Landkreis S├╝dliche Weinstra├če / Kreisverwaltung S├╝dliche Weinstra├če
 
Heidi Herbener-Gioan und Martin Lorenz
Malerei, Skulptur
26.10.08 bis 21.11.08

Einführung von Dr. Matthias Brück

Wir leben in einer Zeit, die zum größten Teil vom Zwang der Termine und Fristen diktiert wird. Alles scheint nur noch mobil und unter dem Einsatz extremer Rasanz praktiziert werden zu können. Was Wunder, dass vor kurzem Jürgen Habermas die ironische Frage stellte, ob das Hecheln zur neuen Leitgeschwindigkeit geworden sei.

So könnte die heutige Ausstellung von Heidi Herbener-Gioan und Martin Lorenz geradewegs als eine künstlerische Reaktion auf diese Entwicklung angesehen werden. Denn: abseits von jeglicher Hektik, abseits von aller Getriebenheit, finden beide - je auf eigene Weise zu einer überraschenden Art von Kontemplation und Nachdenklichkeit... Nicht gerade selbstverständlich in unseren Tagen!

Heidi Herbener-Gioan gibt sich nicht mit dem vermeintlich Vordergründigen, mit dem direkt Sichtbaren zufrieden. Ihre Exponate - häufig Mischtechniken oder Kombinationen aus Hochdruck, Siebdruck, Collage, Digitaldruck, Schrift, Wachs und Fotos - scheinen sich immer wieder konzentriert, doch gleichzeitig gelassen, einem unsichtbaren Wesentlichen anzunähern. In einer häufig zurückgenommenen Farblichkeit begegnen sich in teilweise fast noch gegenständlicher Form flüchtige Wahrnehmungen. Verschwundenes scheint sich zu erkennen zu geben und bleibt zumeist doch wieder verborgen.

Bisweilen erscheinen diese Kompositionen wie ein romantisch poetischer Blick in die Tiefen einer überlagerten, eigentlichen Realität, die erst noch freigelegt, aufgedeckt werden muss. Und diese Künstlerin schafft Lichtungen, in denen der Betrachter für einen Moment von allen ihn irritierenden Einflüssen und Ablenkungen befreit, zu einem anderen Ort gelangen kann. Immer wieder glänzend komponiert durch ein Zusammenspiel unterschiedlichster Farbenintensität, von zarten Linien und durchscheinender Helligkeit.

Diese immer wieder angedeutete Befreiung aus einer möglichen existentiellen Enge ist kein magischer Vorgang, vielmehr ein Loslösen, das etwas an die Lichtmetaphysik Platons erinnern könnte. Zitat Herbener-Gioan: "Der Betrachter betritt eine Lichtung... die Leere der Lichtung in sich selbst schaffend, wird er empfänglich für die Kraft der Stille, die wiederum Bewegung erzeugt".

Nicht umsonst finden Sie in diesen Werken Risse oder Öffnungen, die vom Sichtbaren zum Unsichtbaren führen sollen. Ob in abstrakter Reduzierung, ob als ein Schauen durch Fenster oder architekturähnliche Formationen oder ob als ein Aufgehen in beinahe kosmische Dimensionen: Stets sind es mögliche Durchgänge, Zeichen einer ständigen Suche ohne inhaltlich dogmatische Vorgaben. Ungewöhnliche Schnittstellen von Kunst und Philosophie!

"Zurück zur Natur" - postulierte einst Jean-Jacques Rousseau und hat sicherlich bis heute noch die mannigfaltigsten Anhänger auf seiner Seite. Doch was erwartet den, der sich diesem Satz verpflichtet fühlt - umhüllt von CO2-Dunst und stets in Gefahr, ins nächste Ozon-Loch zu fallen?

Martin Lorenz gibt darauf vielschichtige Antworten, die nicht ein übliches Lamento bemühen, vielmehr eine sensible Nachdenklichkeit in Gang setzen dürften. Es sind Relikte des Vergangenen, die dieser Künstler in unaufdringliche ästhetische Formen kleidet. Gewiss spürt man auch eine verhaltene Tristesse, ein mögliches Sich-Sehnen oder Bedauern: doch zumeist können diese Arbeiten als Zeugen früherer Vitalität und einstiger Schönheit gelten. Das gilt selbst für die "Vernarbungen", Kupferreliefs, die in ihrer mannigfaltigen Faltung deutlich Verletzungen aufweisen und doch - je nach Lichteinfall - in ihrer farblich variierenden Komposition die einstigen schmerzlichen Eingriffe vergessen lassen können.

Eine Faszination des Sowohl-als-auch, die sich ebenso bei den verschiedenen, schlicht "Landschaft" betitelten Bronze- bzw. Papier-Plastiken fortsetzt. Felder von abgestorbenen Sonnenblumen bilden zwar streng stilisiert ein "nature morte"-Motiv, doch gleichzeitig wohnt diesen Pflanzen die Kraft möglicher Erneuerung inne.

Ein Beispiel wie Martin Lorenz aus dem zufälligen Finden, aus der Begegnung mit einem Stück Natur über deren aktuellen Zustand hinaus zu verweisen versteht. Dieser Künstler beherrscht die sanfte Dialektik von Werden und Vergehen. Doch bisweilen wird seine unterschwellige Kritik des menschlichen Umgangs mit der Natur deutlicher. So werden seine "Trophäen", jene stolzen Widder- oder Bock-Schädel zu mehr als des Jägers Glück an der Wand; sie spiegeln direkt-indirekt auch die fatale Arroganz menschlicher Hybris - ganz im Sinne des Neuen Testamentes: "Der Mensch mache sich die Erde untertan".

