Rotraud Chudzik und Astrid Fleig
Malerei und Zeichnungen
12.11.06 bis 10.12.06
Rotraud Chudzik
Einführung von Dr. Matthias Brück
Ein kluger Mann, namens Josef Joubert, hat einmal geargwöhnt, manche Leute würden in ihren Köpfen Fremdenzimmer für die Meinung anderer Menschen unterhalten. Bezieht man diese Feststellung auf die sogenannte Gegenwartskunst, so dürfte es bisweilen ganze Stadtteile mit Fremdenzimmern geben…
Doch hier, in der Galerie Altes Rathaus, die heute Arbeiten von Rotraud Chudzik und Astrid Fleig präsentiert, denke ich, dass aus den isolierten Fremdenzimmern angenehme Gästezimmer werden. Denn beide Künstlerinnen - so unterschiedlich sie sich in ihren Werken zeigen - überzeugen durch eine grafische, beziehungsweise malerische Intensität, die schlicht das Authentische, Leidenschaftliche dieses Schaffens spürbar werden lässt.
Bei Rotraud Chudzig stand am Anfang nicht das Wort, vielmehr "Die kleine Betende" auf dem Wörther Friedhof und dann im Bürgerpark die "Urfrau" von Volker Krebs. Sie waren wohl die Initialzündung, um sich über lange Jahre hinweg mit der plastischen Kunst in Wörth auseinander zu setzen. Und aus mehr als 500 Zeichnungen hat diese Künstlerin nun einige für diese Ausstellung ausgesucht. Kruzifixe aus verschiedenen Kirchen, Friedhofsplastiken und schließlich etliche Skulpturen, denen man häufig in Wörth begegnen darf.
Bisweilen können Sie den Entwicklungsprozess nachvollziehen - von der flüchtigen Skizze bis zur vollendeten Graphik. Vom sich orientierenden Strich bis zum pointierenden Herausarbeiten der mannigfaltigsten Physiognomien formen sich hier Aneignungen des Objektes, die weit über ein nur Abbilden hinausweisen. Mit feinem, diszipliniertem Strich, mit an- und abschwellenden Schraffuren nähert sie sich dem jeweiligen Kunstwerk an. Zumeist wählt sie Segmente aus, konzentriert sich auf bestimmte, ausdrucksstarke Gesichter. Die erscheinen sodann als Einzelblätter oder werden in neun bis zwölfteiligen Kompositionsblöcken zusammengefasst. Dann allerdings als Collagen, die ihren Hintergrund auf Kopien finden, die ihre natürliche Umgebung gewissermaßen wieder herstellen oder neu erfinden…
Sie werden es bemerkt haben: diese Zeichnungen schweben geradezu zwischen leichtem Stilisieren und einem verhaltenen Idealisieren, erzeugen dennoch eine innerer Dramatik, die für den Betrachter spürbar bleiben wird. Und sie dokumentieren noch etwas: einen seltenen Respekt vor den einzelnen Kunstwerken, eine Sorge um ihre Existenz ein Bewahren-Wollen. Denn nur allzu oft hat diese Künstlerin Missachtung, Pietätlosigkeit und Vandalismus direkt vor Ort erleben müssen. Somit werden ihre Exponate auch Spiegelbilder einer künstlerischen Existenz, die das eigene Können engagiert und überzeugend für die Kunst anderer und ihren Erhalt wirksam werden lässt. - Was will man mehr im Zeitalter des fortschreitenden Egoismus’.
Mit Astrid Fleig betreten sie eine Welt des Vehement-Expressiven. Eine Welt, in der alles in lodernde Bewegung versetzt worden zu sein scheint. Vergleichbar mit der Farb-Potenz der einstigen "Neuen Wilden" schaffen diese Acryle und Mischtechniken ein Szenario des Unerwartet-Explosiven, dem es vordergründig an Orientierung zu fehlen scheint.
Wenn Sie bereits in unseren Katakomben waren, dann haben Sie wohl erlebt, dass diese Exponate - unter wechselnder Beleuchtung - einen gigantischen Prozess wechselnder Eindrücke, eine visuelle Überlagerung des scheinbar Unkoordinierten sichtbar machen können. Aber auch hier in der Oberwelt bleibt dieser Charakter des Ungebändigt-Seins erhalten. In drängender Farbmächtigkeit mit einem fast exzessiven Pinselstrich, der manches flammende Inferno noch pointierter akzentuieren dürfte, versteht es diese Künstlerin, Ordnungen zu ignorieren.
Sie verzichtet auf jeden Titel, als wolle sie die überbordende Vehemenz nicht begrifflich einschränken. Gewiss, bisweilen legt sie geometrische Ebenen über den brodelnden Farbrausch. Quadrate, Romben, Kreise oder gitterähnliche Gerüste, ja Verhaue scheinen das freundliche Chaos bändigen zu wollen, das manchmal Reflex eines übergreifend globalen Karnevals sein könnte. Ein Fest der Emotionen , ein Innenwelt-Erlebnis, das Astrid Fleig mit ungefilterter Leidenschaft dem Betrachter vorzuführen versteht! Da wären Titel in der Tat nur störend…