/ Galerie Altes Rathaus Wörth
Mareile Franziska Martin: "Acheron"
Fotografie, Zeichnungen
17.03.06 bis 23.04.06
Mareile Franziska Martin
Mareile Franziska Martin: "Acheron"

Einführungsrede von Dr. Matthias Brück

Eines ist sicher: Sobald Sie hier eingetreten sind, haben Sie Ihre so genannte Welt verlassen, verlieren die gewohnte Orientierung, finden sich in einer gänzlich anderen Realität wieder. Es ist die Wirklichkeit des Mythos, der über die Jahrtausende hinweg wirkt, gestaltet, umgestaltet wurde und jetzt in einer anderen, ungewöhnlichen Weise die Fotografien von Mareile Martin begleitet und bestimmt.

Sie entsinnen sich vielleicht: Mit Hilfe des Fährmannes Charon konnte der Fluss "Acheron", auch "Styx" genannt, der Ober- und Unterwelt voneinander trennt, überquert werden. Danach war man all seine Sorgen - sprich Erinnerungen los. Gewiss nicht die schlechtesten Vorraussetzungen für die Ewigkeit! Das Vergessen als Eintrittskarte in ein problemloses, wenn vielleicht auch ein wenig langweiliges Schatten-Reich.

Natürlich erzählt diese Künstlerin diesen Mythos nicht nach, sie interpretiert ihn zum Teil, lässt ihn stets indirekt anwesend bleiben - und entmystifiziert ihn zugleich. Nichts hat hier bleibenden Bestand. Alles unterliegt dem Fließenden, Flüchtigen, scheint einer unentrinnbaren Bewegung ausgeliefert zu sein. Das Unwirkliche verstärkt sich von Moment zu Moment, den die Kamera schlaglichtartig aufgenommen hat.

Die Schatten, Abbilder im beinahe platonischen Sinn des Höhlengleichnisses, mögen auf die eigentliche Existenz des Menschen verweisen, verstärken aber eher die geheimnisvolle Aura des jeweiligen Exponates. Die Konturen, die Silhouetten treten einmal mehr, einmal weniger sichtbar hervor, scheinen im Auflösen begriffen zu sein, schwingen in einem schwebenden Hell-Dunkel von Blautönen. Die Körper gleiten bisweilen fast symbiotisch im Wasser, um im nächsten Augenblick fast hilflos zu erstarren, als wären sie unter einer unsichtbaren Eisdecke eingeschlossen.

Doch auch diese Eindrücke liefern keine endgültigen Interpretationen, wie Sie leicht feststellen können, wenn Sie einmal dem kompositorisch geschickt angelegten, gesamten Bildverlauf folgen, gewissermaßen selbst ein Teil des Fließens und Strömens werden. "Alles fließt", Heraklit lässt grüßen.

Dann dürften Sie noch eine andere Qualität erfahren, erspüren, die Mareile Martin mit ihren Exponaten indirekt als Möglichkeit anzudeuten weiß. Fernab von mythologischen Assoziationen gelingt es dieser Künstlerin, eine Sphäre des Losgelöst-Seins zu simulieren. Hier bedeutet das Vergessen kein Auslöschen des Gewesenen wie beim Durchqueren des Acheron - hier wird es positiv gewertet als ein sich Loslösen von der unmittelbaren Realität als ein Entspannen, als eine Form des Freiseins.

Doch letztlich entzieht sich das Geschehen jeder verfestigenden Definition. Es verführt den Betrachter zu einem meditativen "Eintauchen" - offene Horizonte unter Wasser. In den kleinformatigen Zeichnungen von Mareile Martin treffen Sie ebenfalls auf Erscheinungsweisen anonymer Figürlichkeit. Doch im Unterschied zu den gleitenden, abgetauchten Schatten existiert hier keine annähernd linear fortschreitende Bewegung. Im Gegenteil: Wie von einer Linie gezogen, entsteht eine intuitiv gewonnene Körperlichkeit, die sich aus dem ersten Strich spontan, zwanglos und unabsichtlich zu entwickeln scheint.

