem Kubismus in Frankreich zwei Bewegungen, welche entscheidend zur Ablösung von einer akademischen, auf illusionäre Nachahmung setzenden, Kunstauffassung beigetrugen. Stattdessen rückten die gestalterischen Mittel ins Zentrum der künstlerischen Auseinandersetzung. Bei den deutschen Expressionisten bezog sich dies vor allem auf die Farbe - dies gilt, wie Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner und Max Pechstein zeigen, sowohl für die Gruppierung Die Brücke in Dresden und Berlin als auch für den losen Zusammenschluss Der Blaue Reiter in München, dem Wassily Kandinsky und August Macke angehörten. Wesentliche Impulse für die Beschäftigung mit den formalen künstlerischen Mitteln kamen in jenen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg aus Frankreich. So beschäftigte sich der Maler Robert Delaunay mit der Zusammensetzung und Wirkung von Farben, was vor allem die Künstler des Blauen Reiters beeindruckte. Zudem fand in der Folge von Pablo Picasso und Georges Braque die kubistische Zerlegung der gegenständlichen Form statt. In frühen Werken von Max Ernst und vor allem in den Gemälden von Jean Metzinger hallt dieses Echo nach.

Raum 9: Abstraktionen in Europa: Suprematismus, Konstruktivismus und Abstraction-Création
Neben dem italienischen Futurismus, den in der Sammlung eine Arbeit von Giacomo Balla vertritt, führen die Experimente expressionistischer und kubistischer Künstler europaweit zur Entwicklung der abstrakten Kunst. Dabei ist nicht von der abstrakten Kunst die Rede, da sich verschiedene Strömungen und Schulen herausbildeten.
Eine herausragende Bedeutung hat das Schaffen von Wassily Kandinsky, dessen Strahlkraft innerhalb der Elf Räume durch seine zentrale Platzierung zwischen den Räumen 8 und 9 betont wird.
Von zentraler Bedeutung waren zudem die Vorstöße der russischen Avantgarde, denen innerhalb der Elf Räume durch eine sogenannte Petersburger Hängung Tribut gezollt wird. Einen Ehrenplatz erhält das Gemälde Schwarzes Rechteck, rotes Quadrat von Kasimir Malevitsch, eine der ersten suprematistischen Arbeiten des Russen. Es waren diese auf das Quadrat reduzierten und zugleich spirituell durchsetzten Werke, welche zahlreiche Zeitgenossen von Malewitsch auf den Weg der Abstraktion führten. Mit Gemälden von El Lissitzky und László Moholy-Nagy wird eine weitere Arbeit von Malewitsch auf der Mitte der Wand mit zwei Bewunderern zusammengebracht, welche sein Konzept konstruktivistisch wendeten. Dem gesellen sich - verteilt über die gesamte Wand - Angehörige der russischen Kubofuturisten, Rayonisten und Suprematisten, der Berliner Künstler Erich Buchholz sowie Rudolf Jahns und Carl Buchheister als Mitglieder der abstrakten hannover hinzu.
Etwas zeitversetzt zu Russland und Deutschland etablierte sich die abstrakte Kunst auch in Frankreich. Dabei spielte wiederum Delaunay eine entscheidende Rolle, der - ebenso wie Gleizes, Valmier, Herbin und viele andere - zu den Mitgliedern der umfangreichen Gruppe Abstraction-Création gehörte. Ihre Werke finden sich an der Wand gegenüber den Russen und setzen sich an den Wänden des folgenden Raums fort.

Raum 10: Geometrische Formen: Konkrete Kunst
Bereits 1930 hatte der Niederländer Theo van Doesburg den Begriff der Konkreten Kunst geprägt. Darunter verstand er Werke, die weder die persönliche Handschrift des Künstlers noch emotional-expressive Absichten zu erkennen gaben. Vielmehr sollte ihre Komposition aus mathematisch-geometrischen Gesetzmäßigkeiten hervorgehen. In der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg schloss sich seinen Forderungen eine Vielzahl von Künstlern an, darunter Friedrich Vordemberge-Gildewart, ein Mitglied der abstrakten hannover, sowie Max Bill, Verena Loewensberg, Camille Graeser und Richard Paul Lohse, welche die Gruppe der Zürcher Konkreten gründeten. Nicht allein die geometrische Struktur, sondern auch die Formate ihrer Werke machen den gemeinsamen Nenner ihrer Gemeinschaft augenscheinlich.

Raum 11: Bedeutsame Gesten und Materialien: Informel und abstrakter Expressio-nismus
Die Korrespondenz zwischen Künstlern und Künstlergruppen bedeutet nicht immer Harmo-nie und Zustimmung, sondern häufig auch Reibung und Verschiedenheit. Entsprechend findet sich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht allein die Tendenz zu strenger geometrischer Abstraktion. Bezeichnet als Informel (in Europa) und abstrakter Expressionismus (in den Vereinigten Staaten) setzen sich zudem künstlerische Richtungen durch, welche die spontane persönliche Geste des Künstlers, wie im Fall der Gemälde von Georges Mathieu und Jackson Pollock, sowie zufällig entdeckte Eigenschaften des Materials, etwa bei Mando Millares schätzten. In Deutschland zählen neben Paul Klee vor allem Willi Baumeister und Ernst Wilhelm Nay zu den Vorbildern dieser Richtung. In Frankreich spielten die Werke Jean Dubuffets, der sich an Zeichnungen von Kindern und Geisteskranken orientierte, eine große Rolle. Aufgrund der zeitlichen Parallele dieser mathematisch-abstrakten und gestisch/materiell-abstrakten Stile, werden die verschiedenen Tendenzen der Nachkriegszeit in engem räumlichen Zusammenhang gezeigt.


Nina Gülicher

Nina Gülicher, Jahrgang 1975, studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Neuere deutsche Literatur in Berlin und Paris. Sie promovierte 2008 an der Freien Universität Berlin mit einer Dissertation über die inszenierte Skulptur bei Rodin, Rosso und Brancusi. Nach der freien Mitarbeit bei verschiedenen Berliner Ausstellungsinstitutionen und -projekten von 2000 bis 2002 und einem Forschungsaufenthalt am Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris 2005/2006 arbeitete sie von 2006 bis 2009 als wissenschaftliche Volontärin und freie Mitarbeiterin am Museum Ludwig in Köln, wo sie unter anderem die Ausstellungen "Matti Braun. Özurfa" und, gemeinsam mit Prof. Kasper König und Andrea Tarsia, "Isa Genzken. Sesam öffne dich!" kuratierte.




[zurück]