Stadt Ludwigshafen / Wilhelm-Hack-Museum
 
000_blank
Norbert Thomas: "System und Zufall"
Malerei, Reliefs, Objekte
15.07.07 bis 02.09.07

Der Untersuchung von Winkelproblematiken widmet sich der 1947 in Frankfurt am Main geborene und in Essen lebende Künstler Norbert Thomas seit seinen studentischen Anfängen (1969). Er untersucht systematisch die Verhältnisse aufeinander folgender Linien und Flächen, die durch immer neue Winkelbestimmungen ihre Richtungen ändern und zu neuen, unverhofften Konstellationen führen. Die Ausstellung präsentiert 62 Werke, Gemälde und Skulpturen, die in der Zeit von 1976 bis 2007 entstanden sind. Ihre Hängung und Aufstellung nimmt auf die Räumlichkeiten des Museums Bezug.

Norbert Thomas zählt seit den 1970er Jahren zu der jüngeren Künstlergeneration der "Konkreten Kunst", die sich um eine rationale Grundlage der künstlerischen Gestaltung bemühen. Er selbst schreibt: "Gestaltung ist nur denkbar, wenn Individualität und Ordnungsprinzip neue Gesetzmäßigkeiten und Gestaltungsmöglichkeiten hervorbringen".
Bereits während seines Studiums an der Hochschule für Bildende Künste und der Gesamthochschule in Kassel befasste er sich mit der Erweiterung des systematisch-konstruktiven Konzeptes durch eine bewusste Einbeziehung des Zufalls, aber nicht als willkürliches oder chaotisches Eingreifen sondern als "gelenkter Zufall": So bestimmen zufällig gezogene Zahlen von 1 bis 360 die Winkel den Verlauf seiner Linien; ein Prinzip, das in Kombination mit verschiedenen Farben und Formen eine unendliche Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten hervorbringt. Seit den Anfängen ist sein Thema aber auch immer wieder die Umsetzung der flächigen Arbeiten in den Raum.
Ab den 1980er Jahren entwickelt der Künstler dreidimensionale Werke, in denen Linien als Rohre den Raum und die Wände durchkreuzen. Die Routen dieser häufig mehrteiligen "Raumformen", ihre Abweichungen von den Wegrichtungen sind durch Zufallsrichtungen festgelegt. Norbert Thomas nimmt die systematische Ordnung beziehungsweise die starren Rasterschemen der konstruktiven Kunst der 1960er Jahre auf, die er dann wiederum durch die Einbeziehung des Zufalls auflöst. Auf diese Weise findet eine "Befreiung innerhalb des Rahmens" statt.


Das Prinzip Zufall

Norbert Thomas Werke basieren auf einem Zusammenspiel von Gesetz und Zufall von Ordnung und Unordnung wodurch völlig neue unerwartete Strukturen entstehen. Das Prinzip des gelenkten Zufalls dient ihm als Mittel zur Visualisierung von Strukturveränderungen und der Durchbrechung traditioneller Ordnungsprinzipien. So unterläuft Norbert Thomas eine Ästhetik, in der primär die Subjektivität des Künstlers dominiert. Indem dem Zufall eine bestimmende Komponente bei der Bildfindung eingeräumt wird, wird ein objektiver Faktor eingesetzt, um zu neuen bisher unbekannten sinnlichen Erfahrungen zu kommen. In den Arbeiten Norbert Thomas erhalten die Form- und Farbsensationen eine unübersehbare Präsenz.

Seine Arbeiten sind Beispiele einer konsequent konkreten Kunst; nichts ist konkreter als eine Linie, eine Fläche und eine Farbe, wenn sie nichts Außerbildnerisches illusioniert. Er hat Ernst gemacht mit der Erkenntnis, dass Kunst weder aus dem Stoff und Thema noch aus der Philosophie des Künstlers und schon gar nicht aus der Gefühlswelt des Betrachters resultiert, sondern primär aus der Form. Hier besteht kein Widerspruch zwischen dem Einsatz eines Zufalls und dem Wunsch, eine unverbindliche Subjektivität zu vermeiden, um objektive Bilder zu bekommen. So wie Norbert Thomas den Zufall einsetzt, ersetzt er einen Teil dessen, was künstlerische Inspiration genannt werden kann. Damit verlagert sich die künstlerische Kreativität auf die unendlichen Möglichkeiten, die zufällig gefundene Zahl vor ihrer Umsetzung in ein bildnerisches Element zu definieren.

Es erscheint eine zweibändige Monografie des Künstlers, unter anderem mit Texten von E. Gomringer, U. Grevsmühl, H.-P. Riese (Druck Verlag Kettler, Bönen, 2003)

In Kooperation mit dem Emschertal-Museum und der Flottmann-Hallen in Herne (08.09.07 bis 28.10.07) wird eine dreiteilige Dokumentation erscheinen.





[zur├╝ck]
Norbert Thomas
Norbert Thomas: "o. T.", 2001