Galerie artelier 21 / Galerie artelier 21
 
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Natascha Brändli
Zeichnung, Papierobjekte
25.11.12 bis 22.12.12

Vernissage am 25.11.12 um 11.00 Uhr
Einführung: Christina Körner, Kunsthistorikerin
Musik: Ute Walther, Harfe

Einführung von Christina Körner

Beim Eintreten in die Galerieräume, konnten Sie die Leichtigkeit und das Schwebende, die Reduktion und die Konzentration der ausgestellten Werke sehen. Gerade am heutigen Tag, an dem wir im christlichen Kirchenjahr den Totensonntag begehen, können wir hier lebensbejahende Zeichnungen und heitere Skulpturen betrachten. Einige Symbole und Motive, wie das Oval und die Zahl Fünf, ziehen sich durch das Werk der Künstlerin wie ein roter Faden.

Natascha Brändli, die sich als Zeichnerin und Plastikerin bezeichnet, verwendet Papier nicht nur als Trägermaterial für Bild oder Schrift, sondern als künstlerisches Ausdrucksmittel.
"Was könnte nicht Gegenstand weiterer Gestaltung werden?" fragte Theodor Adorno in seiner Theorie des Kunstwerks - und antwortete: "Alles und Jedes kann von der Kunst ergriffen und zum Subjekt gemacht werden."

Die Zeichnerin wurde 1970 geboren und hat nach ihrem Studium an der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim, Mode Design studiert und mit Diplom abgeschlossen. Nach einer anschließenden Ausbildung zur Bühnenplastikerin, konnte sie am Staatstheater Karlsruhe und dem SWR in Baden Baden ihre erworbenen Fähigkeiten einsetzen. Sie arbeitete vor allem im Bereich Kostümausstattung und Bildhauerei und ist "bei der Kostümplastik, speziell bei dem rudimentären Material Papier hängengeblieben", wie sie sagt. Ihre Vielseitigkeit zeigt sich in den verschiedenen Tätigkeiten, die sie ausübt: Viele von Ihnen kennen Sie als Illustratorin von Alltagsthemen der "RHEINPFALZ am Sonntag". Außerdem gibt sie therapeutisches Malen für Krebspatienten, bietet im Internet unter sophie.schmückt kleine, - wie könnte es anders sein - ovale Broschen an und hat, druckfrisch, ein Künstlerbuch herausgebracht.

Skulptur
Bereits als Sie in diesen Raum eingetreten sind, sahen Sie die große Skulptur "persona 1 2". Zwei konkav geformte Objekte, die mannshoch den Raum teilen. Persona leitet sich ab vom lateinischen Wortstamm "per - sonare" also wörtlich "hindurch - tönen". Die persona war im griechisch-römischen Theater eine Theatermaske, die sich der Schauspieler aufsetzte und durch die er "hindurch - sprach". Der Betrachter kann das Kunstwerk "begehen" und diesen Effekt, Töne und auch sich selbst, anders wahrzunehmen, individuell erleben.

Am hinteren Ende wird der Raum optisch begrenzt durch zwei weitere, große Exponate, die "smueks beflügelt" heißen. Diese beiden Objekte wirken geheimnisvoll, zart und erinnern an Flügel. Sie sind zu einer fragil anmutenden Gestalt vereint. Sie schimmern wertvoll im Licht und tanzen im Windhauch. Man möchte sie umkreisen, berühren und stellt fest, dass sie äußerst robust und formstabil sind. Die Flügel sind aus Seidenpapier, auf geformtem Eisendraht aufgezogen, gehärtet und mit Tusche koloriert.

Als Grundlage dieser Skulpturen dient Natascha Brändli eine Vor-Zeichnung. Alternativ formt sie filigrane Drahtgestelle aus Eisen- oder Silberdraht, die sie verknotet oder verlötet. Den Oxidationsprozess des Gestells bezieht sie bewusst bei jedem der Werke mit ein. Anschließend bespannt sie die Gestelle mit feinem Seidenpapier. Das Papier wird mit Heißleim behandelt und ca. zehn bis zwölf Schichten sorgen für die Stabilität der Modelle. Üblicherweise verwendet sie naturfarbenes oder braunes Papier. Und teilweise - wie bei den Flügeln - koloriert sie mit Tusche nach.

Zeichnungen
Einen großen Werkkreis stellen ihre "smueks" dar: Ihre Zeichnungen haben poetische aber auch rätselhafte Namen wie "smueks" und "smuekzeichnungen".
In diesen Arbeiten taucht das Oval immer wieder auf. Das Oval steht bei Natascha Brändli als Sinnbild für den Menschen. Es ist Symbol für den Sitz der Gefühlswelt und die Beziehungen zueinander. Die diversen Ovale formieren sich immer wieder neu und die verschiedenen Beziehungsstrukturen werden dadurch sichtbar. Der Betrachter kann eine runde oder ovale Bauchform erkennen. Hier ist der Solarplexus verortet: Ein Geflecht von Nervenfasern, das Informationen schaltet und weiterleitet - das die Organe und die Muskulatur reguliert.
Das Oval ist im Wortsinn ein Neutrum - kann also männlich oder weiblich interpretiert werden. Wobei diese konvexen Figuren und deren Farbgebung mehr mit weiblichen Qualitäten assoziiert werden können. Die smuekzeichnungen sind Beziehungszeichnungen - mit der Verwendung der Farbe Kupfer als Sinnbild für die Liebe.