Auch die verschiedenen Vogelköpfe, storchenähnlich oder an den urzeitlichen Archäopterix erinnernd, verweisen - über die gestalterische Brillanz hinaus - auf Untergang und Unterwerfung. Der Käfig ist und bleibt dafür ein Symbol. Selbst die "Friedenstaube" scheint wie eine versteinerte Reliquie diesem Schicksal nicht entgangen zu sein. Und dennoch entdeckt man stets ebenso harmonisch konzipierte Aussagen wie zum Beispiel eine wandteppichartige Dichte papierener Blüten, die an eine unversehrte Natur zu erinnern vermögen.

Sie sehen, Martin Lorenz garantiert eine umgreifende Sicht auf das Phänomen "Natur", vermeidet Einseitigkeiten der Interpretation und ermöglicht somit einen sinnvollen Dialog! Genießen Sie also die Begegnung mit zwei ungewöhnlichen Kunstschaffenden und vergessen Sie das Gerede über die Finanzkrise: denn die Exponate hier sind problemlos käuflich zu erwerben!


Heidi Herbener-Gioan

1948
- geb. in Velbert

1970-1974
- Studium der Germanistik und Philosophie in Frankfurt/ Main

1990-1994
- Kunstschule Villa Wieser, Herxheim


Einzelausstellungen und Projekte:

1998
- Relais Culturel, Wissembourg (Frankreich), "air circuit" / "Windspuren: fatal error"

1999
- Konzeption und Realisation eines spartenübergreifenden Projektes im Rahmen der
  Kulturtage Südliche Weinstraße und des Kultursommers Rheinland-Pfalz,
  Theaterschauspiel, Konzert, Ausstellung Bad Bergzabern, "Die Entdeckung der Liebe,
  Rendez-vous von Troubadours und Minnesang"

2000
- Rehabilitationszentrum Südwest für Behindert gGmbH, Karlsruhe, "Transformation des
  zweiten Blicks"

2002
- Konzeption und Realisation eines spartenübergreifenden Projektes im Rahmen des
  Kultursommers Rheinland- Pfalz, Ausstellung, philosphischer Essay, Konzert,
  Frank-Loebsches Haus, Landau, "…als das Wünschen noch geholfen hat"

2004
- Bordeaux (Frankreich), XVème Grand Salon International d'Arts Plastiques
- Les Espaces- Ateliers Mustacchi, Marseille (Frankreich), "L'Allemagne et la Norvège
  à l'Honneur"

2005
- Europarat, Straßburg (Frankreich), "Flocons de silence…"
- Kunstverein, Neustadt, "Kunstwechsel"

2006
- Kunstgalerie Fürstenwalde, "7. Ausstellung Miniatur in der Bildenden Kunst 2006"

2008
- Chapelle Saint-Quirin, Sélestat (Frankreich), "Clairières du temps, Zeit-Lichtungen"


Martin Lorenz

1952
- geb. in Landau in der Pfalz

1974-1979
- Studium an der Kunstakademie Karlsruhe

1993-1999
- Auslandsaufenthalt in Bilbao (Spanien), Freundschaftliche Kontakte zu baskischen
  Künstlern

2008
- Atelier W 27 in Rhodt unter Rietburg

seit 1979
- freischaffende künstlerische Tätigkeit und verschiedene Lehrtätigkeiten. Arbeiten in
  privaten und öffentlichen Sammlungen, z.B. Kreisverwaltung Südliche Weinstraße, Stadt
  Wiesbaden, Städtische Galerie Karlsruhe


Ausstellungen (Auswahl):

seit 1977
- Beteiligung an Gruppenausstellungen in Karlsruhe, München, Landau, Ludwigshafen,
  Neustadt/Weinstraße, Wörth/Rhein, Paris, Kaiserslautern, Wendlingen, Pforzheim,
  Baden-Baden, Frankfurt, Wiesbaden, Köln

1999
- Casa de Cultura in Mungia/Bilbao (Spanien)
- Casa de Cultura in Gernika (Spanien)

2000
- Kunstverein Villa Streccius, Landau, "Jurierte Mitgliederausstellung"

2001
- Kreishaus SÜW, Landau, "Stadt, Land, Fluss"
- Baden-Baden, "Residenz Bären Kunstpreis"

2002
- Frank-Loebsches Haus, Landau in der Pfalz

2003
- MED-ZEN, Landau in der Pfalz
- Künstlerhaus Karlsruhe BBK, "Grafik"

2005
- 1. Künstlermesse Baden-Württemberg, Stuttgart
- Baden-Baden, Innenstadt, "Flagge zeigen"

2006
- Regierungspräsidium, Karlsruhe, "Chemin de Papier"
- Villa Böhm, Neustadt/Weinstraße, "50 Jahre KV Neustadt"

2007
- Kunstverein Villa Streccius, Landau, "Jurierte Mitgliederausstellung"

2008
- Kreishaus Südliche Weinstraße, Landau in der Pfalz
- Gesellschaft der Freunde junger Kunst, Baden-Baden, "Die Zeichnung"
- Pfalzgalerie Kaiserslautern, "Pfalzpreis Plastik"




[zur├╝ck]