Helga Sauvageot: "Bewegung und Illusion"
Bildhauerei
20.04.07 bis 03.06.07
Helga Sauvageot
Vita
- geb. in Rheydt
- Abitur in Karlsruhe - Kunststudium im Fachbereich Bildhauerei und architektonisches Entwerfen - Teilnahme an Bildhauersymposien
- zahlreiche Ausstellungen und Wettbewerbe im In- und Ausland - mehrfache Preisträgerin bei Ideenwettbewerben
- Werke im öffentlichen Raum und in Privatsammlungen
Einführung von Dr. Matthias Brück (Landau)
Nehmen Sie sich ein Beispiel an dem draußen aufgestellten Hahn! Das heißt, seien Sie "auf dem Sprung"! Denn dieser Hahn - wie seine Artgenossen hier in der Galerie - ist eben kein Gockel, der lüstern hinter seinen Hühnern her ist. Denn bei Helga Sauvageot läuft er zur plastischen Höchstform auf, die etwas dokumentiert, was heute in der Kunst nur selten anzutreffen ist: Eine Portion Fröhlichkeit, die ansteckt, ohne sich anzubiedern, ein Flair von Heiterkeit, in der sich die Freude am Arbeiten zu spiegeln scheint.
Dabei sind Assoziationen zu menschlichen Verhaltensweisen wohl erlaubt, allerdings keine Vorbedingung zum Genießen: Wenn da z.B. ein Hahn mit stolzgeschwellter Brust lauthals kräht, wenn sein gesamter Körper zu einem Schrei zu werden scheint oder wenn er von Pfosten zu Pfosten springt, wie einst die Mönche des Shaolin-Klosters beim Kungfu-Training, dann befinden Sie sich bereits in einer der "künstlerischen Kammern" von Helga Sauvageot.
Doch gleich daneben sozusagen treffen Sie bei Plastiken wie "König und Königin" auf eine ruhige, harmonische Geschlossenheit, auf ein sensibles Vertraut-Sein, das sich allein durch die innige Komposition der Körper auszudrücken vermag und einer physiognomischen Ausarbeitung nicht bedarf.
Einmal können Figuren mit porös-blättriger Oberflächen-Strukturen überzeugend menschliche Grundbefindlichkeiten reflektieren, dann wiederum erscheinen manche Plastiken in glatt abstrahierter Eleganz, sind einer anderen Stilistik verpflichtet und fassen den Menschen in einer extrem reduzierten Symbolik.
Beispielhaft dafür der Zyklus "Ballo di liberta", der "Tanz der Freiheit". Da werden Formen in Grenzbereiche zurückgenommen, appellieren an eine erweiterte Vorstellungskraft des Betrachters, indem sie aus den minimalsten Vorgaben die größtmögliche Spannung, das verborgene Potential von Inhalten indirekt demonstrieren. Konzentrierte Exponate, die Stimmungen, Befindlichkeiten und existenzielle Möglichkeiten in einem Reigen des Unvollkommen-Freien bündeln, sich längst von den üblichen Erwartungen gelöst haben.
Vielleicht ist es ja eine der faszinierenden Eigenschaften dieser Künstlerin, dass sie ihre Arbeiten in die unterschiedlichsten Erscheinungsweisen von Bewegung fasst. Da wirbeln - gerade in der Vitrine - filigrane Gestalten wie "Säulenakrobaten" oder "Bänkelsänger" frei und unbeschwert durch ihr eigenes unverkrampftes Leben. Steigen auf, halten die Balance, scheinen längst den einengenden Alltag der Verordnungen und Regeln suspendiert zu haben.
Alle sind hier ungebunden - vergleichbar mit den imaginären kleinformatigen Landschaften, die Helga Sauvageot nicht umsonst "Rhythmus des Fließens" betitelt hat. Mit geradezu expressiver Energie durchströmen sich hier die Elemente, symbolisieren Ursprung und Fortgang jeglicher Existenz. Nur: Wie Stuhl und Meer miteinander in Beziehung stehen, das könnte die Betrachter länger beschäftigen. Vielleicht tangieren diese Bilder ja metaphorisch den Gegensatz von statischem Beharren und evolutionärem Elan oder, im übertragenen Sinn, von Dogma und Idee.
Diese Künstlerin hat sich ja dem Wechselspiel zwischen Intention und Imagination verschrieben, wie sie selbst sagt. Sie versteht das subtile Spiel mit Volumen, Spannung und kontrastierenden Ebenen ebenso wie den emotionalen Dialog mit dem Material. Und so wundert es nicht, wenn diese Dialog-Resultate nicht selbstherrlich von ihr festgelegt wurden, sondern Eigenschaften der unterschiedlichsten Stoffe die jeweilige Komposition mitbestimmten.
Jetzt verstehen Sie vielleicht, warum Helga Sauvageot einmal die miniaturhafte figürliche Darstellung bevorzugt, um dann wiederum - beinahe lebensgroß - in eine teilabstrakte Formsprache überzugehen. Dafür stehen dann Exponate wie "Mystik" oder "Plurabella". Bei ihnen wird die vorher körperlich akzentuierte Bewegung gewissermaßen zur Denk-Bewegung. Wird ins Innere der Exponate verlagert, um somit eine Spannung aufzubauen, die sich nicht laut und pathetisch demonstriert, vielmehr die Aura einer inneren Ruhe, einer positiven Geschlossenheit garantiert - hin zum Geheimnisvollen, Unsagbaren.
Diese Qualitäten entbergen sich ebenso bei den Kleinplastiken "Il carne" und "Dynamik" - trotz ihrer teilrealistischen Ausführung. Und natürlich auch bei der Arbeit "Gegen den Wind" - vielleicht ein Selbstportrait von Helga Sauvageot?
Wie auch immer Sie sich entscheiden mögen beim Ankauf eines dieser Exponate, diese Kunst täuscht Sie nicht, gaukelt Ihnen nichts vor - und das wird immer seltener in unserem multimedialen, virtuell inszenierten Dasein.