Karlheinz Schmeckenbecher und Hans Ehrhardt
Fotografie, Skulptur
27.02.04 bis 28.03.04
Karlheinz Schmeckenbecher: "Fischer, Neupotz", 1985, Handabzug, Baryt-Papier matt, 40 x 60 cm
Jahrzehnte hat Karlheinz Schmeckenbecher, Jahrgang 1952, als Presse-Fotograf gearbeitet. Man kannte und schätzte seine Aufnahmen, die trotz der Hektik dieses Berufes, trotz der Flüchtigkeit der jeweiligen Motive stets den eigenen Charakter bewahrten. Er entwickelte Serien von Fotografien die eines gemeinsam haben: die unspektakuläre, aufmerksame Hinwendung zu Menschen und pfälzischen Landschaften. Menschen und Natur erscheinen in harmonischer Eintracht.
Hans Ehrhardt, Jahrgang 1931, lebt und arbeitet in Gossersweiler-Stein. Er ist ein Künstler, bei dem die alte Tugend der Entsprechung von künstlerischem Ideal und handwerklicher Fertigkeit auf eindrucksvolle Weise intakt geblieben ist. Ehrhardt ist Mitglied der Südpfälzischen Kunstgilde und in der Region schon bei vielen Ausstellungen beteiligt gewesen. Seine Arbeiten aus Eisen, Eisenblech und Fundstücken aus dem Bereich "Werkzeug" fügen sich zu strengen und doch vielschichtigen Plastiken zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Kritische Implikationen, Formen des Schönen wie ein indirektes Erfahren von Transzendenz zeichnen diese Werke aus.
Einführung von Dr. Matthias Brück
Die Galerie Altes Rathaus in Wörth präsentiert eine Ausstellung der besonderen Art: durchweg - mit einer winzigen Ausnahme - ohne Farbe, dennoch in keinster Weise "farblos"! Entgegen der zeitgenössischen Dauer-Praxis setzt sie nicht auf einen bunten Event-Charakter, sondern rührt an nachdenkenswerte Sphären …
Gerade als Kontrapunkt zur gepflegten Hektik, zur Steigerung des hochstilisierten Banalen, setzen die Exponate von Karlheinz Schmeckenbecher und Hans Ehrhardt Betrachter voraus, denen es tatsächlich um ein echtes Nachsinnen, Nacherleben geht.
Die Photographien von Karlheinz Schmeckenbecher führen in weiten Teilen in eine vergangene Welt, in der Mensch, Natur und tägliche Arbeit in einem selten-seltsamen Einklang zu stehen schienen. Verstehen Sie das bitte nicht als fragwürdige Idyllisierung; doch trotz der Belastung und Schwere ihrer jeweiligen Beschäftigung haben diese Menschen - Musiker, Geigenbauer oder Bauersfrauen einen Gesichtsausdruck, der jene innere Zufriedenheit widerspiegelt, der heute so selten geworden zu sein scheint …
Darüber hinaus ist alles echt: niemand hat sich geliftet, keiner trägt "Boss" oder ahmt irgendein Kurzzeit-Model nach. Außerdem erweist sich Karlheinz Schmeckenbecher als ein wahrer Entdecker längst vergessen geglaubter Berufe: da begegnen Sie beispielsweise einer Bürstenbinderin, einem Kistenmacher oder einem Schnapsbrenner. Und wieder zeigen sich diese Personen in einer ungekünstelten Natürlichkeit, einer fraglosen Selbstverständlichkeit ohne Eigen- und Fremdinszenierung …
Die Kompositionen selbst atmen geradezu eine Ruhe, eine in sich ruhende Gelassenheit, die einem fast neidisch manchen könnte. - Selbst der mahnende Alte - inmitten von Relikten einer Panzersperre - fügt sich trotz warnender Geste - in dieses eigene Reich der Stille und Beschaulichkeit ein. Die Natur, Ausschnitte pfälzischer Landschaften, bewahrt trotz menschlicher Eingriffe ihren eigenen Charakter, ja fast ein Stück Erhabenheit im Wechsel der Jahreszeiten. Und wenn das Mütterchen vor seinem bescheidenen Stand das Wochenmarkt-Getümmel geduldig an sich vorüberziehen lässt - bei ihr steht man nicht drängelnd Schlange - dann hat das fast etwas Tröstliches …
All diese Exponate dokumentieren lebendige, leibhaftige Personen, besser Persönlichkeiten. Abgesehen von Namen oder dem Datum der Aufnahme, verzichtet dieser Photo-Künstler auf jegliche Titel. Schließlich faszinieren diese Arbeiten aus sich selbst heraus.
