Als Sie gerade eben noch vor dem Eingang zum Alten Rathaus standen und die mächtige Stahl-Skulptur betrachteten, da mögen Sie vermutet haben, heute wohl Vertrautem, Bekanntem zu begegnen. Sie erinnerten sich wohl an eine lange Serie von Arbeiten, die Martin Schöneich mit "Dekon" betitelte, einer Verkürzung des Begriffes "Dekonstruktion", der auf den französischen Philosophen Jacques Derrida zurückgeht: In einer Art materialgewordener Analogie zu diesem theoretischen Ansatz wurden unterschiedliche Formen miteinander in Kontakt gebracht, ohne dass deshalb ein neuer, eindeutiger Sinn postuliert worden wäre. Im Gegenteil: Wie die seriösen Vertreter der früheren Post-Moderne negierte Martin Schöneich jegliches dogmatische Einheitsdenken und "plastizierte" in seinen Exponaten geradezu eine Idee von Pluralität.
Ich hoffe, Sie haben keinen "Schock durch Kreativität" erlitten, als Sie dann die Ausstellung selbst erlebt haben! Wenn Sie Stahl und Stein erwartet hatten, wurden sie gewiss enttäuscht - denn so schnell gibt der Besucher seine liebgewordenen Seherwartungen einem vertrauten Künstler gegenüber ja nicht auf.
Scherz beiseite: Früher traf man auf eine materialbezogene Farblichkeit wie auf Kompositionen, die das Widersprüchliche, Gegensätzliche betonten. Jetzt sind Sie mit einem fast leuchtenden Rot konfrontiert, das ohne Nuancierung, ohne innere Variation alle Partien dieser Holzplastiken dominiert. Das schafft natürlich eine sofortige Aufmerksamkeit - oder um Martin Schöneich zu zitieren, "das knallt". Recht hat er, doch geht es ihm nicht um banale Effekthascherei, vielmehr um ein konzentriertes Fokussieren. Das verlangt eine neues Sich-Einstellen - über den Signal-Charakter der Farbe hinaus - auf einen Formenwandel, auf eine veränderte Inhaltlichkeit.
Waren früher die Skulpturen auf Widerständiges, ja auf Sich-Ausschließendes, vielleicht Bizarres fixiert, beherrschten kantige, ja schroffe Konstellationen die jeweiligen Werke, so gewinnt jetzt eine gänzlich veränderte Gestaltungs-Konzeption die Oberhand. Plötzlich überwiegen runde, weich ausladende Formen, deren einstige Verdichtung einem sich öffnenden, ja suchenden Charakter weicht. Sie haben alles Starre, Sich-Verschließende hinter sich gelassen, symbolisieren eine Sphäre des offenen Horizontes, der global leider zur Mangelware geworden ist!
Da werden diese Exponate zu direkt-indirekten Einladungen, Angeboten ernst gemeinter Kommunikation. Immer wieder erscheint die Kugel als faszinierendes Modell für Vollkommenheit, doch nie beansprucht sie - wie auch früher schon - der "archimedische Punkt" zu sein. Im Gegenteil: Sie wird, wie alle Flächen und Segmente der jeweiligen Konstruktionen, zum Bestandteil eines beweglichen freien Spiels. Da werden die unterschiedlichsten, ungeahnten Positionswechsel möglich, dokumentieren ihre immanente Dynamik. Je nach Drehung, je nach Stellungswechsel der Plastiken ergeben sich neue Ansichten, neue Perspektiven, die der Betrachter allerdings nur mit der praktischen Hilfe des Künstlers vornehmen sollte.
Jede Schwere wurde aus diesen Arbeiten suspendiert. Nicht umsonst nennt Martin Schöneich diese Werkgruppe "Gravitation", verweist damit auf unsichtbare Kräfte, durch die alles in einem flexiblen Gleichgewicht gehalten wird. Man kann dies - je nach Fantasie - als planetarisch, kosmologisch wie auch existentiell deuten. Bei diesem Künstler bleibt immer Raum für eigene Ergänzungen. Denn wie formulierte es Jacques Derrida so einprägsam: "Das Anwesende denkt das Abwesende mit". Und wem das nicht genügen sollte, der kann im Treppenaufgang noch zusätzlich erfahren, wie schwarze Plastiken ihren eigenen Schatten werfen.
Auch bei der Druckgrafik gibt es ein "Einst" und "Jetzt". Früher waren es überwiegend die Phänomene "Zeit" und "Bewegung", die sich in scharfer Trennung der Konturen, unter Verzicht auf jede Zentralperspektive, mit riesigen Scheiben und Räderwerken als Gleichnis für das Paradox des "rasenden Stillstandes" à la Paul Virilio präsentieren konnten. Heute ist das harte Schwarzweiß einer oft mannigfaltigen Farblichkeit gewichen, in der sich Naturhaftes ahnungsvoll widerspiegeln darf.
