Galerie artelier 21 / Galerie artelier 21
 
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Nicole Bellaire und Petra Roquette: "federleicht & baumstark"
Holzschnitte und Zeichnungen, Skulpturen
04.03.12 bis 28.04.12

Vernissage am 04.03.12 um 11.00 Uhr
Einführung: Thomas Angelou, Kunsthistoriker
Musik: Michael Vierling, Percussion und Live-Elektronik

Einführung von Thomas Angelou


Ich freue mich wieder einmal hier in Rheinzabern in der Galerie "artelier21" die Laudatio für die Ausstellung der beiden Künstlerinnen Petra Roquette und Nicole Ballaire halten zu dürfen. Und wie immer macht schon der Titel der Ausstellung wieder sehr neugierig: "federleicht & baumstark".

Gegensätzlicher kann es wohl gar nicht sein und wenn man so seinen Blick durch den Raum schweifen lässt, dann wird einem sofort klar, wie dieser Titel für diese Ausstellung zustande gekommen ist. Kleine filigrane Arbeiten der in Kandel geborenen und heute in Landau lebenden Künstlerin Nicole Bellaire in Form von Holzschnitten und Zeichnungen einerseits, andererseits die Holzskulpturen der in München geborenen und heute in Maximiliansau lebenden Künstlerin Petra Roquette, erdverbunden und fest. Das Spiel der Gegensätze ist es, welcher dieser Präsentation ein spannungsreiches Miteinander verleiht.

Nicole Bellaire

Spontan und spielerisch wirken sie die Arbeiten der Künstlerin Nicole Bellaire. Ob Collage, Zeichnung oder Holzschnitt, das Thema der Natur zieht sich wie ein roter Faden durch all ihre Werke hindurch. Uns begegnen Titel wie Zaubergarten, vergessenes Laub oder Insekt. Überhaupt stellt die Motivwahl für ihre Werke eine Besonderheit dar.

Sind wir doch alle heute in einer Welt zugange in welcher der Erlebniswert des Sehens nahezu auf der Strecke geblieben ist. Überdimensionierte Plakatwände, Werbebanner überall und die kunterbunte Werbewelt der Medien beschleunigen unsere Reitzüberflutung immer mehr. Doch wenn man sich dann mal die Frage stellt, was man denn eigentlich alles gesehen hat, so kommen wir ins Stocken.

Nicole Bellaire fokussiert ihren Blick auf kleine Details. Dinge aus der Natur, welche wir unter normalen Umständen in keinster Weise ansonsten wahrnehmen würden. Der geschärfte Blick für das Detail. Man muss sich den gezeigten Arbeiten nähern, um mit ihnen in Kontakt zu treten, um ihren Inhalt zu erfahren.
Nicole Bellaire arbeitet in Serien, welche meistens keinen Titel tragen.
Als Bildträger verwendet die Künstlerin größtenteils Holzplatten, denn wie sie mir in unserem Gespräch sagte, liebt sie das Gefühl mit dem Bleistift auf dem harten Widerstand zu arbeiten. Als weitere Malmittel verwendet sie ebenso Acrylfarbe und Ölkreide.
Kleinformatige Arbeiten erfordern Konzentration, Fingerspitzengefühl und verlangen die Fähigkeit, dem zur Verfügung stehenden Bildträger einen in sich kompositorischen und harmonischen Gesamteindruck zu verleihen. Schaut man in der Kunstgeschichte zurück, so wird man hier an die Miniaturenmalerei des Mittelalters erinnert. Kunstwerke von höchster Qualität, geschaffen auf kleinster Fläche.

Wie mir Nicole Bellaire erzählte beginnt der Arbeitsprozess bei ihr spontan, meistens mit einer Struktur. Diese Struktur bildet dann die eigentliche Grundlage für das Werk. Hierbei verwendet sie keinerlei Vorskizzen, sondern lässt dem Entwicklungsprozess freien Lauf und ist selbst dabei immer wieder über ihre Ergebnisse überrascht. Ein wichtiges Thema innerhalb ihrer Arbeiten ist der Raum. Wie sie sagt bildet sich ein Raum um den Gegenstand. Neben der Gegenständlichkeit innerhalb ihrer Arbeiten, finden wir auch eine ganze Reihe abstrakter Werke. Auch hier spielt Nicole Bellaire mit dem Raum bzw. der vorhandenen Raumsituation. Spannungsreich zeigen sich auch diejenigen Arbeiten bei welchen sie die Technik des Holzschnitts mit Collageelementen kombiniert.