Natascha Brändli wählt für diese "smueks" Graphitkreide, Ölpastell, Eisendraht und Mischtechnik. Auf diese Mischtechnik möchte ich näher eingehen: Was wir hier sehen sind Monotypien. Ein im 17. Jahrhundert erfundenes Verfahren der Bildenden Kunst, das nur noch sehr selten zu finden ist. Statt auf Papier oder Leinwand wird auf Glas-, Acryl- oder Metallplatten gezeichnet oder gemalt. Solange die Farbe nass oder feucht ist, wird mittels Presse oder Handabreibung auf das Papier gedruckt. Die Monotypie ist also eine Verbindung von Malerei, Zeichnung und Grafik. Bei dieser Drucktechnik kann nur ein einziges Exemplar gedruckt werden.

Die Zeichnungen und Skulpturen treten in eine Korrelation, also in eine motivische Wechselbeziehung miteinander. Die Zeichnungen in Mischtechnik und die Skulpturen, erinnern an vegetabile Strukturen. Die Zweidimensionalität der Zeichnung wird in die Dreidimensionalität der Skulptur übersetzt. Diese Kugelskulpturen die auch im Obergeschoss zu finden sind, entwickeln sich aus dem Oval heraus und definieren den Raum neu. Auch hier verwendet sie Seidenpapier, das sie in die gewünschte Form bringt. Die Natur bietet einen reichhaltigen Fundus mit Figuren, die z.B. an urzeitliche Schnecken erinnern.

Bei den "Naturportraitchen" fällt die Leichtigkeit und der Collage-Charakter der Arbeiten auf. Ganz Wesentlich für diese Bilder, sind die abgebildeten Frauen mit "Naturperücken", die an Zweige erinnern. Und davor Fruchtstände mit fünf Samenständen. Auf zahlreichen Zeichnungen finden wir Mohnkapseln, Lindenblüten und weitere Samen und Kapseln. Sie haben die Blüte bereits hinter sich. Dennoch wirken sie nicht melancholisch, sondern signalisieren den Aufbruch zu etwas Neuem. Die Besonderheit, die diesen "Naturportaitchen" aber auch den "behübschungszauber-Bildern" - im oberen Stockwerk - gemeinsam ist, stellt die Zahl Fünf dar. Sie taucht "übersetzt" in vielen Zeichnungen von Natascha Brändli auf: Die Fünf ist eine ungerade Primzahl. Sie ist in vielen östlichen und westlichen Kulturen die Zahl der Liebe als unmittelbare Summe der männlichen Zahl drei und der weiblichen Zahl zwei. Und sie gilt als die Zahl der Liebesgöttin Venus.

Schafe
Im Obergeschoss haben die Schafe Platz gefunden. Man könnte sagen im Schafstall. Tiere und Natur - zwei Aspekte im Leben der Natascha Brändli, die sie liebt und die ihr wichtig sind. Drei Jahre hat sie im Elsass neben einem Bauernhof mit zahlreichen Schafen gelebt - und das hat den Impuls für ihre Auseinandersetzung mit der Schafthematik gegeben. Spätestens seit dem Bestseller-Krimi "Glennkill", sind Schafe vermehrt ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt. Die Besonderheit des Buches ist, dass die Geschichte aus der Perspektive der Schafe erzählt wird. Je nach ihren Eigenheiten bei Alter, Statur und Intelligenz übernehmen sie bei der Lösung des Falls unterschiedliche Aufgaben.
Die Künstlerin spricht ebenfalls von den unterschiedlichen Persönlichkeiten der Schafe, die in die Skulpturen und Bilder eingeflossen sind. Die Schafe, die teilweise in Lebensgröße dargestellt sind, bilden einen kleinen Ausschnitt einer Herde. Mutterschaf, Lämmchen aber auch das schwarze Schaf, das Sie von der Einladung kennen. Auch hier stellt sich wieder die Frage nach der Gemeinschaft, nach den Beziehungen zueinander. Ist das schwarze Schaf als Außenseiter zu sehen oder gehört es zur Herde? Vervollständigt wird dieser "Schafzyklus" mit den zahlreichen Gouachen auf Pappelsperrholz. Das sind kleine, naturalistische Zeichnungen die durch die Farbwahl an Momentaufnahmen erinnern und durch ihre Leichtigkeit wirken.

Und jetzt wünsche ich Ihnen, dass Sie es heute halten, wie Johann Wolfgang Goethe empfiehlt:
"Man soll alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen." 
In diesem Sinne: Viel Spaß bei der Ausstellung und einen schönen Sonntag.


Öffnungszeiten:
Do. und Fr. von 15.00 bis 18.00 Uhr
Sa. von 11.00 bis 14.00 Uhr
oder Termin nach Vereinbarung

Besondere Öffnungszeiten am Anneresl-Markt (1. Adventswochenende):
Fr. und Sa. von 16.00 bis 19.00 Uhr
So. von 13.00 bis 19.00 Uhr



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Natascha Brändli: "Schaf"