Malerisch, warm überlagern sich - nach verschiedenen Vorgängen des Holzdrucks - Segmente, die eine Staffelung von Architekturen suggerieren können. Die Oberflächen leben aus einer lebendigen Tiefe, in der die Maserung des jeweiligen Holzes erhalten bleibt - ebenso wie das latent Geheimnisvoll-Verführerische dieser Arbeiten.
Natürlich werden Sie im "neuen Schöneich" den alten wieder finden. Und das ist gut so, denn dieser Künstler fasziniert durch sein philosophisch akzentuiertes Weitersuchen und Weiterdenken - und verkauft sich nicht an ein zweifelhaftes Lifestyle-Gebastel.
Besprechung von Gabriele Weingartner, Die Rheinpfalz vom 28.09.06
Mit virtuoser Leichtigkeit - Martin Schöneich stellt im Alten Rathaus in Wörth aus
Gewiss wird es auch von Martin Schöneich mehr als billigend in Kauf genommen: dass seine rot lackierten Holz- und Stahlskulpturen optimistische Signale vermitteln. Bei einem Rundgang in der Rathaus-Galerie in Wörth, wo derzeit seine Arbeiten zu sehen sind, kann man nicht umhin, seine Gebilde so hoffnungsfroh zu interpretieren. Ihr abstrakt virtuoses Spiel mit der Leichtigkeit verschafft dem Betrachter stets jene unverstellten Blicke, die nur er selbst - beim Umkreisen der Skulptur - finden und erfinden kann.
Dabei wird er außerdem entdecken, dass der 1955 in Grünstadt geborene, mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnete Bildhauer einen Wandel vollzogen hat. War sein früheres, ziemlich schroff realisiertes Kompositionsprinzip - abgeleitet aus der Philosophie Jacques Derridas - die Macht und Ohnmacht der Dekonstruktion, so hat er dies zwar nicht völlig aufgegeben, aber doch gelinde modifiziert und sozusagen in eine neue Sanftheit getaucht.
Alles wirkt schwerelos bei diesen kleinen bis mittelgroßen Skulpturen und trotzdem, durch das so stringent aufeinander Bezogensein der Einzelteile, wie in ein einziges großes Kraftfeld gespannt. In der Tat scheint es, als wolle Schöneich seinem Publikum derart das Wesen der Gravitation begreiflich machen, jene zwar weithin bekannte, im alltäglichen Mikrokosmos jedoch unsichtbar bleibende Energie. Das heißt: Jedem Kleinkind ist bewusst, dass es eine Kraft gibt, die die Dinge zum Boden hin zieht. Und jeder von uns ist ständig der Schwerkraft ausgesetzt. Aber keiner von uns weiß, wie die Bewegungsgesetze optisch darstellbar wären, die eine so große Bedeutung für uns haben und verantwortlich sind für lebensnotwendige chemische und physikalische Vorgänge.
Nur im makroskopischen, im astronomischen Bereich zeigt sich Gravitation. Und vielleicht hat Martin Schöneich vor allem gereizt, die vermeintliche Schwerelosigkeit der Planeten und des Sonnensystems auf seine anschauliche Weise auszuloten. Der Betrachter jedenfalls vermeint sich in ein skulpturales Planetarium versetzt, in dem er lustwandeln und Systeme bestaunen kann, die sich gleichsam von selbst verstehen und ihre eigenen, vom Künstler verliehenen Regeln haben.
Nicht selten spielt eine Kugel eine besondere Rolle, die Sonne. Oder auch Newtons Apfel? Schwer zu entscheiden, für welche wissenschaftliche Theorie sich der Künstler entschieden hat, für die des großen Engländers oder diejenige Einsteins, in dessen Lehre von der Relativität sich die Gravitationswirkung zwischen Körpern mit Lichtgeschwindigkeit in so genannten Gravitationswellen vollzieht.
Dass sie dabei schöne Spuren hinterlassen könnten oder jedenfalls bestechend ästhetische Formen, lässt sich beim Anblick von Martin Schöneichs Skulpturen unschwer erahnen. Auf seinen Linol- und Holzschnitten geht es dafür weniger schwungvoll, sondern eher erdverbunden zu. Nichts dreht sich um sich selbst. Kreis und Fläche sind und bleiben zweidimensional und von jener bräunlich-schwärzlich-gelblichen Farbigkeit, die entsteht, wenn man gerne beim Ursprünglichen bleibt.