Es waren die Künstler wie Martin Schongauer und Albrecht Dürer, welche schon zu ihrer Zeit mit den grafischen Techniken wie Kupferstich, Radierung und Holzschnitt Meisterwerke geschaffen haben. Die Grafik geprägt durch die linearen Strukturen, als Vorläufer des Gemäldes. Schon Dürer wusste damals gekonnt durch grafische Arbeiten einen Teil seines Lebensunterhalts zu bestreiten, indem er sonntagmorgens seine Frau mit kleinen Devotionalien sprich Heiligenbildchen in einem Korb vor die Kirche schickte, welche diese nach dem Gottesdienst an die Gläubigen verkaufte. Somit erzielte er Einnahmen, erreichte eine Käuferschicht welche sonst niemals in der Lage gewesen wäre eine größere Arbeit bei Dürer zu kaufen und sein Name erfuhr einen nicht zu unterschätzenden Verbreitungs- und Bekanntheitsgrad.

Der Arbeitsprozess bei Nicole Bellaire ist ganz unterschiedlich. Dieser kann sich auf vier Tage bis zu einem unbestimmten Zeitraum hin erstrecken. Ein Objet trouvé (franz. für 'gefundener Gegenstand') ist ein Kunstwerk, beziehungsweise Teil eines Kunstwerks, das aus vorgefundenen Alltagsgegenständen oder Abfällen hergestellt wird. Ready-mades werden sie genannt, wenn der Künstler am vorgefundenen Objekt keine oder kaum Bearbeitungen vornimmt. Entstanden ist das Objet trouvé im Umkreis des Dadaismus als skulpturale Erweiterung der Collage (Kurt Schwitters, Merz-Bauten). Der Missbrauch und die zweckfreie Kombination von trivialen Gegenständen und Materialien in neuen Sinnzusammenhängen sowie die Erhebung zum Kunstwerk hatte spielerische, anarchische und provokante Züge.
So verwendet die Künstlerin für ihre Arbeiten diverse Fundstücke, Plakatabrisse, Reste der unterschiedlichsten Art, Monotypien und Zeitungsausschnitte, welche sie gekonnt weiterverarbeitet, indem sie diese mit einem Druck, der sich mal darüber oder darunter befinden kann geschickt kombiniert. Auffällig und beinahe wie ein Markenzeichen der Arbeiten von Nicole Bellaire. ist ihre Farbwirkung. Nahezu alle Werke weisen eine gedeckte Farbigkeit auf und die Farbe Grau steht fast überall im Mittelpunkt. Jede ihrer Arbeiten erzählt somit eine ganz eigene Geschichte für sich. Auch wenn die Arbeiten anfangs einen plakativen Eindruck vermitteln, können die Betrachter in diese eintauchen.
Hier eine Kuh, dort ein oder mehrere Schafe, lassen erkennen, dass das Tier für sie ebenfalls eine zentrale Rolle innerhalb ihrer Werke einnimmt.

Es ist nicht der Mensch, der Aufmerksamkeit erregt sondern die Tiere welche sich im Bildvordergrund befinden oder diesen sogar überschneiden. Besonders erwähnenswert sind die Zeichnungen, welche die Entwicklung des Schmetterlings zum Thema haben. Die Verpuppung, die verschiedenen Stadien der Raupe weckten das Interesse der Künstlerin welche hierfür mit Bleistift, Grafitstift, Ölkreide, Holzbuntstiften und Transparentpapier gearbeitet hat.
Fragt man die Künstlerin nach einem möglichen Vorbild, so nennt Sie Max Ernst. Max Ernst war Autodidakt und ist durch seine Arbeiten zu Weltruhm gelangt. Er hat die Frottage, also die Durchreibetechnik und die Grattage, in die Farbe auf der Leinwand hinein ritzen, entwickelt. Es waren der Flügelschlag und die Bewegungen, welche die Künstlerin zu den Schmetterlingszeichnungen inspirierte. Bei ihren Holzschnitten, auf vier Abzüge meistens begrenzt, arbeitet Nicole Bellaire mit der Technik der verlorenen Platte. Zuerst wird hinein geschnitten, dann gedruckt, danach wieder weiter geschnitten und eine neue Farbe kommt hinzu. Abschließend sei noch die Arbeit Schattenspiel erwähnt, alle Arbeiten allesamt im Offsetverfahren auf Transparentpapier erstellt. Auch hier faszinierte die Künstlerin das Schattenspiel von Bäumen, welche bei ihr zu eigenständigen Akteuren auf dem Bildträger als Bühne werden. Nicole Bellaire ist durch zahlreiche Ausstellungen einem breiten Publikum bekannt.