Was die Meisten achtlos übergehen beziehungsweise dem Sperrmüll überantworten, das wird für Hans Ehrhardt zu einem Recycling-Material der besonderen Art. Denn er entdeckt im Eisen, Eisenblech, in gebraucht-verbrauchten Maschinenteilen und Werkzeugen verborgene Qualitäten, Geheimnisvolles, das ihn regelrecht zum Formen, Gestalten, zum Gewinnen von Aussagen drängt.
Von wenigen Ausnahmen abgesehen, scheinen sich diese Werke in einem offenen Raum von Abstraktion und kaum zu ahnender Gegenständlichkeit zu bewegen. Könnten auf den ersten Blick gewissermaßen autonom und ohne Bezug zur Wirklichkeit verharren.
Streng - ohne Schnörkel und ablenkendes Ornament - scheinen sie sich selbst zu genügen. Strahlen eine verhaltene Möglichkeit von diskret-ästhetischer Schönheit aus, faszinieren durch ihre stringente, unbestechliche Form: und doch ist das nur die eine, eher zweitrangige Seiten, der Medaille.
Denn bei diesem Künstler gilt: keine Plastik ohne tieferen Sinn, ohne ironisch-kritischen Hintersinn. Das beginnt beispielhaft mit dem "Unfall in der Gentechnologie" einem gar fürchterlichen Ergebnis missgeleiteter Forschung, der gegenüber das leider verstorbene Muster-Schaf "Dolly" jeden Schönheitswettbewerb gewonnen hätte. Hier arbeitet der Künstler fast ausnahmsweise einmal direkt-provokativ, bevor er an anderer Stelle - wie bei den "Geklonten Drillingen" - dieses Thema - ästhetisch überhöht - auf einer anderen Ebene interpretiert.
Oft ist der jeweilige Titel ein Schlüsselwort, eine Initialzündung, die den Betrachter auf den richtigen Interpretationsweg führt. Mal fällt das leichter - wie in der Plastik "gepeinigt", mal verlangt es ein historisches Besinnen - wenn man an "Revolution wird zum Alptraum" denkt: ein Erinnern an die verheerende soziale Wirkung der Erfindung der Nähmaschine …
Immer wieder sind es die Gegensätze, die diesen Künstler beschäftigen: "Adam" und "Eva", "Geben und Nehmen" bis hin in die Sphäre kinetischer und molekularer Faszination. Die treten allerdings nicht als unvereinbare Widersprüche auf, sondern berühren eine Weise von prästabilierter Harmonie, die Hans Ehrhardt ebenso wie seine "ars combinatoria" mit Leibniz zu verbinden scheint.
Und von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zum indirekten Erfahren von Transzendenz, das sich verhalten und erhaben zugleich im Werk "Anbetung" widerspiegeln dürfte …
Wenn Ihnen das nun zu reflexionsbeladen erscheint, dann erholen Sie sich bei der witzigen Interpretation des Begriffes "zugeknöpft". Nur sollten Sie sich diese Vokabel nicht zum Leitfaden für heute Abend wählen. Zeigen Sie sich offen für das von beiden Künstlern Offerierte und vergessen Sie nicht: auch nach der Steuerreform - kein Künstler lebt vom Brot allein!