Die Konturen umgreifen locker und unverkrampft einen zumeist weiblichen Körper, spielen frei mit Volumen und Proportion und verleiten den Betrachter teilweise zum lustvollen Ergänzen und Weiterformen. Doch dann verliert er gewissermaßen den Faden, sprich die Linie. Immer dichter, verwirrender werden die grafischen Gefüge, ohne deshalb ihre Sinnlichkeit einzubüßen. Immer mehr verschränken sich die Körper ineinander, geben jede Individualität zu Gunsten von Bewegung und wogender Lebendigkeit auf. Einer scheint sich im anderen aufzugehen - sei es im liebend erotischen Kampf oder in einer zärtlichen Verschmelzung, die bisweilen in eine unterschiedslose Harmonie zu führen vermag.

Doch diese Künstlerin geht noch einen Schritt weiter, wenn sie vereinzelt selbst die bisher erreichte Synthese des Körperlichen überschreitet, Erkennen und Wiedererkennen nur noch als Ahnen des eigentlich Nicht-Sagbaren zulässt. Was nun die roten Farbmarkierungen anbelangt oder die bei den Fotografien offen gelassenen Fragen - ein bisschen Geheimnis zeichnet doch jedes gelungene, echte Kunstwerk aus.


Besprechung von Eva Maria Weilemann, Die Rheinpfalz vom 21.03.06

Einfach mitschwimmen


Zunächst zeigen die 18 Fotografien von Mareile Franziska Martin sich im Wasser aufhaltende Menschen. Auf dem Rücken liegend, schwimmend, sitzend, sich überschlagend, dunkle Körpersilhouetten in azurblauem Wasser. Benannt ist die Ausstellung im Alten Rathaus in Wörth mit einem der fünf Unterweltsflüsse aus der griechischen Mythologie: "Acheron".

Damit hat Martin einen symbolträchtigen Namen für den Foto-Zyklus gewählt. Die Bilder zeigen eine enorme perspektivische Bandbreite. Sie erzählen vom Jetzt, einem unbeschwerten Urlaub, fröhlichem Planschen im Meer, aber sie deuten auch auf tiefere Hintergründe hin, die unter dem aufgewirbelten Sand liegen.

Die Fotografien deuten auf eine andere Welt hin. In die taucht der Betrachter ein, wenn er sich auf die Bilder der mehrfach ausgezeichneten Künstlerin mit Atelier in Speyer einlässt. Die gelernte Restauratorin, die in Mannheim u.a. an der Fachhochschule Bildgestaltung, Aktzeichnen und Malerei lehrt, schafft es, in ihrer Kunst Elemente aus Jahrhunderte alter Mythologie ins Jetzt zu holen. Ohne sich fremder Bedeutungen zu bedienen oder ihre Bilder mit aufgesetzter Symbolik zu überfrachten.

Die Künstlerin zeigt Momente, die unter der (Wasser-)Oberfläche verborgen sind und weist damit auf die Vereinbarkeit von Unbeschwertheit und Tiefe hin. Ihre Arbeiten lassen viele Assoziationen zu. Das Schöne für den Betrachter ist daran, dass er sich nicht entscheiden muss, sondern einfach gedanklich mitschwimmen kann.

Ein gewisses Maß an Eintauchen erfordern auch die Zeichnungen der Künstlerin, die bei der Vernissage am Freitag mit ihrem Mann Harry Leist selbst für die passende Musik sorgte. Wie der gespielte Jazz muten die sieben Zeichnungen nicht gerade an, vielmehr wirken sie wie ein andauernder Kampf zwischen den teils figürlichen, teils abstrakten Linienelementen. Rote Gouachefarbe contra schwarze Tinte, bei Martin impliziert das von vorneherein eine Auseinandersetzung. Dabei scheint es nicht wichtig, ob in ihrer Serie ein Paar dargestellt wird, das miteinander kämpft, sich dann wieder liebt, sich dabei aber verbiegt. Oder ob es eine einzelne Person ist, die den Kraftakt des Ich-Seins vollbringt oder an ihm scheitert. In nur wenigen Linien verpackt Martin eine ganze Welt an Emotionen. Am Ende zerläuft der Mensch regelrecht in eine sich verflüchtigende Linie.




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