Petra Roquette

Die heute hier gezeigten Holzarbeiten hatten großes Glück, denn sie kamen in die rechten Hände, nämlich in die der Holzbildhauerin Petra Roquette aus Maximiliansau. Schlendert man so um die Holzskulpturen herum, entdecken wir Titel wie Himmelwärts, Flamenco, Tango, Sommerwind, Blauköpfe, Homunculus, Habakuk oder der Wächter, um nur einige zu nennen. Es ist das Material Holz welches, die in Berchtesgaden an der Berufsfachschule für Holzschnitzer und Schreiner ausgebildete Künstlerin immer wieder aufs Neue fasziniert.
Holz ist urgewachsen und in den unterschiedlichsten Formen, Strukturen und Verformungen in der Natur zu finden.

Und da stehen sie. Männer so stark wie Baumstämme, oder sollte ich besser sagen wie Bahnschwellen, denn aus diesen wurde diese Gruppe von der Künstlerin zum Leben erweckt. Jeder von ihnen ein Individuum mit ganz unterschiedlichen Charaktereigenschaften, wie es ihre Gesichtszüge zu verraten scheinen. Wäre da nicht der Eisenstab, welcher ihren hölzernen Körper durchbohrt auf dem oben der Kopf aufsitzt und unten ein Fuß den gesamten Arbeiten Stabilität verleiht. Die Blauköpfe scheinen nachzudenken, stehen auf einem Bein wie ein Flamingo und scheinen sich dennoch bewusst zu sein, dass es sich bei ihrer Erscheinung um etwas Besonderes handelt. Doch wo sind die Arme? Möglicherweise eng anliegend in den Bahnschwellen versteckt, Körper die vielleicht versuchen ihren hölzernen Panzer zu sprengen und durchbrechen? Wie sieht die Figur wohl im Ganzen aus? Doch dem scheint nicht so zu sein, denn anhand ihrer persönlichen Präsenz und ihrer Mimik erwecken sie eher einen zu zufriedenen und nachdenklichen Eindruck. Der Mann mit der Mütze verhält sich etwas im Hintergrund und schaut der Herrenrunde lächelnd zu.

Petra Roquette modelliert die Köpfe auf den Schwellen, die dann danach abgegossen werden. Holz als ein Jahrhunderte altes Material, hat in jeder künstlerischen Epoche inspiriert dieses zu bearbeiten. Ob Altäre und Madonnen von Tillman Riemenschneider oder Arbeiten von Ernst Barlach, alle waren sie von denen durch Umwelteinflüsse, Wind und Wetter geformten fast mit menschlich anmutenden Physiognomien versehenen Holzstämmen fasziniert.

Doch bevor Petra Roquette überhaupt zu ihren Arbeitswerkzeugen wie Klüpfel und Eisen oder auch mal die Kettensäge greift, versucht sie indem sie den Baum auf sich wirken lässt, seine Struktur, seine Geschichte und seine Ausdruckskraft für sich in einem beinahe meditativ anmutenden Prozess zu erfassen und zu erleben. Sie baut , wenn man so sagen darf, so etwas wie eine Freundschaft zu dem Material Holz auf, versucht es zu verstehen und besser kennen zu lernen. Ähnlich wie Nicole Bellaire, beginnt auch Petra Roquette ihre Arbeiten ohne lange Vorausplanung, sondern der Anfang einer jeden Arbeit äußert sich in der Spontaneität. Auch hier werden erst nachdem die Arbeit schon begonnen wurde, Entscheidungen was das weitere Vorgehen betrifft, getroffen. Entweder beginnt die Künstlerin am ganzen Stamm oder an den schon verwitterten Stellen zu arbeiten. Neben dem rein handwerklichen, handelt es sich es sich somit auch um einen rein emotionalen Prozess, welchen die Künstlerin zwischen sich und dem zu bearbeitenden Material Holz erlebt. Beide suchen einen gemeinsamen Weg zu finden, um eine innere, harmonische Balance zu erreichen.

Somit entstehen aus einem schweren Material Objekte, die plötzlich ganz leicht und filigran anmuten, wie z.B. die Arbeit "Gewachsen2. Stand doch einst der Baumstamm fest verankert und verwurzelt im Erdreich, beginnt er plötzlich unter den Händen der Künstlerin seine ursprüngliche Form zu verlieren und nimmt eine neue äußere Gestalt an. Ähnlich wie die Raupe sich zum Schmetterling verwandelt, widerfährt es dem uralten Baum, der durch diesen künstlerischen Prozess ebenfalls eine Verjüngung erfahren kann.

Wir bitten zum sinnlichen, hingebungsvollen "Tango" bzw. zum wilden und feurigen "Flamenco". Transparenz, Filigranität und Leichtigkeit schwingt harmonisch zum Rhythmus einer Melodie. Worin sieht die Künstlerin Petra Roquette ihr Ziel: Ein Arbeiten mit dem Holz und nicht dagegen. Spannungsreichtum und Erzählcharakter ihren Arbeiten zu verleihen, gelingt ihr dadurch, dass sie ihr Material Holz in Symbiose mit weiteren Materialien treten lässt, wobei sie sich hierbei auf einige wenige beschränkt hat. Das organische, warme, weiche Holz geht somit mit dem kaltem, harten und künstlichen Stein eine Symbiose, eine Wechselbeziehung zweier Arten zum Nutzen, ein.

Auch hat, wie sie sagt, die Natur für ihren Arbeitsprozess schon einige Vorarbeit geleistet, denn die naturgegebenen Farb- und Wachstumsstrukturen, Risse und Astlöcher geben ihr schon so etwas wie eine kleine Anleitung vorweg. Diese Vorgaben sucht sie und bindet sie als gestalterische Mittel während des gesamten Arbeitens bewusst mit ein. Wie viele Züge mögen wohl schon über die Bahnschwellen dahin gerattert sein? Man weis es nicht, doch Wind und Wetter haben sie schon so perfekt vorbereitet und die Spuren der Zeit hinterlassen, welche so viel zu berichten wissen, dass nur noch Kopf und Fuß notwendig sind, um das Objekt zum Leben zu erwecken.

Die Künstlerin geht nicht gezielt auf die Suche nach Holz, sondern sie findet es hier und da, oder auch mal ganz zufällig, oder man bekommt z.B. Bahnschwellen geschenkt. Ihre Arbeiten charakterisieren sich auch durch das Thema Kraft und Gegenkraft, wie z.B. bei der Arbeit Sommerwind, welche indirekt auch an Arbeiten von Ernst Barlach erinnern lässt. Man spürt förmlich den Wind, welcher hier das Haar nach hinten zu wehen scheint.
Schauen Sie doch auch einmal nach Habakuk, dem keck und spitzbübisch dreinschauenden Vogel, welcher sich aus dem Material Holz wie aus einem Ei heraus zu schälen scheint. Petra Roquette arbeitet meistens mehrere Wochen im Freien an ihren skulpturalen Holzarbeiten, welche sie nach Fertigstellung ölt und hier und da mit weißem Pigment behandelt. Sie sieht sich als eine Holzbildhauerin im klassischen Sinne, und dennoch weisen Ihre Arbeiten eine vielfältige Bandbreite von gegenständlich, erzählerisch bis hin zu modern und abstrakt auf. Wie sagt sie selbst: bodenständig, geerdet, in sich ruhend und lebendig zugleich.

Somit möchten Sie, Nicole Bellaire, Petra Roquette, Doris Schneider und meine Wenigkeit heute dazu einladen, die faszinierenden Welten der beiden Künstlerinnen kennen zu lernen, auf sich einwirken zu lassen, um sich deren ausdrucksstarken Kunstwerken anzunähern. Und Sie werden mit Sicherheit danach ganz federleicht nach Hause gehen und sich gleichzeitig stark wie ein Baum, also baumstark fühlen und was Sie mit Sicherheit überhaupt nicht haben müssen, das ist Schwellenangst.


Öffnungszeiten:
Do. und Fr. von 15.00 bis 18.00 Uhr
Sa. von 11.00 bis 14.00 Uhr
oder nach Vereinbarung




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